Full text: Die Logik der Dichtung

Die epische Fiktion 
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oder, da wir durch den Kontext darauf eingestellt sind, wir ihr Auftreten er 
warten. Sie aber sind es, die die erzählende Dichtung als Fiktion, als 
Mimesis konstituieren. Was denn nun umgekehrt wiederum nichts anderes 
besagt, als daß es das Erzählen der erzählenden Dichtung ist, das diese er 
zeugt. Nur in ihr hat das Erzählen den Charakter einer Funktion und nicht 
den einer Aussage, und wir konnten an dem Text des ,Jürg Jenatsch’-An 
fangs, und noch prägnanter an dem des >Hochwald< genetisch verfolgen, daß 
es einzig und allein der Prozeß der Fiktionalisierung ist, der das epische, 
funktionale Erzählen kategorial von dem historischen, aussagenden Er 
zählen (der Wirklichkeitsaussage) trennt. Dieser Prozeß ist aber nur deshalb 
an menschlichen Gestalten (bzw. vermenschlichten Tiergestalten oder 
selbst Dingen, wie in Fabeln, Märchen u. ä.) vollziehbar, weil nur der Mensch 
eine Person, d.h. nicht bloß ein Objekt, sondern auch ein Subjekt ist. Fik 
tionalisierung geschilderter Personen bedeutet eben dies: sie nicht als Ob 
jekte sondern als Subjekte zu schildern. 
Die Begriffe Objekt und Subjekt treten aber hier offenbar in einer anderen 
Bedeutung auf als in der der Relationspole der Aussage. Das Objekt der 
Aussage meint nichts als das Ausgesagte, das Subjekt der Aussage die Aus 
sage selbst: es sind aussagenlogische Begriffe. Spreche ich aber von einer 
Person als einem Objekt, so bilde ich diesen Begriff als Gegensatz zu dem 
des Subjekts im ontologischen Sinne eines ich-sagenden Wesens: der Mensch 
ist ein Ich, ein Subjekt, er ist das Wesen, das von und zu sich selbst Ich sagt. 
Dies ist der genaue Gegensatz zum Begriff des Objekts im Sinne eines Ge 
genstandes oder Dinges. Das Ich als spezifisch Ich-sagendes befindet sich 
gegenüber einer Welt von Objekten, einer gegenständlichen Welt, zu der 
für es auch die anderen Menschen, die anderen ich-sagenden Wesen gehören. 
Von ihnen weiß es nur als von Objekten, nicht als von Subjekten, weil jedes 
ich-sagende Wesen nur von sich selbst als einem Subjekt weiß; oder es weiß 
von ihnen nur als von Subjekten, wenn diese sich selbst äußern. Die ich- 
sagenden oder Personobjekte kann ich mir zwar auf andere Weise zum Ver 
stehen bringen als Dingobjekte: ich kann mich auf Grund ihres eigenen Ich- 
seins mit ihnen, als einem Du, verständigen 34 . Aber ist, worauf es in unse 
ren Zusammenhängen nun ankommt, ein Personobjekt das Objekt einer 
Aussage, so kann von ihm nur als einem Objekt ausgesagt werden - und 
um dies gleich an einem Beispiel aufzuklären: ein Satz, der lautet »sie erin 
nerte sich in diesem Augenblick an die Worte, die sie zu ihm gesagt hatte« 
(Musil), erweist sich unmittelbar als Romansatz, als Satz des fiktionalen Er 
zählens, und nicht einer Aussage. Nur in einem solchen können Verben der 
inneren Vorgänge Vorkommen, die denn, wie gezeigt wurde, das mit dem 
34. Zu der Problematik des Ich-sagens vgl. PHofmann, Das Verstehen von Sinn und seine All 
gemeingültigkeit (Bln.*29) und das Hauptwerk Sinn und Geschichte, Mohn.’37, hier bcs. Kap. I und VII
	        

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