Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

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BAUZBITUNGr 
Nr. 38 
Saalbau Mülhausen i. E. Ein I. Preis Architekten Professor H. Pilling und W. Yittali, Karlsruhe 
gelegte Bleiplatten von einigen Zentimetern Breite. Es 
sei ein Vorurteil, zu behaupten, daß die Gelenke sich 
nicht bewegen, vielmehr bewegen sich dieselben dauernd 
infolge von Temperaturunterschieden sehr erheblich. Un 
richtig sei es, die Gelenkfugen nachträglich mit Zement 
mörtel auszugießen, da sodann bei höherer Temperatur 
starke Druckspannungen auftreten müssen. 
Auch die ästhetische Durchbildung der Brücken habe in 
den letzten Jahrzehnten unter der Mitwirkung bedeutender 
Architekten wesentliche Fortschritte gemacht. Redner 
ist bei neuen massiven Brücken im allgemeinen für den 
Wegfall der bei eisernen Brücken üblichen und ästhetisch 
gerechtfertigten Brückenköpfe und verweist hierüber auf 
die im Saale ausgestellten Ansichten der neuesten Brücken 
bauten, namentlich in München. Die Gelenke sollen als 
solche sichtbar bleiben bezw. hervorgehoben werden, und 
ebenso die konstruktiven Verdickungen der sogen. Bruch 
fugen, um der neuen Bauweise ihren charakteristischen 
Ausdruck zu geben. 
Die freie Nachmittagszeit war verschiedenen Besich 
tigungen gewidmet, so unter anderm dem bekannten groß 
zügigen Steinzeugwerk Friedrichsfeld und den interessanten 
Hoch- und Tiefbauten in der Stadt selbst, worauf das 
Festmahl in dem durch seine riesigen Dimensionen so 
wohl als seine eigenprächtige 
Ausstattung imponierenden 
Nibelungensaal des Rosen 
garten die sämtlichen Teil 
nehmer wieder zu fröhlichen 
Abendstunden vereinigte. 
Der folgende Tag brachte 
das Referat des Oberbaurats 
Prof. Baumeister-Karlsruhe 
über eine Neuredaktion der 
1874 ebenfalls von Herrn 
Baumeister erstmals auf 
gestellten Grundzüge des 
Städtebaues. 
Gegenüber der ersten 
Fassung von 1874 sind es 
namentlich die Forderungen 
der Aesthetik, die im Ver 
gleich zu dem früheren Vor 
herrschen des verkehrstech 
nischen und hygienischen 
Standpunktes mehr zur Gel 
tung kommen. Der Kor 
referent , Prof. Hocheder- 
München, ist im allgemeinen 
mit der neuen Fassung der 
Grundzüge einverstanden, möchte aber, daß die Führerschaft 
der Kunst im Städtebau da und dort noch etwas schärfer 
zum Ausdruck komme. Nach weiteren Bemerkungen 
von Geh. Oberbaurat Stübben-Berlin, Geh. Oberbaurat 
Hofmann-Darmstadt, der insbesonders die Beiziebung der 
Hochbauämter zur Bearbeitung von Stadtbauplänen em 
pfiehlt, während diese gegenwärtig fast ausschließlich von 
den Tiefbauämtern geschieht, von Stadtbauinspektor Berg- 
Frankfurt und Prof. Frobenius-Wiesbaden nimmt Ober 
baurat Baumeister das Schlußwort, indem er die Ein 
führung des Städtebaues als besonderen Lehrgegenstand 
auf den technischen Hochschulen und weiter ein inniges 
Zusammenwirken von Architekt und Ingenieur befürwortet. 
Die Versammlung faßt hierzu auf Vorschlag ihres 
Vorsitzenden Reverdy folgenden Beschluß; „Die Wander 
versammlung des Deutschen Architekten- und Ingenieur- 
Verbands zu Mannheim empfiehlt die von Herrn Prof. 
Baumeister-Karlsruhe aufgestellten Grundsätze des Städte 
baues in Verbindung mit den Erläuterungen, die er selbst 
und Prof. Hocheder-München gegeben, wie in Verbindung 
mit den in der allgemeinen Besprechung hervorgehobenen 
Gesichtspunkten als wertvolle Unterlagen für die Behand 
lung der vielseitigen Frage des Städtebaues. Das Protokoll 
über die heutige Verhandlung der Grundsätze soll als 
Denkschrift unter Beifügung dieses Be 
schlusses veröffentlicht werden.“ 
Der letzte Vortrag von Prof. Widmer- 
Karlsruhe galt den „Grundbedin 
gungen des neuen Stils“. 
Als zu Ende des vorigen Jahrhunderts 
nach der in rascher Folge erschöpften 
Wiederholung sämtlicher Stilarten die 
Forderung nach einem neuen Stil erwachte, 
da waren die Anfänge zunächst noch mehr 
oder weniger gekünstelt, und die Entwick 
lung machte viele Irrtümer durch. Jedes 
Zeitalter schafft sich seinen eignen Schön 
heitsbegriff: die Antike liebte die Ruhe 
in behaglichen breiten Formen, die Gotik 
strebte in die Höhe. In Stein und Holz 
hatte sich der Kreis der Form- und Ge 
staltungsmöglichkeit erschöpft, nun kam 
das Eisen. Daher sprach man von einem 
eisernen Stil der Zukunft. Dem Eisen 
fehlt aber die Flächenwirkung, es ist 
Knochen ohne Fleisch. 
Saalbau Mülhausen i. E. 
Ein I. Preis 
Architekten Professor H. Pilling und W. Yittali, Karlsruhe
	        

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