Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1906)

29.  September  1906

BAÜZBITÜNG

311

Kontinuierliche  Balkenbrücken  aus
Eisenbeton

Von  Dipl.-Iug.  S.  Zipkes,  Chefingenieur  der  Firma  Luipold

(Fortsetzung)

&  Schneider,  Zürich 1 )

Neben  den  drei  bis  jetzt  hauptsächlich  verwendeten
Konstruktionsmaterialien,  nämlich  dem  Holz,  Stein  und
Eisen,  haben  sich  der  Beton  und  in  der  letzten  Zeit  der
Eisenbeton  große  Anwendungsgebiete  erobert.
Der  Eisenbeton  ist  wegen  seiner  Eigenschaften  und
Vorteile  bald  in  Konkurrenz  mit  Holz,  Stein  und  Eisen
getreten  und  hat  dieselben  aus  vielen  ihrer  Verwendungsgebiete ­
  verdrängt;  er  wird  heute  erfolgreich  in
Hoch-  und  Tiefbau  verwendet  und  erstrecken  sich  seine
Anwendungsgebiete  auf  alle  Zweige  der  Ingenieurtechnik. ­
  Die  Hauptursache  hierfür  ist  in  dem  Umstand
zu  suchen,  daß  nämlich  Konstruktionen  aus  Holz,  Stein
und  Eisen  ausschließlich  einheitliches  Material  erheischen,
das  noch  speziellen  Vorbereitungen  unterliegen  muß  und
nicht  mit  Leichtigkeit  und  Billigkeit  zu  finden  ist.  Die
Elemente  des  Eisenbetons  dagegen,  wie  Sand,  Kies  oder
Schotter,  sind  überall  zu  finden,  Zement  und  Stabeisen
werden  wohlfeil  im  Handel  angeboten;  und  da  Eisenbeton ­
  sich  aus  leicht  beweglichen  Elementen  zusammensetzt, ­
  wird  in  allen  Fällen  der  Transport  zur  Baustelle
ein  leichterer  sein,  wodurch  wieder  die  Baukosten  vermindert ­
  werden.  Aus  diesen  Gründen  folgt  die  Möglichkeit ­
  einer  rascheren  Herstellung.  Eisenbetonbrücken
werden  in  kürzerer  Zeit  erstellt,  als  nur  die  Lieferung  des
Eisens  für  eine  metallische  Brücke  beanspruchen  würde.
Die  große  Anpassungsfähigkeit,  die  jede  Formgebung
mit  Leichtigkeit  ermöglicht,  die  günstige  Verbindung  des
schlanken  Eisens  mit  dem  massigen  Beton,  die  monolitische
  Gestaltung  der  Konstruktion,  die  eine  bessere
Arbeitsverteilung  durch  die  Zusammen  Wirkung  aller  Teile
im  Gefolge  hat,  die  Feuersicherheit  und  endlich  der
Wegfall  jeder  Unterhaltungskosten  sind  Eigenschaften,  die
dem  Eisenbeton  immer  weitere  Anwendungsgebiete  sichern.
Gegenüber  dem  Stein  bietet  der  Eisenbeton  den  Vorteil ­
  der  Gewichts-  und  Kaumersparnis.  Der  Steinschnitt
fällt  gänzlich  weg,  die  Schiefe  der  Gewölbe  bietet  keine
Schwierigkeiten  mehr,  durch  Raum-  und  Gewichtsersparnisse ­
  werden  größere  Gewölbespannweiten  ermöglicht,
auch  ist  der  Eisenbeton  billiger  als  Stein,  zwar  meistens
weil  sich  seine  Festigkeitseigenschaften  besser  ausnutzen
und  Materialersparnisse  sich  erzielen  lassen.
Dem  Eisen  gegenüber  ist  er  bezüglich  der  Feuersicherheit, ­
  Einwirkung  der  Atmosphäre  und  dynamischen
Beanspruchungen  überlegen.  Die  eisernen  Brücken  haben
dem  Stein  gegenüber  den  wichtigen  Nachteil,  daß  sie  erhebliche ­
  Unterhaltungskosten  erfordern.  Sie  müssen  stets
guten  Oelanstrich  haben,  wenn  sie  nicht  dem  Rost  anheimfallen ­
  sollen.  In  Einschnitten  haben  sich  eiserne
Brücken  infolge  Zerstörbarkeit  durch  Rauchgase  schlecht
bewährt,  ferner  benötigen  sie  eine  fortwährende  pünktliche
Ueberwachung,  weil  durch  die  bewegten  Lasten  Lockerungen ­
  in  den  Nietverbindungen  eintreten.
Dem  Holz  gegenüber  bietet  uns  der  Eisenbeton  noch
größere  Vorteile,  als  es  gegenüber  dem  Eisen  der  Fall  ist.
Die  leichte  Angreifbarkeit  des  Holzes  durch  Atmosphärilien ­
  und  Wesen  organischer  Natur,  wie  Holzschwamm
und  Bohrwurm;  seine  Unzuträglichkeit  gegenüber  der
wechslungsweise  eintretenden  Nässe  und  Trockenheit,
die  seine  Anwendung  für  Joche  und  Pfeilerbauten  erschweren, ­
  ferner  das  Vorhandensein  der  Aeste,  die  den
Keim  der  Fäulnis  beherbergen,  sind  Nachteile,  die  sein
Anwendungsgebiet  immer  begrenzen.  Auch  für  Notbrücken, ­
  provisorische  Brücken  über  Flüsse,  deren  Korrektion ­
  bevorsteht,  empfiehlt  sich  der  Eisenbeton.  Die

!)  Siehe  Nr.  17,  18,  20,  23.

