Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/158/
5. Mai 1906 
BAUZEITUNG 
143 
Waisenhaus Colmar: I. Preis Architekten Graf & Röckle, Stuttgart 
Beton aus Siemens-Martin- 
Sclilacke 
ATK. Bei einem großen Bauwerke 
in der Nähe von London hat die aus 
führende Firma den Versuch gemacht, 
zur Herstellung des Betons, mit dem die 
Eisenkonstruktionen des Baues verkleidet werden, 
Schlacken von Siemens-Martin-Oefen zu benutzen. 
Nach den bisherigen Ergebnissen scheint der Ver 
such nicht nur völlig geglückt zu sein, sondern 
sogar die gehegten Erwartungen zu übertreffen. 
Versuche zur Feststellung der Eigenschaften dieses 
Betons ergaben, daß die Zugfestigkeit desselben 
50 Prozent höher ist als die eines Betons, der 
bei sonst gleichen Verhältnissen mit Granitklein- 
schlag an Stelle der Siemens-Martin-Schlacke her 
gestellt war. Ebenso ist der Siemens-Martin-Beton 
auch dem mit Hochofenschlacke hergestellten 
wesentlich überlegen. 
Die Zusammensetzung des mit Siemens-Martin- 
Schlacke herzustellenden Betons ist die folgende: 
4 Teile Schlackenbrocken von ca. 35—40 cm Stärke, 
1 Teil gewöhnlicher Sand, 1 Teil Portlandzement. 
Statt des Sandes wird vorteilhafterweise der beim 
Brechen der Schlacke auf die genannte Korngröße ent 
stehende kleine Gries benutzt. Der so erzielte Beton 
besitzt nicht nur eine große Festigkeit, sondern auch 
ein sehr dichtes Gefüge, so daß man aus diesem Material 
hergestellte Wände nicht mehr mit Gips zu überputzen 
braucht, wodurch natürlich viel an Reinlichkeit und 
Bequemlichkeit gewonnen wird. Man bildet einfach die 
Wände aus zwei Betonplatten mit einem Luftraum in 
der Mitte. Ebenso werden auch eiserne Pfeiler, Säulen 
etc. verkleidet. Auch zu Außenwänden von Gebäuden 
kann man diesen Beton in Form von großen Blöcken 
verwenden, ein Verfahren, das in Amerika bereits viel 
fach angewendet wird. 
Wettbewerb Waisenhaus Colmar 
Unter deutschen Architekten war zum 15. Oktober 1905 
ein Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für ein 
Waisenhaus in Colmar ausgeschrieben. Die Haupt 
punkte des Programms waren folgende: Auf einem Eck 
grundstück von 3 ha war ein Gebäude zu projektieren mit; 
1. einem Säuglingsheim mit 20 Betten nebst Milch 
sterilisieranstalt, 
2. eine Anstalt für 60 männliche und 60 weibliche 
schulpflichtige Waisenkinder, 
3. einer Haushaltungsschule nebst Tages- und Nacht 
räumen für 30 schulentlassene Mädchen, 
4. einem landwirtschaftlichen Betrieb, Tages- und 
Nachträumen für 30 schulentlassene Knaben. 
Außerdem waren vorzusehen: Eine Wohnung für den 
Direktor, ein großer Speise- bezw. Pestsaal, Räume für 
das Personal, Arztzimmer, Krankenabteilung, Bad u. s.w. 
Die Baukosten einschließlich Heizungsanlage und Bau 
leitung sollten 250 000 M. betragen. 
Perspektiven waren laut Programm unzulässig; wohl 
ein eigenartiger Fall! 
Es waren rechtzeitig 133 Projekte 
eingelaufen, die von dem Preisgericht, 
bestehend aus dem Bürgermeister Blumen 
thal von Colmar, Regier.- und Geh. Baurat 
Walloth in Colmar, Professor Pützer in 
Darmstadt, Stadtbaurat Thoma in Frei 
burg, Bildhauer Klem in Colmar, Rentner 
Ostermann in Colmar und Waisenhaus 
direktor Müller in Frankfurt a. M., geprüft 
wurden. Hauptgesichtspunkte der Beurtei 
lung waren; 1. richtige Orientierung der 
Gebäude auf dem gegebenen Grundstücke, 2. die Möglich 
keit, die Gebäude im Rahmen der gegebenen Baukosten 
summe ausführen zu können, 3. die Möglichkeit einer 
rationellen Zentralheizungsanlage. Es mußte also auf 
möglichst konzentrierte Anordnung der Grundrisse ge 
sehen werden. Bei gedrungener Grundrißform wurde die 
Erweiterung der Korridore zu Tagesräumen als zulässig 
erklärt. Weiterhin erhielten Projekte, die unnötigen 
architektonischen Aufwand vermieden, den Vorzug. Das 
Aeußere sollte eine charakteristische, zugleich gemütliche 
und behagliche Ausgestaltung mit einfachster Gruppierung 
der Massen erfahren. 
Preise wurden folgenden Bewerbern zuerkannt; 
I. Preis, 2000 M., Architekten Graf & Röckle-Stuttgart, 
II. Preis, 1000 M., Architekt L. Grünewald-Straß 
burg, III. Preis, 500 M., Architekt H. Stumpf-Darm 
stadt. Es wurden angekauft; Entwürfe der Herren 
Graf & Röckle-Stuttgart, Bartschat-Berlin, Hofmann- 
Stuttgart und Spittler-Colmar. Wir führen heute unsern 
Lesern die mit dem I. und II. Preise ausgezeichneten 
Arbeiten nebst einem angekauften Entwurf vor. 
Das Preisgericht bezeichnete den Entwurf „Lisi“ der 
Architekten Graf & Röckle-Stuttgart als eine sehr gute 
Lösung, sowohl was die Grundrisse als auch den Aufbau 
anbelangt. Als ein guter Gedanke für den vorliegenden 
Zweck wurde die hallenartige Ausbildung der Korridore 
zu Tagesräumen bezeichnet, besonders mit Rücksicht auf 
die Kostenersparnis. Die Kosten werden sich im Rahmen 
der bewilligten Summe halten lassen. In der Arbeit 
„Heimatlos“ des Architekten L. Grünewald in Straßburg 
wurde die vollständige Trennung der Direktorwohnung 
und des Säuglingsheimes vom Hauptbau zur Erzielung 
einer guten, malerischen Wirkung als günstig erachtet. 
Die Gesamtanlage zeigt eine gute, wohldurchdachte Arbeit 
und würde noch besser sein, wenn der eine Seitenflügel 
statt schief rechtwinklig gestellt wäre. Der angekaufte 
Entwurf „Siegreich“ der Architekten Graf & Röckle- 
Waisenhaus Colmar: I. Preis - Architekten Graf & Böckle, Stuttgart
        

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