Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/395/
364 
BAUZEITUNG 
Nr. 45 
tung geschah, ist ja nicht weiter verwunder 
lich. Für den heutigen Stilpuritaner aber ist 
es entsetzlich zu sehen, wie frisch und fröhlich 
hierbei das Rokokoornament ohne jede Ver 
mittlung sich direkt an seinen Vorgänger 
aus der Barockzeit anschließt (so zum Beispiel 
an dem großen Portal von dem gewaltigen 
Treppenhause nach dem Thronsaal). 
Das Schloß wird seit einer Reihe von 
Jahren mit erheblichen Kosten seitens des 
badischen Staates instand gesetzt und zurzeit 
ausgebaut. Es wird nach Beendigung dieser 
Arbeiten zweifellos zu den hervorragendsten 
architektonischen Sehenswürdigkeiten Badens 
zu zählen sein. 
P. H. Steinhart, Zeichenlehrer 
der Großh. Bauschule in Karlsruhe. 
V ereinsmittei hingen 
Württembergischer Baiibeauiten - 
Verein. Dem Verein hat seinen Beitritt ab 
1. Januar 1907 angemeldet: Hermann Ganz en- 
raüller, Stadtbaumeister und 
Oberfeuerschauer in Weinsberg. 
Württembergischer In 
genieur-Verein. Im Württem- 
bergischen Ingenieur-V erein sprach 
am 1. November im großen Saal 
des Oberen Museums Prof. Herr 
in a n n von der Technischen Hoch 
schule in Stuttgart über „Draht 
lose Telegraphie“. Das Thema 
hatte eine solche Anziehungskraft 
ausgeübt, daß der große Saal dicht 
mit Zuhörern gefüllt war, die 
mit gespannter Aufmerksamkeit 
den fast zweistündigen Ausfüh 
rungen des Vortragenden folgten. 
Prof; Herrmann gab in formge 
wandter Rede eine im besten Sinn 
populär-wissenschaftliche Darstel 
lung der elektromagnetischen 
Vorgänge, auf denen die draht 
lose Telegraphie beruht, und brachte diese Vorgänge 
in sehr klaren Bildern zur Anschauung. Auf dieser 
Grundlage wurden das derzeitige System der drahtlosen 
Telegraphie und die dabei verwendeten Apparate erklärt 
und auch die neuesten Bestrebungen berührt. Zuerst er 
läuterte der Vortragende, wie bei der Funkenentladung 
die elektrischen Schwingungen im Sendedraht entstehen. 
Als Folge der Schwingungen im Draht entstehen in seiner 
Umgebung abwechselnd elektrische und magnetische Kraft 
linien, und diese eilen mit Lichtgeschwindigkeit als elek 
trische Wellen in den Raum hinaus. Die Länge der heute 
in der drahtlosen Telegraphie gebräuchlichen Wellen ist 
100—1000 m. Die Stationen der Deutschen Reichspost 
verwaltung arbeiten mit einer Länge von 365 m. Die 
Länge hängt von der Kapazität und der Selbstinduktion 
des Senders ab und kann willkürlich bestimmt werden. 
Man darf sich nun diese Wellen, welche der Draht aus 
strahlt, nicht kontinuierlich denken. Vielmehr gehen die 
selben in Gruppen von ein paar Schwingungen stoßweise, 
durch lange Intervalle unterbrochen, in den Raum hinaus. 
