Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

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BAUZEITUNG 
Nr. 16 
3. Die baupolizeiliche Behandlung. Die 
Hebung eines Gebäudes ist nach Art. 79 der Bauordnung 
genehmigungspflichtig, da die mit der Hebung, d. i. Er 
höhung, eines Gebäudes verbundenen baulichen Ver 
änderungen weder unter Art. 77 noch Art. 78 der Bau 
ordnung fallen. Da die Stadtgemeinde Nagold einen für 
die Stelle eines Oberamtshaumeiste-rs befähigten Bau- 
verständigen (Stadtbaumeister) angestellt hat, so war zur 
Genehmigung der Hebung der Gemeinderat von Nagold 
zuständig, von dem denn auch tatsächlich die Geneh 
migung auf Grund vorgelegter Pläne erteilt worden ist. 
Irgendwelche nähere Vorschriften scheinen hierbei nicht 
erteilt worden zu sein. Die Erteilung einzelner be 
stimmter Vorschriften baupolizeilicher Art konnte aber 
auch kaum in Frage kommen, da die Hebungsarbeit nach 
einem besonderen System erfolgte, dessen Kenntnis im 
einzelnen nur dem Unternehmer eigen ist, der die Ver 
antwortung für den Erfolg des Unternehmens trägt. 
Würde die Baupolizeibehörde in einem solchen Fall 
einzelne Ausführungsvorschriften erteilen, so würde sie 
damit auch die Verantwortung für den Erfolg über 
nehmen. Wohl könnten allenfalls Vorschriften allge 
meiner Art erteilt werden, wie z. B. das Gebäude ist 
außen sicher abzusprießen oder der Rost muß genügend 
verankert sein oder die Winden sind auf fester Unterlage 
aufzustellen. Damit ist aber wenig geholfen, und es hätten 
solche Vorschriften auch im vorliegenden Falle das Un 
glück nicht verhütet. Auch eine Vorschrift, daß nur 
geübte Arbeiter verwendet werden dürfen, wäre nicht 
durchführbar, da die Polizei das Vorhandensein genügen 
der Uebung nicht nachkontrollieren kann. Anders ver 
hält es sich mit der Frage, ob der Zutritt Unbefugter 
in das Gebäude eventuell der Wirtschaftsbetrieb während 
der Hebung nicht hätte verboten werden sollen. Ein 
solches Verbot kann wohl Gegenstand einer baupolizei 
lichen Vorschrift im Einzelfall sein. Es ist hier auf 
Art. 19 der Bauordnung hinzuweisen, wonach bei jeder 
Bauausführung und ebenso beim Abbruch von Bauten die 
nötigen Vorkehrungen gegen Unglücksfälle und Schaden 
an fremdem Eigentum zu treffen sind. Es ist dies in 
erster Linie Sache des Unternehmers und im Falle einer 
Versäumnis desselben Aufgabe der Ortspolizeibehörde 
(§ 17 der Vollzugsverfügung zur Bauordnung). Ein 
großer Vorwurf kann aber der Ortspolizeibehörde Her 
wegen nicht gemacht werden, da es doch eigentlich Sache 
jedes einzelnen ist, dort wegzubleiben, wo ihm eine Ge 
fahr drohen kann, auf welche übrigens in Nagold durch 
Warnungstafeln, die vor dem Gebäude angebracht waren, 
hingewiesen worden war. Ein solches Verbot hätte übrigens 
die achtzig an den Winden beschäftigten Arbeiter nicht 
geschützt. Diese bilden aber bei weitem die Mehrzahl 
der Verletzten. Die in dem oberen Stockwerk befind 
lichen Gäste sind größtenteils mit einer leichten Ver 
letzung oder mit dem bloßen Schrecken davongekommen. 
Auf einen Umstand scheint übrigens bis jetzt noch nicht 
hingewiesen worden zu sein. Das Gebäude sollte nach 
der erteilten Genehmigung nur um 1,40 m erhöht werden. 
Tatsächlich beabsichtigte man es um 1,60 m zu heben. 
Im Augenblick des Zusammensturzes war es um 1,50 m 
gehoben. Wäre die Hebung nicht höher als genehmigt 
erfolgt, so hätte sich das Unglück nicht ereignet. Uebrigens 
möchten wir diesem Umstand keine zu große Bedeutung 
beimessen. 
Yereinsmitteilimgen 
Württembergischer Baubearaten-Verein. Ein 
trittserklärung; Herr Louis Allmann, Stadtbaumeister 
in Waldsee. Willkommen! Der Vorstand. 
