Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

21. Juli 1906 
BAUZEITUNG 
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Klärung. Zwei Erscheinungen traten dem vor 
allem entgegen und mußten zunächst über 
wunden werden. 
Das eine Hemmnis lag darin, daß ganze 
architektonische Produktionsgebiete Deutsch 
lands die Parole der deutschen Renaissance rein 
äußerlich erfaßten und aus dem historischen 
Pormenschatz zur Abwechslung einmal die 
Linienzüge und Formen hervorholten, die an 
diese Zeitepoche erinnerten, und damit ihre 
Bauten garnierten. 
Diese Auffassung eines Stiles, ohne auf 
seine künstlerischen Bedingungen einzugehen, 
rein aus der Schmuckform heraus, muß selbst 
verständlich zur größten Verwilderung führen; 
die Formen werden erst „verschönert“, dann 
mißverstanden, sie werden Phrasen, und wo 
einmal Phrasen beginnen, pflegen sie sich lawinenartig 
zu häufen. Dieses unverstandene Deutschtum endet in 
den überladenen frostigen Giebelbauten, die den reichen 
Wohnhausbau von der Mitte der siebziger Jahre an 
lange beherrscht haben. 
Dieser äußerlichen Strömung steht eine Schaffens 
richtung gegenüber, die wirklich den architektonischen 
Geist der deutschen Renaissance neu belebte. Aeußerlich 
wurden ihre reizvolle Gruppierung, das gesunde Dach, die 
knappe Verteilung konzentrierter Effekte, die liebevolle 
Durchbildung der Details an Erkern, Gittern, Portalen und 
Schornsteinen wiedergewonnen, innerlich eroberte man 
durch das Aufgehen eines strengen Systems und die freie 
Gruppierung der Massen die Möglichkeit vielgestaltiger 
Raumformen zurück. Beides war wichtig und bedeutete 
einen Schritt zur freieren natürlichen Auffassung des 
Wohnhauses. Vor allem süddeutsche Meister, wie Gedon 
und Gabriel Seidl, gingen hier mit glänzenden Leistungen 
voran. Aber auch in dieser Bewegung machte sich zu 
nächst für ihre Gefolgschaft ein Hemmnis geltend. 
Man wäre vielleicht an dem lehrreichen Vorbild des 
deutschen Hauses der Renaissance sofort dazu gekommen, 
seine Eigentümlichkeiten auch ohne die historischen Zu 
taten für unsre Zeit anzustreben und umzuformen, wenn 
die deutsche Renaissance am Endpunkt einer historischen 
Stilreihe gestanden hätte. So aber tastete man unwill 
kürlich dem historischen Entwicklungsfaden nach, bis er 
zu Ende war, ehe man lernte, das Seil fahren zu lassen 
und sich frei zu bewegen. Und so kam es, daß, als die 
äußeren Formen der Renaissance anfingen altbacken zu 
werden, man sie sachte ins Barock herübermodelte, und 
dann ging es teils aus inneren, teils aus rein äußerlichen 
Gründen ebenso weiter wie einst in der Originalentwick 
lung: vom Barock kam man in die enger umschriebenen 
Stilarten des Louis Quinze und Louis Seize, und schließ 
lich war man, ehe man sich’s versah, im Bannkreis des 
Empire angelangt. Damit war man glücklich dahin 
zurückgekommen, von wo man zu Beginn des Jahr 
hunderts ausgegangen war. 
Das ist eine ebenso charakteristische wie 
lehrreiche Erscheinung. Charakteristisch, weil 
das 19. Jahrhundert auf allen Kulturgebieten 
unter der Signatur des historischen Erkennens 
steht und somit seinem historischen Gewissen 
sozusagen erst Genüge geschehen ist, nachdem 
es den ganzen Reigen historischer Stile für die 
Gestaltung seines Wohnhauses durchprobiert hat. 
Lehrreich, weil keiner dieser Stile den letzten 
Ausdruck für die Bedürfnisse der Zeit fand; sie 
alle verblaßten nach mehr oder minder kurzer 
Mode oder blieben Spezialität einzelner begabter 
Künstler, die sie geschickt zu pflegen wußten. 
Resultate «1er Stilarchitektur 
Sie ist aber auch sonst nicht nutzlos ge 
Wienkoop, Darmstadt 
wesen, diese große Stilrepetition. Gerade das schnelle 
Hintereinander historischer Formen hat uns gegen das 
Interesse an der historischen Seite dieser Formen, 
welche die reiche kunstgeschichtliche Forschung zunächst 
erregen mußte, schnell gleichgültig gemacht. Das an 
tiquarische Interesse ist gegenüber dem rein künstlerischen 
mehr und mehr verschwunden und die antiquarische 
Ueberzeugungstreue gilt nicht mehr unbedingt als künst 
lerische Tugend. 
Allmählich hörte die Frage des „Stils“ auf, eine ästhe 
tische Gewissens- und Oharakterfrage für den Schaffen 
den zu sein, wie das in der Zeit der neuen Antike, der 
neuen Romantik und der neuen italienischen Renaissance 
noch der Fall war, sondern sie wird lediglich eine Frage 
des Geschmacks und des ganz besonderen Bedürfnisses, 
aus dem ein Bau hervorgeht. Man entwuchs dem Zauber 
der „Stilarchitektur“. Und damit war der Bann eigent 
lich schon gebrochen. Es begann die innere Befreiung 
von der übergewaltigen Macht der vergangenen großen 
Kulturepochen, unter der die Menschheit, je deutlicher 
sie ihre Eigenarten und Meisterleistungen zu sehen lernte, 
um so mehr gelitten hatte und notwendigerweise zunächst 
einmal leiden mußte. 
Man braucht nur zu betrachten, wie beispielsweise in 
Süddeutschland die bürgerliche Baukunst des Hauses 
unter der Führung einzelner bedeutender Meister sich 
entwickelt, um zu sehen, wie hier trotz aller historischen 
Formen die Befreiung vor sich gegangen ist. Man macht 
nicht das reichgegliederte Dach des Giebelbaues, weil 
es deutsche Renaissance ist, sondern weil es wirkungs 
volle Silhouetten und behagliche Gruppen gibt; — man 
macht nicht das gebrochene Dach des Mansardenbaues, 
weil es Barock ist, sondern weil es ruhig und heiter 
große Massen zusammenfaßt; man bringt nicht das ge 
mütliche Fachwerk alter Bauten, weil es mittelalterlich 
ist, sondern weil vernünftiges Fachwerk, das sachlich 
und ruhig bleibt, ähnlich behandelt werden muß; man 
liebt nicht die weich geschwungenen Linien des Putz- 
Wohnzimmer Architekt Wienkoop, Darmstadt 
Architekt
	        

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