Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/179/
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BAUZKITUNG 
Nr. 21 
die Verkündigung und Geburt, die Kreuzigung und Grab 
legung. Auch noch einige interessante Grabsteine be 
fanden sich dort, die teilweise noch erhalten sind. Der 
kleine Turm der Kirche stand zwischen Chor und Schiff, 
er hatte ein spitzes Dach und oben kleine, leider teil 
weise vermauerte Spitzbogenfenster. 
Die als Gymnasium dienenden Klostergebäude boten 
nichts architektonisch Merkwürdiges mehr dar, vielfache 
Umbauten im 16., 17. und 18. Jahrhundert haben fast 
alles Klösterliche verwischt, nur an der nördlichen Ecke 
des Gebäudekomplexes war noch ein kleines Erkerchen, 
dann und wann fanden sich noch alte Türen und Ver- 
täferungen, teilweise mit Jahreszahlen versehen. Längs 
der Klostermauer gegen den Münsterplatz zu wurden im 
Jahre 1611 Kräme angebaut, welche bis in die neueste 
Zeit sich erhalten hatten und den Trödlern zur Auf 
bewahrung ihrer Waren dienten. (Siehe die untenstehende 
Abbildung.) 
Das alles wurde dem Erdboden gleich gemacht, um 
einen für das Münster in gar keinem Verhältnis stehen 
den riesengroßen Platz zu schaffen, der jetzt wieder neu 
angelegt werden soll. Was nun?! Hic Ehodus, hic 
salta! ruft Fischer ironisch aus. 
Konnte denn der Ulmer Kunst- und Altertums-Verein 
nichts für die Erhaltung des sogen. Kirchles tun, welches 
so schön die grandiosen Formen des Münsters über 
leitete in das profane Häusermeer der Stadt. Doch ja! 
Wir lesen in seinen Verhandlungen schon im Jahre 1872, 
daß der angestrebte Abbruch des Gebäudes nicht allein 
vom Verein, sondern auch von andrer Seite mißbilligt 
werde, und im Jahr 1873 hatte auch der Landeskonser 
vator Dr. Paulus sich ganz entschieden für Erhaltung des 
Kirchles ausgesprochen, indem er besonders hervorhob, 
wie nützlich sich diese Kirche für die Münsterbauhütte 
verwenden ließe, abgesehen von dem ästhetischen und 
kunsthistorischen Wert der Kirche, die zu den ältesten 
und gediegensten Baudenkmalen Ulms gehöre. Umsonst, 
das Kirchle mußte fallen, und mit großen Kosten erwarb 
die Stadt später ein Haus in der Hafengasse, um das 
Münsterbauamt mit den Werkstätten unterbringen zu 
können. 
Das Programm für eine Neugestaltung verlangt nun 
auf dein nördlichen Münsterplatz zwischen den beiden 
Nordportalen einen umfriedigten Werkplatz mit Arbeits 
räumen für Bildhauer, Steinmetzen u. s. w., jedoch ohne 
monumentales Bauwerk. Ferner soll auf dem großen 
Münsterplatz der ehemals dort 
stehende Löwenbrunnen, dessen 
Säule im Gewerbe-Museum noch 
aufbewahrt wird, wieder auf 
gestellt und an der Südwestseite, 
da, wo sich die beiden Straßen 
bahnen kreuzen, eine Bedürfnis 
anstalt mit Warteraum errichtet 
werden. Dagegen läßt sich nun 
nichts einwenden, nur fragt sich, 
wie sich der Werkplatz mit seinen 
Steinhauerhütten vom ästhetischen 
Standpunkt aus rechtfertigen läßt. 
Münsterbaumeister Beyer hat noch 
vor seinem Tod einen Plan für 
eine neue Bauhütte in monumen 
talem Stil nebst dahinterliegendem 
W erkplatz gefertigt, welchem 
leider die Genehmigung versagt 
wurde, da, wie schon erwähnt, 
die ganze öffentliche Meinung sich 
dagegen erhob. Auch jetzt noch 
besteht eine Agitation unter der 
Bürgerschaft gegen dieses wieder 
neu aufgetauchte Projekt; man 
will das Münster auch auf dieser 
Seite absolut frei haben, es soll 
sich fein säuberlich präsentieren 
ohne irgendwelche Annexe und 
angeblich störende Beigaben. Wie 
falsch diese Anschauung ist, be 
darf nicht erst der Begründung 
— jeder kunstemphndende Laie, 
nicht bloß der Fachmann ist 
darüber einig. 
Die Anlage für den eigent 
lichen Münsterplatz kann wohl 
kaum anders gestaltet werden, 
als sie schon ist, mit Baumalleen 
längs der Straßen und Straßen 
bahnen; der Platz an der Südseite 
des Münsters wird auch in Zu 
kunft für Marktzwecke in An 
spruch genommen werden müssen. 
Es bleibt also nur eine Neu 
gestaltung des nördlichen Platzes 
an der Hafengasse übrig, und 
dafür hat, wie schon erwähnt, der 
verstorbene Münsterbaumeister 
Münsterplatz im Jahre 1666
        

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