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21 Ueber Wasserleitungs- ꝛc. Einrichtungen. — Grundzüge und Vorschläge für den Bau evangelisch-protestantischer Kirchen. 322
Wenn viel Wasser rasch in ein senkrechtes Abflußrohr ein—
zelassen wird, so kann dies saugend auf ein unterliegendes
Zweigrohr wirken. Es macht sich das in einem kollernden
Geräusch an den Geruchverschlüssen bemerkbar; hört das
Saugen auf, so tritt oft eine solche Blase von den Kanal—
gasen in das Zimmer. Es ist das hier in Berlin noch nicht
ganz beseitigt. In Düsseldorf hat man diese Vorkommnisse
dadurch radikal beseitigt, daß die Geruchverschlüsse noch durch
ein dünnes Rohr bis oben über's Dach entlüftet werden
müssen. Die Roͤhren für die Abflußleitungen sind aus Stein⸗
zut oder Thon, Eisen, Blei, Zink und Kupfer. Hier in Berlin
werden die Thonröhren, obgleich sie polizeilich gestattet sind,
in den Häufern meist nicht verwendet; ich halte das
für sehr segensreich. Die Verbindungen der Muffen sind doch
nicht solide genug, um sie auch nur in den Wänden verlegen
zu können; sie sind auch gar zu leicht Beschädigungen aus:
gesetzt. Die schmiedeeisernen Röhren sind für Abflußleitungen
gar nicht zu gebrauchen, weil sie durch das Schmutzwasser
noch stärker rosten, als durch reines Wasser. Bleirohr ist
ganz gut, wenn man ihm eine solche Wandstärke giebt, wie
in Amerika, sodaß es wirklich widerstandsfähig ist. Dadurch
wird es jedoch sehr theuer und sind wir daher an der Grenze
des Zulässigen in Bezug auf Schwachwandigkeit auge—
kommen, oder haben sie vielleicht schon überschritten Hier
werden Bleiabfluͤßrohre mit weniger als 2 mm Wandstärke
gebraucht; der Druck des kleinen Fingers genügt, um eine
Beule hineinzudrücken. Löthen kann man solche schwachwandigen
Bleiröhren nicht aneinander, sie werden ineinander geschoben
und mit Kitt gedichtet. Es ist dies meines Erachtens ein sehr
dunkler Punkt'in unseren Hauskanalisationen in Berlin. Ebenso
sind die gußeisernen Abflußröhren hier zu schwachwandig.
Auch hier ist in Berlin meines Erachtens die Grenze des Zu—
lässigen weit überschritten. Ich bemerke noch, daß es üblich
ist, die Verbindungen zwischen einem Bleiabfluß und einem
zußeisernen Abflußrohre so herzustellen, daß ersteres einfach in
die Muffe des letzteren eingeschoben und dann die verblerbende
Fuge mit Kitt verschmiert wird. Jeder äußere leichte Druck
löst die Verbindung. Hier müßte ein ordentlicher Dichtungs—
ring eingelöthet werden. Wie ich vorhin erwähnte, ist es in
Amerika sehr üblich, Bleiröhren für Abflußleitungen zu ver—
wenden, aber nicht unter 5bis 6 mm Wandstärke, während
hier auf 2 mmheruntergegangen wird. Das große Gewicht
und die Weichheit des Metalles verursachen jedoch in senk—
rechten Leitungen leicht ein Sacken, sodaß es Beulen erhält.
Eine vollständig geradlinige Bleirohrleitung, die auf Ent—
fernungen von 1mm gut unterstützt war, hängt nach Jahren
in Bogen wie eine Guirlande.
Auch Temperaturdifferenzen machen sich unangenehm
geltend: die Wärme dehnt das Bleirohr aus, das eigene Gewicht
und die Weichheit des Materials verhindert das Zusammen—
ziehen und so giebt es starke Stauchungen. Wenn ich hier
so großes Gewicht auf die Gasdichtigkeit der Abflußleitungen
gelegt habe, so will ich damit keineswegs die Giftigkeit oder
gesundheitsschädigenden Eigenschaften der Kanalgase aus—
gesprochen haben. Darüber sind die Akten der Gelehrten noch
nicht geschlossen. Das Wohlbefinden der Kanalräumer will
ich keineswegs, wie es so oft geschieht, für einen Beweis des
Gegentheils anführen: ich meine, daß stinkende Gase so ekel—
haft sind, daß fie so ungünstig auf den Appetit, auf das
allgemeine Wohlbehagen einwirken, daß dies allein Grund
genug ist, mit allen Mitteln die stinkenden Kanalgase aus
unseren Wohnungen fern zu halten. Aus diesem Grunde halte
ich unsere Kanalisations-Vorschriften noch für viel zu weitherzig:
Kitt- oder Thondichtungen von Leitungen in den Häusern sollten
überhaupt nicht gestattet sein.
