Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/316/
16. September 190b 
BAUZBITUNG 
295 
Nach kurzer Berichterstattung über die Ergebnisse 
der Abgeordnetenversammlung durch Regierungsbau- 
meister Pranzius-Berlin nimmt Geh. Oberbaurat Prof. 
Hofmann-Darmstadt das AVort zu seinem Yortrag 
über „Die Wiederherstellung des Doms zu 
W or ms“. 
Der 1110 durch Bischof Burkhardt auf den Besten 
eines aus dem 11. Jahrhundert stammenden älteren Ge 
bäudes erstellte erste Dom mußte wegen Baufälligkeit 
schon in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts 
erneuert werden. Dieser im großen ganzen heute noch 
bestehende Erneuerungsbau wurde 1181 durch Bischof 
Konrad v. Sternberg eingeweiht. Aber erst im 13. Jahr 
hundert war der Westchor vollendet und damit auch die 
romanische Periode am Dom abgeschlossen. Im Jahr 1419 
jedoch stürzte plötzlich der Nordwestturm in sich zu 
sammen, ohne daß die Ursache ergründet werden konnte, 
und 1481 schlug der Blitz in den andern Turm der 
Westseite, so daß beim Wiederaufbau beide Türme in 
der Folge gotische Formen erhielten. Die schlimmste 
Heimsuchung brachte aber der Einfall der Franzosen 1689. 
Von dem feindlichen Befehlshaber war dem Bischof ver 
sprochen worden, das in den Dom geflüchtete Gut der 
Einwohner schonen zu wollen, aber zwei Tage nachher 
wurde dieses Wort gebrochen und der mit Habseligkeiten 
aller Art vollgepfropfte Dom in Brand gesteckt. Als 
wieder friedlichere Zeiten kamen, setzte man den aus 
gebrannten Baum wieder notdürftig instand, und Ende 
des 18. Jahrhunderts schmückte Bischof Franz von Pfalz 
burg den Chor mit dem prächtigen Hochaltar von 
Balthasar Neumann. Von Mitte des 19. Jahrhunderts 
datieren sodann auch Pläne der gänzlichen Wiederher 
stellung, aber erst als auf Anregung des bekannten Groß 
industriellen Freiherrn Heyl v. Hernsheim 1892 ein zehn 
köpfiger Kunstrat eingesetzt worden war, konnte ernstlich 
an die Ausführung gegangen werden. Geh. Oberbaurat 
Hofmann, damals Stadtbaumeister in Worms, wurde mit 
den Vorarbeiten betraut und begann dieselben mit einer 
gründlichen Untersuchung sämtlicher Bauteile. Dabei 
ergaben sich sehr interessante Aufschlüsse über die Ur 
sache der früheren Einstürze, indem die Anbohrung des 
Untergrunds zeigte, daß die Fundamente nicht auf dem 
festen Kiesgrund des Rheintals ruhten, sondern in der 
darüber befindlichen mehr oder weniger ausgelaugten 
Lößschichte aufgesetzt waren. Und zwar reichten die 
östlichen Bauteile erheblich tiefer hinunter als die 
westlichen, was bei der bemerkten gefährlichen Be 
schaffenheit des Löß leicht Schiebungen von Ost nach 
West verursacht haben mag. 
Ferner fand man im Mauerwerk des Westchors die 
Spur einer vollständig vermoderten Holzverankerung, und 
die weiteren Nachforschungen ergaben das Vorhandensein 
zahlreicher Holzverankerungen der Türme und Kuppeln, 
welche sämtlich durch ungünstige Witterungsverhältnisse 
zerstört worden waren. 
Unter diesen Umständen, nachdem nun nicht mehr die 
offensichtlichen Brandschäden Hauptsache waren, konnte 
Oberbaurat Hofmann keine Ausbesserung, sondern nur 
Abtragung und genauen Wiederaufbau mit Hilfe von 
dauerhaften eisernen Verankerungen empfehlen, was nach 
langem AViderstreben vom Kunstrat genehmigt wurde 
und bezüglich der AVestseite heute nahezu vollendet ist. 
