Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

14. April 1906 
BAUZEITUNG 
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Hebel werden die Schrauben in die Höhe gedreht. Die 
Hebung erfolgt stückweise, und zwar jedesmal auf die 
Länge der Schraubenspindel oder entsprechend der Länge 
der Rundhölzer (Träger) zwischen Rost und Winden. Ist 
eine stückweise Hebung erfolgt, so werden die Winden 
nacheinander entlastet, neue, entsprechend längere Träger 
werden aufgesetzt und festgespannt. Wenn bei sämt 
lichen Winden die gleiche Höhenlage erreicht ist, beginnt 
eine neue Hebung. An den Hebeln der Schraubenwinden 
sind ein oder zwei Arbeiter tätig, die den Hebel an sich 
ziehen oder von sich drücken. 
2. Für den Erfolg der Hebung eines Gebäudes sind 
folgende Momente von Bedeutung; 
a) Die Beschaffenheit des zu hebenden Gebäudes. 
Bei einem Gebäude, das keine Festigkeit mehr in sich 
hat, morsch und faul ist, wird die Kunst des Hebens 
versagen. Das Gebäude muß ferner als ein einheitliches 
Ganzes im festen Verband stehen. Der Hebung muß 
daher eine eingehende Untersuchung des Gebäudes vor 
ausgehen. Gebäude mit großen Dimensionen wie der 
26 m lange Hirsch in Nagold sind ohne Zweifel schwie 
riger zum Heben. Das Gebäude, das 1851 erbaut wor 
den ist, war offenbar, wie seine Ueberreste zeigen, noch 
in solidem Zustand. Dagegen wird gesagt, daß später 
ein Teil angebaut worden sei. Trifft dies zu, so fragt 
es sich, ob der für die Hebung erforderliche einheitliche 
Verband vorhanden war, jedenfalls war er es nicht in dem 
Maße, wie es bei einem das ganze Gebäude einheitlich 
durchziehenden Gebälk der Fall gewesen wäre. Sich 
in dieser Hinsicht auf das sorgfältigste zu vergewissern, 
war lediglich Sache des Unternehmers. 
b) Die Standfähigkeit der Unterlage der Schrauben 
winden. Da auf den Winden das ganze Gebäude lastet, 
muß ihre Unterlage eine durchaus feste sein; ein Durch 
bruch des Gewölbes oder ein ungleichmäßiges Eindrücken 
der Winden in den Boden kann verhängnisvoll werden. 
Das Kellergewölbe des eingestürzten Gebäudes war auch 
nach dem Zusammensturz noch fast völlig unversehrt und 
zeigt eine genügende Stärke. Es läßt sich natürlich nicht 
beurteilen, ob nicht doch während der Hebung schon 
ein Nachgeben an einzelnen Punkten stattgefunden hat. 
c) Beschaffenheit der Schraubenwinden. Diese müssen 
in entsprechender Anzahl nach der Verteilung der Mauern 
und Stützen des Gebäudes auf der Grundfläche auf 
gestellt, am Boden sorgfältig abgestützt werden und sich 
im übrigen in einem durchaus defektlosen Zustand be 
finden. Bei der Hebung des Hirsches sind etwa 80 Win 
den verwendet worden. Diese Anzahl dürfte genügend 
gewesen sein. Nach dem Zusammensturz zeigten die 
Winden vielfach dieselbe Beschädigung, indem die eine 
Seite der auf der Schraube aufsitzenden Schale, in welcher 
eine eiserne Kugel ruht, abgebrochen war. Es ist ohne 
weiteres anzunehmen, daß beim Zusammenbruch des Ge 
bäudes ein Umkippen der auf den Winden aufgestellten 
hölzernen Träger erfolgte, wodurch die eine Seite der 
Schale abgerissen wurde. Daß etwa die Winden an 
dieser Stelle defekt waren, ist wohl ausgeschlossen. Die 
gegenteilige Annahme würde eine Frivolität des Unter 
nehmers voraussetzen, die ohnegleichen wäre. 
d) Beschaffenheit der auf den Winden aufsitzenden 
Rundhölzer oder Träger. Diese sind von verschiedener 
Länge, da nach jeder Hebung längere Hölzer einzu 
schieben sind. Es ist aber ohne Zweifel nicht ganz un 
erheblich, ob bei jeder Hebung sämtliche Träger gleich 
lang sind oder nicht; im letzteren Falle würde das Auf 
legen von Brettsttickchen oder Holzwürfeln notwendig sein, 
worunter die einheitliche Spannung leiden könnte. Nach 
verschiedenen Aussagen zu schließen, wurden in Nagold 
nicht immer ganz gleich lange Rundhölzer verwendet. 