Wir sind in der Beziehung lange nicht so empfindlich,
wie die Amerikaner in ihren Häusern, im Gegensatz zu den
Straßen, auf welchen wir ihnen in Bezug auf Reinlichkeit
weit „über“ sind. Es giebt in Amerika besondere Ingenieure,
die die Hausleitungen auf ihre Dichtigkeit untersuchen. Sie
machen die Probe in der Regel mit Pfefferminzöl, welches
einen so durchdringenden Geruch hat. daß. wenn man ein«
leine Quantität in eine sonst geschlossene Leitung hinein—
hringt, an jeder undichten Stelle der Geruch sich bemerkbar
macht. Jeder, der ein Haus dort kaufen will, läßt es zu—
aächst sachverständig auf die Dichtiakeit der Kanalleitungen
uintersuchen.
Dieses peinliche Bedürfniß nach absolut dichten Abfluß—
seitungen kann jedoch schwerlich durch Polizeiverordnungen
zrzielt werden. Meines Erachtens würde dabei nur unsere
Stadtgemeinde erzieherisch wirken können, wenn sie an die
Leitungen in ihren eigenen Häusern größere Ansprüche stellen
wollte, als es bis jetzt geschieht. Es würde das allmälich
auch die Privatbesitzer veranlassen, bessere Abflußleitungen zu
heanspruchen, als es ijetzt hier der Fall ist.
Grundzüge und Vorschläge für den Bau
evangelisch-protestantischer Kirchen.
Unter diesem Titel bringt das „Evangelische Gemeindeblatt“
olgende sehr bemerkenswerthe Vorschläge, die zweifellos von
einem auf dem Gebiete des Kirchenbaues erfahrenen Architekten
jerrühren und deshalb eingehende Beachtung verdienen?
Unter „Allgemeine Bemerkungen“ erläutert der Verfasser,
daß sich die Grundsätze und Vorschläge, welche dem Wesen und
Bedürfniß der evangelischen protestantischen Gemeinde entsprechen,
uuf den Innenbau der Kirche beziehen. Der äußere Styl ist
Sache des Geschmacks; derselbe kann sich an die gegebenen Formen
aller Zeiten anlehnen; sei es nun die alte Basilike, der byzan—
tinische Kuppelbau, oder die romanische und gothische Form, oder
die Renaissance-Kirche oder auch der Uebergangsstyl. — Hierin
zilt der Grundsatz des Apostels: „Alles ist Euer“. Der äußere
Bau der Kirche soll nur das würdigeKleid sein, das ihre innere
Bestaltung angemessen zur Erscheinung bringt.
Es soll daher bei jedem Neubau hingearbeitet werden auf
die Errichtung eines protestantischen Kirchenbaustyles, der durch
das Wesen der Gemeinde bestimmt wird. Ein solcher Versuch
st einmal gemacht worden (Frauenkirche in Dresden) aber der
Weg dazu ist wieder verlassen und dafür nach herkömmlichen
ucustern (Kreuztirchen) gearbeitet worden. Die Ansatze zu wirt—
ichen evangelisch-protestantischen Kirchen (Otzen) sind purinzipiell
veiter zu führen und auszubauen. Die evangelifche Kirche hat
hre ersten Gotteshäuser der katholischen Kirche entnoinmen;
alle mach diesen gegebenen Formen gebauten Rirchen sind katho—
isirend.
Die katholische Kirchenform ist dem katholischen Gottesdienst
»is in's Kleinste hinein angemessen. Der Scheidung zwischen
alerus und Laien entspricht Chor und Schiff; der Chärakter des
atholischen Gottesdienstes als Messe und Meßopfer kommt im
janzen Bau zur Erscheinung. Der große Raum für die Gemeinde
vird aus bautechnischen Gründen in verschiedene Schiffe zerlegt;
der Altar dominirt die ganze Kirche, und ist genug geschehen,
venn die Gemeinde denselben von allen Plätzen sehen kann
danzel und Orgel ist ein untergeordneter Platz angewiesen,
jewöhnlich für erstere an der Seite an einem Pfeiler des Schiffes.
oder auf der Grenze zwischen Schiff und Chor.
Diese Anordnung ist bis zum heutigen Tage noch traditionell
dei evangelischen Kirchen üblich; der Altar steht im Ehor, die
Kanzel an einem Nebenpunkte, die Orgel auf einer besonderen
Fmpore, gewöhnlich über dem Eingange; die Gemeinde ist zer—
theilt, zerrissen in verschiedene Gruppen; mit dieser Anordnung
ist prinzipiell zu brechen und ein Neues zu bauen in Rück
icht auf das Wesen und die Bedürfnisse einer evangelischen
Bemeinde.
Das Nähere wird hierauf in besonderen Grundsätzen vor
Jeführt:
1. Die evangelische Kirche ist kein Gotteshaus im katho—
lischen Sinne, sondern das Versammlungshaus der
vhemeinde.
Die katholische Kirche ist ein Gotteshaus. Sie
birgt im Altarsakrament den leibhaftig gegenwärtigen
Herrn, daher der Altar der Mittelpunkt des Ganzen,
die gesammte Kirche nur ein gewaltiger Hochaltar über
dem Leib des Herrn.
Nach evangelischer Auffassung ist die gesammte
Welt, die natürliche und die geistige, der Tempel Gottes;,
die Kirche ist daher, wie einst in Israel die Synagoge,
nur das Versammlangshaus der Gemeinde, die sich zur
Anbetung des allgegenwärtigen Gottes und ihres geistigen
HPauptes Christus vereiniat