Im Auffangedraht erregen diese Wellen elektrische 
Schwingungen, und zwar um so energischer, je mehr der 
Auffangedraht in Resonanz ist mit den auftreffenden 
Wellen, d. h. je mehr die Eigenschwingungen des Auf- 
fangedrahts denselben Rhythmus besitzen wie die an- 
kommenden Wellen. Durch die Schwingungen im Auf 
fangedraht wird nun der mit diesem verbundene Kohärer 
(Fritter) leitend und gestattet einem Batteriestrom den 
Kamin vom Schloß Rastatt. Aufnahme von 
F. H. Steinhart, Zeichenlehrer in Karlsruhe 
Weg zu einer Klingel oder einem Morse 
apparat ; es erfolgt also ein Zeichen. Man 
hat nun in den letzten Jahren insbesondere 
das Prinzip der Resonanz bei der drahtlosen 
Telegraphie nach allen Richtungen hin aus 
gebeutet. Vor allem wird die Empfangs 
station abgestimmt. Es geschieht dies durch 
Spulen mit veränderlicher Windungszahl und 
durch variable Kondensatoren. Weiter war es 
zur richtigen Ausnutzung der Resonanz nötig, 
die Wellen möglichst wenig stoßweise, sondern 
mehr kontinuierlich zu erzeugen. Man erregt 
zu diesem Zwecke die elektrischen Schwin 
gungen nicht direkt im Sendedraht, sondern 
zunächst in einem besonderen Stromkreis. 
Durch dessen Schwingungen wird dann der 
Sendedraht seinerseits zu Schwingungen an 
geregt. Auf diese Weise ist es gelungen, die 
einzelnen Wellenzüge länger zu machen. 
Kontinuierlich sind sie aber trotzdem noch 
nicht. Es scheinen aber die Bemühungen 
neuerer Forscher, vor allem des 
„ Dänen Poulicu, kontinuierliche 
Wellen zu erzeugen, von Erfolg 
begleitet zu sein. Der Empfänger 
wird ganz exakt auf die abgesand- 
ten Wellen abgestimmt, und man 
hat es dahin gebracht, daß er nur 
auf die Welle anspricht, auf die 
er abgestimmt ist, und von andern 
Wellen, wenn sie 5% und mehr 
verschieden sind, nicht gestört 
werden kann. Neben dem Fritter 
benutzt man noch empfindlichere 
Wellendetektoren. Vor allem die 
elektropytische Zelle in Verbin 
dung mit dem Hörtelephon. Mit 
Hilfe eines solchen Hörempfängers 
ist man leicht imstande, den eignen 
Empfänger auf noch unbekannte 
Wellen in ganz kurzer Zeit ab 
zustimmen. Redner beschrieb eine 
Reihe der neuesten Stationstypen 
der Gesellschaft für drahtlose Tele 
graphie, System Telefunken, zunächst die trag- und fahr 
baren Militärstationen. Die letzteren bestehen aus zwei Protz 
fahrzeugen, die vom vierpferdigen Benzinmotor bis zu einem 
30 m hohen Magnaliummast alles enthalten, was zu dem 
regelrechten Betrieb einer funkentelegraphischen Station 
mit 225 km Reichweite gehört. Die tragbaren Stationen 
sind leicht von acht Mann zu transportieren und dienen 
vorzugsweise dem Aufklärungs- und Vorpostendienst. Ihre 
Reichweite beträgt 30—50 km. Dann wurden die kom 
merziellen Stationen an einer Reihe wohlgelungener Licht 
bilder erläutert, und man erfuhr, daß die Deutsche Gesell 
schaft für drahtlose Telegraphie, System Telefunken, bis 
1. Oktober d. J. insgesamt 628 Stationen nach Deutsch 
land und andern Ländern geliefert hat, mehr als alle 
andern Systeme zusammen. Schließlich wurde noch die 
neue Großstation in Nauen bei Berlin beschrieben, welche 
einen Turm von 100 m Höhe besitzt und von der bis 
jetzt die Entfernung von 2400 km erreicht wurde. 
Der Vortrag wurde von Demonstrationen begleitet, 
welche zeigten, wie man Empfänger und Sender auf 
einander abstimmt und wie eine Verstimmung das Ver 
sagen der guten Verständigung zur Folge hat. Man 
konnte ferner sehen, wie zwei Stationen in dem engen 
Raum eines Saales nicht durch einander gestört werden, 
wenn ihre Wellenlänge nur genügend verschieden ist. Man 
sah aber auch, daß eine böswillige Sendestation ganz 
leicht das gute Einvernehmen zweier andrer Stationen 
stören und wie jede Nachricht auch von andern Stationen
        

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