Gleichzeitig waren die Fundamente 9 m tief bis auf den 
festen Kiesgrund hinunter bergmännisch unterfahren wor 
den. Auch die östliche Vierungskuppel, die vor einigen 
Jahrzehnten ein stilwidriges englisches Schieferdach er 
halten hat, soll nunmehr abgetragen werden und beim 
Wiederaufbau ein romanisches Steiudach erhalten. Die 
seitherigen Wiederherstellungsarheiteu haben gegen 
600000 M. gekostet. 
(Schluß folgt) 
21. ordentl. Yerlbandstag der deutschen 
Bangwerks - Berufs Genossenschaften am 
8. September 1906 in Stuttgart 
(Spezialbericht) 
Mit einem Hoch auf Kaiser und König wurde die 
Versammlung eröffnet und zunächst zur Kenntnis ge 
bracht, daß der Vorsitzende, Kgl. Baurat Felisch-Berlin, 
krankheitshalber an den Versammlungen nicht teilnehmen 
kann. Es folgte die Begrüßung der seitens der Regie 
rung, der Stadt, des Reichs Versicherungsamtes, des Landes 
versicherungsamtes, der Zentralstelle für Handel und 
Gewerbe u. a. entsandten Vertreter. Der Vertreter der 
Stadtverwaltung brachte besonders zum Ausdruck, wie 
viele gegenseitige Beziehungen beständen. In jedem Punkte 
der Tagesordnung liege auch ein kommunales Interesse. 
Die Verhandlungen selbst wurden mit Verlesung des 
Jahresberichtes eingeleitet. Bei der sich anschließondenVor- 
standswahl wurde der bisherige Vorstand wiedergewählt. 
Das folgende Referat, welches an Stelle des erkrankten Ver 
bandsvorsitzenden, Baurat Pelisch, Genossenschaftsdirektor 
Schaffrin-Berlin übernommen hatte, lautete: „Stellung 
nahme zu der Resolution der 11. Reiohstagskommission, 
für die Baukontrolle besondere Beamte anzustellen und 
von den Arbeitern gewählte Vertreter zur Kontrolle von 
Bauten zuzuziehen sowie Verordnungen zum Schutze der 
Bauarbeiter auf Grund des § 120 e der Gewerbeordnung 
zu erlassen. “ Der Referent führte aus, daß manche 
meinen, der Verband befasse sich zuviel mit Baukontrolle 
und Bauschutz, aber diese Frage sei eine sehr wichtige 
in bezug auf Leben und Gesundheit der Arbeiter. Der 
Verband sieht in der Anstellung von Baukontrolleuren, 
die durch Arbeiter zu wählen und vom Staat zu unter 
halten sind, eine Verschlechterung der Sache, weil diese 
Kontrolleure bei aller Tüchtigkeit nicht den Ueberblick 
und die Vorbildung wie die sehr gut ausgebildeten behörd 
lich angestellten Kontrolleure haben. Solange Unvor 
sichtigkeit, Leichtsinn und Unnüchternheit den Arbeitern 
änhaften, werden Unfälle Vorkommen. Es wird folgende 
Resolution vorgeschlagen: „Der 21. ordentliche Verbands 
tag der deutschen Baugewerks-Berufsgenossenschaften er 
kennt dankbar an, daß die Staatsbehörden in wirksamer 
Weise den Arbeiterschutz fördern. Derselbe erachtet 
eine möglichst gute Baukontrolle für die vornehmste Auf 
gabe der Baugewerks - Berufsgenossenschaften und , be 
schließt erstens, letztere zu ersuchen, für die beste Lösung 
dieser Aufgabe zu sorgen, sowie zweitens, gegen die in der 
11. Reichstagskommission gefaßten Resolutionen betreffend 
Regelung des Bauarbeiterschutzes durch eine Aenderung 
der Gewerbevorlage und Anstellung von gewählten Ver 
tretern der Arbeiter für die Baukontrolleure Stellung zu 
nehmen und den Reichstag zu bitten, derselben keine 
Folge zu geben.“ 
Zu Punkt 4: Bekanntgabe der Ergebnisse der in der 
Zeit vom 15. bis 30. Juni d. J. durch technische Auf 
sichtsbeamte vorgenommenen Baukontrollen führte Bau 
gewerksmeister Herzog-Danzig folgendes aus: In vor 
genannter Zeit sind durch 70 Beamte ca. 10 000 Betriebe 
besichtigt, und es fanden sich 35—36 °/ 0 mit Mängeln be 
haftet. Insgesamt wurden 5272 Verstöße teils grober, 
teils leichter Art festgestellt. Die von Arbeitern ge 
wählten Baukontrolleure hatten gleichfalls eine Kontrolle 
vorgenommen, es stellte sich heraus, daß deren Berichte 
sehr unrichtig waren. Es ist zu wünschen, daß die 
Arbeiter, anstatt zu hetzen, ihre Pflicht erfüllen möchten, 
denn von allen gröberen Verstößen trifft die größere 
Schuld den Arbeiter. Es ist Pflicht des Verbandes, auf 
dem betreffenden Untersuchungsgebiete nicht stehen zu 
bleiben, sondern unwahre Behauptungen angeblicher 
Menschenfreunde zu widerlegen. Der Antrag des Refe 
renten ging dahin: Solche Erhebungen wie die vom
        

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