Holzbrücken  haben  in  der  letzten  Zeit  durch  die  Eisenkonstruktionen ­
  viel  an  Wichtigkeit  verloren,  und  ist  auch
in  holzreicher  Gegend  ihre  Anwendung  für  Straßenbrücken ­
  ernstlich  in  Frage  gestellt,  da  einerseits  hölzerne
Brücken  nur  mit  großen  Unterhaltungskosten  nicht  mehr
als  30  Jahre  benutzt  werden  können,  indem  fortwährend
.Teile  auszuwechseln  sind,  was  Betriebsstörungen  mit  sich
Bringt,  anderseits  wegen  der  Feuergefahr,  und  endlich
besitzen  dieselben  keine  genügende  Sicherheit  für  die
Aufnahme  größerer  Lasten.
Sollen  Holzbrücken  größere  Lebensfähigkeit  besitzen,
so  müssen  dieselben  gegen  Einwirkungen  der  atmosphärischen ­
  Einflüsse  u.  s.  w.  geschützt  werden,  was  ihren
Herstellungspreis  bedeutend  erhöht.  So  sind  die  in
Berlin  verwendeten  Notbrücken,  die  während  der  Herstellungszeit ­
  der  eisernen  Brücken  zu  dienen  hatten,  zum
Preis  von  50  und  90  Mark  pro  Quadratmeter  ausgeführt
worden.  Eisenbetonbrücken  wären  gewiß  nicht  teurer  gekommen, ­
  im  Gegenteil.
Nur  wo  gutes  Bauholz  in  großen  Mengen  wohlfeil
zu  haben  ist,  wo  keine  strengen  Bedingungen  für  die
Sicherheit  auferlegt  sind  und  wo  es  sich  darum  handelt,
die  Auslagekosten  so  viel  als  möglich  herunterzudrücken,
wie  es  in  den  Vereinigten  Staaten  von  Nordamerika  und
in  Rußland  der  Fall  ist,  hat  das  Holz  noch  größere  Anwendungsgebiete ­
  zu  verzeichnen.  Dem  Eisenbeton  hat
das  Holz  nur  die  provisorische  Verschalung  zu  liefern.
Die  in  der  Folge  näher  zu  besprechenden  kontinuierlichen ­
  Balkenbrücken  aus  Eisenbeton  zeichnen  sich  nicht
durch  große  Spannweiten  oder  Längen  aus;  sie  bilden
aber  typische  Beispiele  solcher  Konstruktionen  und  geben
ein  Beweismaterial  für  die  angeführten  allgemeinen  Betrachtungen ­
  und  Rechnungsmethoden.  Ferner  geben  die
Probebelastungen  eine  vollkommene  Bestätigung  der  gemachten ­
  Annahmen,  auf  welche  die  Berechnung  fußt.
1.  Brücke  über  die  Murr  in  Backnang  (siehe
Abb.  1  in  Nr.  17).  Dem  sich  stets  entwickelnden  Verkehrswesen ­
  und  der  steten  Ausdehnung  der  Städte  ist
im  allgemeinen  durch  die  Schaffung  bewährter  Verbindungsmittel ­
  und  Erleichterung  der  Abwicklung  des  inneren ­
  wachsenden  Verkehrs  mit  ausreichenden  Mitteln
zu  entsprechen  und  dadurch  die  ersteren  zu  fördern.
Die  alte  im  Zuge  der  Straße  Waiblingen—Hall  gelegene ­
  Sulzbacher  Steinbrücke  (Abb.  33),  die  eine  ungenügende ­
  Breite  von  4,5  m  besaß,  mußte  aus  obigen
Gründen  einem  Neubau  weichen.  Durch  diesen  Neubau
wurde  aber  ein  zweites,  sehr  bedeutendes  Werk  gefördert,
das  in  erhöhtem  Maße  die  gemeinsamen  Interessen  fördern ­
  dürfte;  es  ist  dies  nämlich  die  Murrkorrektion.
Die  Sulzbacher  Steinbrücke  zeigte  Zufahrtsrampen
mit  10%  Steigung  gegen  die  Brückenmitte  hin,  ferner
verengte  der  starke  Mittelpfeiler  aus  Stein  das  Durchflußprofil, ­
  so  daß  die  Wirkungen  der  Murrkorrektion  nicht
mehr  zur  vollen  Geltung  kommen  konnten.
Nach  vielen  Verhandlungen  und  ebensovielen  Vorschlägen ­
  wurde  die  Ausführung  einer  Eisenbetonbrücke
mit  horizontaler  Fahrbahn  beschlossen,  bei  welcher  die
Zufahrtsrampen  auf  1,5—3,6  %  ermäßigt  und  der  höchste
Punkt  der  Fahrbahn  um  5  cm  niederer  (bei  horizontaler
Lage  derselben),  als  bisher  der  Fall  war,  gesetzt  werden
            
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