e) Beschaffenheit des Rostes. Durch den Rost soll 
das Gebäude zu einem soliden, stabilen Ganzen verbunden 
werden. Der Rost muß aus Balken, die in die Länge 
und Quere gehen und miteinander verankert sind, be 
stehen. Inwieweit dies in Nagold zutraf, scheint noch 
nicht festzustehen. Es wird gesagt, daß Rückgauer in 
Nagold zum erstenmal I-Eisen verwendet habe. Diese 
seien aber nicht so geeignet zu dem Zwecke als breite, 
viereckige hölzerne Balken. Zuzugeben wird sein, daß 
bei diesen I-Eisen wegen der geringeren Breite der Kante 
(I2 1 / 2 cm) die Möglichkeit des Umkippens eher vorhanden 
ist als bei den viel breiteren Holzbalken. 
f) Verstrebung der Außenwände. Eine solche ist 
erforderlich, damit das auf dem Roste ruhende Gebäude 
als ein starrer Körper erscheint. In Nagold waren 
hölzerne Balken (Sprießen) durch eiserne Rollen mit dem 
Hausgrund verbunden. An den Sprießen liefen die Rollen 
mit der Erhöhung des Gebäudes aufwärts. Die Sprieße 
selbst waren wieder durch Streben auf Schwellen sicher 
abgesprießt. Diese Arbeit ist, wie noch stehen gebliebene 
Reste zeigen, in Nagold durchaus solid ausgeführt wor 
den. Dagegen wird behauptet, daß die Sprieße zu kurz 
gewesen seien. Es scheint dies auch der Fall gewesen 
zu sein, da die Sprieße das Gebäude am Schlüsse der 
Hebung nur noch auf eine Länge von wenigen Zenti 
metern umfaßten, so daß in diesem Moment die äußere 
Verstrebung für das schwebende Gebäude keinen großen 
Wert mehr hatte. Dieser Umstand allein war aber kaum 
geeignet, das Gebäude in eine schiefe Richtung zu bringen, 
wenn sonst alles in Ordnung gewesen ist. Dagegen dürfte 
wichtiger sein, daß es an einer inneren Verstrebung 
gefehlt zu haben scheint. Sicherlich ist eine Verstrebung, 
die auch die inneren Wände und Säulen zusammenhält, 
von großem Wert. Ob Rückgauer auf eine solche bei seinen 
Hebungen auch sonst verzichtet hat, wissen wir nicht. 
g) Tätigkeit an den Schraubenwinden. Je pünktlicher 
und gleichmäßiger die Drehungen an den Winden voll 
zogen werden, um so sicherer wird die Hebung von 
statten gehen. Es ist daher ein einheitliches Kommando 
für sämtliche an den Winden beschäftigten Arbeiter ge 
boten. AVird auf der einen Seite zum Beispiel schneller 
gedreht als auf der andern, so muß der Rost und damit 
das auf ihm ruhende Gebäude eine entsprechend schiefe 
Richtung erhalten. Bildet der Rost kein in sich ver 
ankertes starres Ganzes, so ist es auch möglich, daß 
durch zu starkes Antreiben einer einzelnen Winde sich 
einzelne Balkenzüge oder Wände aus dem Verband los 
lösen. Die Frage, ob nur geübte Arbeiter bei diesem 
Geschäft verwendet werden sollten, ist unsers Erachtens 
dahin zu beantworten, daß nur solchen Arbeitern die 
Winden anvertraut werden dürfen, die an ein gleich 
mäßiges, pünktliches Arbeiten, an ein Arbeiten auf Kom 
mando gewöhnt sind. Daß das nicht jeder beliebige 
Taglöhner, Schneider oder Schuster kann, liegt auf der 
Hand. Die Arbeiter müssen auch vorher genau instruiert 
sein, wie sie die Drehungen vorzunehmen haben. Inwie 
weit in Nagold in diesem Punkt gesündigt worden ist, 
wird die eingeleitete Untersuchung noch am ehesten fest 
steilen können, da die Bedienungsmannschaft zum Teil 
noch lebt. 
h) Belastung des Gebäudes. AVenn sich in dem Ge 
bäude, abgesehen von den an den Winden beschäftigten 
Arbeitern, etwa hundert Personen aufgehalten haben, so 
kann bei dem Umfang des Gebäudes hierin eine über 
mäßige Belastung kaum erblickt werden. Eher wäre 
eine ungleichmäßige Belastung des Gebäudes von Einfluß, 
da auf der mehrbelasteten Seite eine größere Kraft 
anwendung zur Hebung erforderlich ist, wenn nicht dieser 
Gebäudeteil Zurückbleiben soll. 
Es wird schwer sein, bezüglich des Unglücks in 
Nagold nachträglich festzustellen, was die eigentliche 
Ursache des Zusammensturzes war. In einem einzelnen 
der angeführten Umstände dürfte die Ursache nicht zu finden 
sein. Offenbar liegt ein unglückliches Zusammentreffen 
mehrerer technischer Mängel und andrer Umstände vor.
	        

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