Volltext: Die Logik der Dichtung

Die fiktionale oder mimetische Gattung 
handelt. Das Fiktionsfeld, der Romaninhalt ist nicht das Objekt dieses Er 
zählens. Seine Fiktivität, d. i. seine Nicht-Wirklichkeit bedeutet, daß es nicht 
unabhängig von dem Erzählen existiert, sondern bloß ist kraft dessen daß 
es erzählt, d. i. ein Produkt des Erzählens ist. Das Erzählen, so kann man 
auch sagen, ist eine Funktion, durch die das Erzählte erzeugt wird, die 
Erzählfunktion, die der erzählende Dichter handhabt wie etwa der Maler 
Farbe und Pinsel. Das heißt, der erzählende Dichter ist kein Aussagesub 
jekt, er erzählt nicht von Personen und Dingen, sondern er erzählt die 
Personen und Dinge; die Romanpersonen sind erzählte Personen so wie 
die Figuren eines Gemäldes gemalte Figuren sind. Zwischen dem Erzählten 
und dem Erzählen besteht kein Relations- und das heißt Aussageverhältnis, 
sondern ein Funktionszusammenhang. Dies ist die logische Struktur der 
epischen Fiktion, die sie kategorial von der logischen Struktur der Wirk 
lichkeitsaussage unterscheidet. Zwischen dem eIttsiv der erzählenden Dich 
tung und dem der historischen Aussage läuft die Grenze zwischen ‘Dich 
tung und Wirklichkeit’, an der es keine Übergangspunkte von der einen zur 
anderen Kategorie gibt und die, wie wir eingehend sehen werden, ein ent 
scheidendes Kriterium für den Ort der Dichtung im Sprachsystem bedeutet. 
Daß diese Grenze mitten durch das allgemeine Gebiet des Erzählens läuft, 
wäre im Sinne der traditionellen Grammatik und Sprachtheorie eine über 
raschende und anstößige Feststellung, wenn wir diese Tatsache nicht durch 
den Aufweis der sprachlichen Prozesse, die sich auf dem erzählten Fiktions 
feld abspielen, hätten begründen können. Diese Prozesse oder Phänomene: 
die Bedeutungsveränderung des Präteritums, der Übergang der deiktischen 
Adverbien aus dem Zeigfeld in das Begriffs- oder Symbolfeld der Sprache, 
die Möglichkeit der Anwendung der Verben innerer Vorgänge sind Sym 
ptome und als solche auch die Folge des Funktionszusammenhanges zwi 
schen Erzähltem und Erzählen, der das fiktionale Erzählen kennzeichnet. 
Denn diese sprachlichen Phänomene sind die Symptome der fiktiven Welt, 
die hier erzeugt ist und in der es keinen realen Raum und keine reale Zeit gibt. 
Wenn wir nun als das entscheidende Strukturmoment dieser fiktiven 
Welt und damit als die Ursache der genannten Erscheinungen das Ver 
schwinden einer realen Ich-Origo, also eines Aussagesubjekts, erkannten, 
so scheint es, als wären die Phänomene aus zwei verschiedenen Ursachen 
hergeleitet, die zwar nicht in Widerspruch zueinander stehen, aber ohne Zu 
sammenhang sind. Doch verhält es sich eben so, daß die Abwesenheit der 
realen Ich-Origo und der funktionale Charakter des fiktionalen Erzählens 
ein und dieselbe Erscheinung sind. Beides sind nur verschiedene Aspekte 
und sogar nur verschiedene Ausdrucksweisen dafür, daß dies Erzählen von 
dem Erlebnis des Nicht-Wirklichen geprägt ist. Dies Erlebnis tritt in dem 
Augenblick ein, in dem die fiktiven Gestalten oder Ich-Origines auftreten
	        

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