5. Mai 1906
BAUZEITUNG
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Waisenhaus Colmar: I. Preis Architekten Graf & Röckle, Stuttgart
Beton aus Siemens-Martin-Sclilacke
ATK. Bei einem großen Bauwerke
in der Nähe von London hat die ausführende
Firma den Versuch gemacht,
zur Herstellung des Betons, mit dem die
Eisenkonstruktionen des Baues verkleidet werden,
Schlacken von Siemens-Martin-Oefen zu benutzen.
Nach den bisherigen Ergebnissen scheint der Versuch
nicht nur völlig geglückt zu sein, sondern
sogar die gehegten Erwartungen zu übertreffen.
Versuche zur Feststellung der Eigenschaften dieses
Betons ergaben, daß die Zugfestigkeit desselben
50 Prozent höher ist als die eines Betons, der
bei sonst gleichen Verhältnissen mit Granitkleinschlag
an Stelle der Siemens-Martin-Schlacke hergestellt
war. Ebenso ist der Siemens-Martin-Beton
auch dem mit Hochofenschlacke hergestellten
wesentlich überlegen.
Die Zusammensetzung des mit Siemens-Martin-Schlacke
herzustellenden Betons ist die folgende:
4 Teile Schlackenbrocken von ca. 35—40 cm Stärke,
1 Teil gewöhnlicher Sand, 1 Teil Portlandzement.
Statt des Sandes wird vorteilhafterweise der beim
Brechen der Schlacke auf die genannte Korngröße entstehende
kleine Gries benutzt. Der so erzielte Beton
besitzt nicht nur eine große Festigkeit, sondern auch
ein sehr dichtes Gefüge, so daß man aus diesem Material
hergestellte Wände nicht mehr mit Gips zu überputzen
braucht, wodurch natürlich viel an Reinlichkeit und
Bequemlichkeit gewonnen wird. Man bildet einfach die
Wände aus zwei Betonplatten mit einem Luftraum in
der Mitte. Ebenso werden auch eiserne Pfeiler, Säulen
etc. verkleidet. Auch zu Außenwänden von Gebäuden
kann man diesen Beton in Form von großen Blöcken
verwenden, ein Verfahren, das in Amerika bereits vielfach
angewendet wird.
Wettbewerb Waisenhaus Colmar
Unter deutschen Architekten war zum 15. Oktober 1905
ein Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für ein
Waisenhaus in Colmar ausgeschrieben. Die Hauptpunkte
des Programms waren folgende: Auf einem Eckgrundstück
von 3 ha war ein Gebäude zu projektieren mit;
1. einem Säuglingsheim mit 20 Betten nebst Milchsterilisieranstalt,
2. eine Anstalt für 60 männliche und 60 weibliche
schulpflichtige Waisenkinder,
3. einer Haushaltungsschule nebst Tages- und Nachträumen
für 30 schulentlassene Mädchen,
4. einem landwirtschaftlichen Betrieb, Tages- und
Nachträumen für 30 schulentlassene Knaben.
Außerdem waren vorzusehen: Eine Wohnung für den
Direktor, ein großer Speise- bezw. Pestsaal, Räume für
das Personal, Arztzimmer, Krankenabteilung, Bad u. s.w.
Die Baukosten einschließlich Heizungsanlage und Bauleitung
sollten 250 000 M. betragen.
Perspektiven waren laut Programm unzulässig; wohl
ein eigenartiger Fall!
Es waren rechtzeitig 133 Projekte
eingelaufen, die von dem Preisgericht,
bestehend aus dem Bürgermeister Blumenthal
von Colmar, Regier.- und Geh. Baurat
Walloth in Colmar, Professor Pützer in
Darmstadt, Stadtbaurat Thoma in Freiburg,
Bildhauer Klem in Colmar, Rentner
Ostermann in Colmar und Waisenhausdirektor
Müller in Frankfurt a. M., geprüft
wurden. Hauptgesichtspunkte der Beurteilung
waren; 1. richtige Orientierung der
Gebäude auf dem gegebenen Grundstücke, 2. die Möglichkeit,
die Gebäude im Rahmen der gegebenen Baukostensumme
ausführen zu können, 3. die Möglichkeit einer
rationellen Zentralheizungsanlage. Es mußte also auf
möglichst konzentrierte Anordnung der Grundrisse gesehen
werden. Bei gedrungener Grundrißform wurde die
Erweiterung der Korridore zu Tagesräumen als zulässig
erklärt. Weiterhin erhielten Projekte, die unnötigen
architektonischen Aufwand vermieden, den Vorzug. Das
Aeußere sollte eine charakteristische, zugleich gemütliche
und behagliche Ausgestaltung mit einfachster Gruppierung
der Massen erfahren.
Preise wurden folgenden Bewerbern zuerkannt;
I. Preis, 2000 M., Architekten Graf & Röckle-Stuttgart,
II. Preis, 1000 M., Architekt L. Grünewald-Straßburg,
III. Preis, 500 M., Architekt H. Stumpf-Darmstadt.
Es wurden angekauft; Entwürfe der Herren
Graf & Röckle-Stuttgart, Bartschat-Berlin, Hofmann-Stuttgart
und Spittler-Colmar. Wir führen heute unsern
Lesern die mit dem I. und II. Preise ausgezeichneten
Arbeiten nebst einem angekauften Entwurf vor.
Das Preisgericht bezeichnete den Entwurf „Lisi“ der
Architekten Graf & Röckle-Stuttgart als eine sehr gute
Lösung, sowohl was die Grundrisse als auch den Aufbau
anbelangt. Als ein guter Gedanke für den vorliegenden
Zweck wurde die hallenartige Ausbildung der Korridore
zu Tagesräumen bezeichnet, besonders mit Rücksicht auf
die Kostenersparnis. Die Kosten werden sich im Rahmen
der bewilligten Summe halten lassen. In der Arbeit
„Heimatlos“ des Architekten L. Grünewald in Straßburg
wurde die vollständige Trennung der Direktorwohnung
und des Säuglingsheimes vom Hauptbau zur Erzielung
einer guten, malerischen Wirkung als günstig erachtet.
Die Gesamtanlage zeigt eine gute, wohldurchdachte Arbeit
und würde noch besser sein, wenn der eine Seitenflügel
statt schief rechtwinklig gestellt wäre. Der angekaufte
Entwurf „Siegreich“ der Architekten Graf & Röckle-Waisenhaus
Colmar: I. Preis - Architekten Graf & Böckle, Stuttgart