Württembergischer Verein für Baukunde. In 
dem Bericht über die Versammlung vom 31. März (Nr. 14) 
hat sich im letzten Satz ein Druckfehler eingeschlichen, 
den unsre Leser wohl selbst schon berichtigt haben wer 
den. Es soll natürlich der „Vorsitzende“ heißen — nicht 
der „Vortragende“. 
Deutscher Arbeitgeberbund für das Baugewerbe, 
E. V. In Posen sind am 2. April 800 Maurer und 
Zimmerer ausgesperrt worden. Die von der Aussperrung 
Betroffenen gehören der Zentralorganisation der Maurer, 
dem christlichen Verbände der Maurer und Zimmerer 
und dem Hirsch-Dunkerschen Gewerkverein der Bau 
handwerker an. Den bis jetzt gültigen Vertrag haben 
anerkannt und bis 1. April 1908 verlängert die zentral 
organisierten Zimmerer und die Maurer und Zimmerer 
des Polnischen Berufsverbandes. Die Zahl der Arbeits 
willigen beträgt 200, jedoch wächst diese Zahl täglich. 
Wegen Lohndifferenzen sind in Arnswalde die Maurer 
am 2. April in den Streik getreten. Die Arbeitgeber 
beabsichtigen, fremde Maurer .heranzuziehen. In Witten 
berg sind am 2. April sämtliche Maurer, Zimmerer und 
Bauhandarbeiter nach langwierigen fruchtlosen Verhand 
lungen ausgesperrt worden. In Neuenahr und Ahr 
weiler haben die Maurer und Zimmerer, die sämtlich 
der Zentralorganisation resp. dem christlichen Verbände 
angehören, bereits vor längerer Zeit die Arbeit nieder 
gelegt. Die Leitungen der beiden Organisationen hatten 
den Verhältnissen von Köln und den großen Industrie 
zentren entsprechende Tarife vorgelegt, die aber von den 
Arbeitgebern für das in Betracht kommende Ahrtal nicht 
angenommen werden konnten. In Blankenburg a. H. 
ist der Zimmererstreik am 21. März durch Vergleich be 
endet worden. 
Kleine Mitteilungen 
Bestimmungen über Anlegung und Betrieb der 
Dampfkessel. Die in Württemberg geltenden Bestim 
mungen über die Genehmigung, die Anlegung, den Be 
trieb und die üeberwachung von Dampfkesseln finden 
sich in einer sehr großen Zahl von Verordnungen, Mini- 
sterialverfügungen und Ministerialerlassen zerstreut. Seit 
beinahe fünfzig Jahren sind diese Vorschriften immer 
wieder abgeändert oder ergänzt worden, so daß es eines 
förmlichen Studiums bedarf, bis man sich in den Be 
stimmungen auskennt. Der Industrielle, der oft in der 
Lage ist, schnell zu bauen, sollte die Möglickeit haben, 
sich selbst möglichst rasch über das, was er bei der 
Vorlage des Genehmigungsgesuchs zu beachten hat und 
welche Vorschriften ihm für die Einrichtung der Anlage 
erteilt werden, zu orientieren. Es ist ihm dies aber der 
zeit nicht möglich. Er muß zufrieden sein, wenn er ge 
nügende Auskunft von den Beamten erhält, für die es 
nicht minder schwierig ist, durch Nachblättern in einer 
Reihe von Regierungsblättern u. s. w. das, was gilt, fest 
zustellen. AVie man hört, ist nun in letzter Zeit ein 
Erlaß des Ministeriums an die Bezirksämter ergangen, 
wonach beabsichtigt ist, sämtliche Bestimmungen über 
die Dampfkessel in einer Verfügung oder Verordnung 
zusammenzufassen. Diese Absicht des Ministeriums wird 
dankbar begrüßt werden nicht bloß von industrieller Seite, 
sondern auch von den Behörden, für welche eine Zu 
sammenstellung der Dampfkesselvorschriften gleicher 
maßen ein Bedürfnis ist. —y. 
Personalien 
Württemberg'. Erteilt: dem württ. Staatsangehörigen Kais. 
Geh. Baurat Kapp v. Gültstein die Erlaubnis zur Annahme und 
Anlegung des ihm von dem Sultan verliehenen Osmanie-Ordens 
erster Klasse. Verliehen: dem Maschineninspektor Baurat Heim 
in Wasseralfingen anläßlich dessen Versetzung in den bleibenden 
Ruhestand das Ritterkreuz des Kronenordens. Versetzt: der Ab 
teilungsingenieur Hahn bei der Eisenbahnbauinspektion Reut 
lingen zu der Generaldirektion der Staatseisenbahnen auf sein An 
suchen. 
Verantwort!. Schriftleiter; Adolf Pause! in Stuttgart. Adresse für alle Sendungen: 
Banzeitung-Stuttgart, Hegelstr. 68. Druck; Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart
	        

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