Volltext: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

: ^ ■■ ■ 
&Bi 
Entwurf zu einem Studierzimmer 
ist am so viel individueller und persönlicher als das erstere, 
daß es weit weniger als dieses eine derartige Behandlung 
verträgt. Liegt doch seine künstlerische Bedeutung darin, 
daß es einen Ausdruck des höchstpersönlichen Lebens 
von einem Menschen oder etwa von einer Familie ist, 
welches Leben von Tag zu Tag weitergeht, in einer 
AVeise, daß es unmöglich in einem einzigen Augenblicke 
festgelegt werden kann. Auch alle 
Erwägungen 
der 
Zweckmäßigkeit schließen sich dem an und warnen uns 
davor, einen Interieurkünstler in gleicher AVeise walten 
zu lassen wie einen Stadtbaukünstler. 
Sehen wir näher zu, wie es derzeit in der modernen 
Kunst gehalten wird, so zeigt sich leider bereits eine 
Verwirklichung dessen, was unsre vorigen Ausführungen 
befürchtet haben. Auf zahlreichen Ausstellungen werden 
uns fertige Interieurs vorgeführt. Das ist jedoch nur 
selten so gemeint, daß ein Künstler für eine bestimmte 
Privatperson oder Familie gerade dasjenige Zimmer oder 
AVohnungsensemble geschaffen hat, welches diese einzelne 
Person oder Familie bewohnen wird. Vielmehr werden 
uns solche Interieurs schlechtweg generell vorgeführt, 
allerdings mit Unterscheidung ihrer Arten. 
Der große Aufschwung der dekorativen Künste in den 
Architekt Kick. Gebhardt, Stuttgart 
deutschen Hauptstädten macht namentlich diese Städte 
zu Stätten einer derartigen Interieurkunst. Die Dresdner 
Ausstellung von 1906 scheint ganz besonders darauf an 
gelegt zu sein. Doch auch in Berlin ist ein Hauptsitz 
dieser Kunstrichtung. An so und so vielen Stellen werden 
uns die verschiedentlichen Bestandteile der AVohnungs- 
welt vorgeführt, nicht nur zum Kaufen, sondern auch zum 
„Darnachachten“. Da gibt es: Empfangszimmer, Salon, 
Speisesaal, Rauchzimmer, Schlafzimmer, Herrenzimmer, 
Damenzimmer, Zimmer eines Künstlers, eines Kunst 
freundes, eines Jagdfreundes; sogar Frühstückszimmer 
werden angeboten, also auf Grund der Voraussetzung, 
daß die Verhältnisse da sind, welche eine solche Diffe 
renzierung räumlich und finanziell möglich machen. Ganz 
selten finden sich auch Vorbilder für Arbeiterwohnungen. 
Daß es zwischen dem sogenannten Arbeiter und dem 
jenigen, der sich neben andern Räumen auch ein Rauch 
zimmer und ein Frühstückszimmer gönnen kann, noch 
den Hauptstamm der Bevölkerung gibt, dem das eine zu 
wenig und das andre zu viel ist, scheint dabei auch nur 
selten beachtet zu werden. 
Also werden wir, d. h. das Publikum, gleich einer 
Herde hineingetrieben in die Ausstellungen oder eventuell 
Entwurf zu einem Studierzimmer 
Architekt Rieh, Gebhardt, Stuttgart 
260 
BAUZEITUNG 
Nr. 33
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.