Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/400/
17. November 1906 
BAUZEITUNG 
369 
schroffen Gegensatz zur Altstadt, in welcher die Straßen 
bahn sich oft kaum eingleisig durch die Engpässe zwingen 
kann, so zum Beispiel in der äußeren Laufertorgasse, deren 
Querschnitt vorstehend abgehildet ist. Bei 7,20 m Ge- 
samthreite mißt die Fahrbahn noch 4,75 m zwischen den 
Randsteinen. Ein Straßenbahnwagen und ein Möbelwagen 
finden auf ihr Platz, und selbst auf den schmaleren, nur 
1,05 m breiten Gehwegen können noch zwei verträgliche, 
nicht gar zu breitspurige Menschen aneinander vorüber 
kommen. 
Y. Angrenzerbeiträge zum Straßenbau in Nürn 
berg. Baulinienfeststellung. 
AVie fast allerorts, so haben sich auch in Nürnberg 
die Angrenzer an den Kosten der Straßenneubauten zu 
beteiligen und außerdem auch die Straßenfläche unent 
geltlich abzutreten. 
Für die Beitragsberechnung kommen folgende Einheits 
sätze in Anwendung: 1 m Randstein samt Anpflasterung 
14 M. 50 Pf., Chaussierung 3 M. 60 Pf. per Quadratmeter, 
Granitpflaster 13 M. per Quadratmeter, Erdarbeiten 
Pauschsumme mit 15 °/ 0 des Betrags aus der Straßen 
befestigung. Bauleitung und Bauaufsicht 5 °/ 0 der Ge 
samtsumme für Bauarbeiten. 
Unter Zugrundelegung dieser Einheitspreise ergaben 
sich bei 80 m Baublocklänge für den laufenden Meter 
Bauplatz bei 12 m Straßenbreite 38 M., bei 16 m Breite 
45 M. und bei 22 m Breite 55 M. Anliegerkosten. Bei 
noch breiteren Straßen, deren Breite vorwiegend auch 
dem Durchgangsverkehr dient, trägt die Stadt die Mehr 
kosten über 22 m Breite. An Plätzen werden 14 m 
Straßenbreite für die Anliegerkosten zugrunde gelegt. 
Die verwaltungsrechtliche Behandlung der Baugesuche 
sowie der Entwürfe und Anträge über Festsetzung neuer 
oder Abänderung bestehender Baulinien und Höhenlagen 
ist einem „rechtskundigen“ Mitglied des Magistrates als 
Referenten zugewiesen. Die „bautechnische Begutachtung“ 
erfolgt schriftlich durch die besondere Abteilung des 
städtischen Bauamtes für Baupolizei. 
Die Entwürfe für Bauliniensachen werden dagegen 
von einer andern Abteilung des städtischen Bauamtes, 
der Abteilung für Stadterweiterung, aufgestellt und von 
dem „Baupolizeireferenten“ im Magistrat, nicht im Polizei 
senat, zum Vortrag gebracht. — Eine meines Erachtens 
für die städtischen Techniker nicht ganz befriedigende 
Anordnung, sie stehen in zweiter Linie. — 
In Baulinien und Höhenlagesachen steht dem Magistrat 
nur das Recht der Antragstellung zu; die Entscheidung 
liegt bei den Regierungsbehörden. 
Eine besondere Bauordnung für Nürnberg, d. h. ein 
Ortsbaustatut, gibt es nicht, aber vereinzelte orts 
polizeiliche Vorschriften, so zum Beispiel zum Schutz des 
Stadtbildes u. s. w. (Schluß folgt.) 
Karlsruher Wolmhauskunst 
Yon Prof. Karl Wi dm er-Karlsruhe. 
Der epochemachende Aufschwung, den die Karlsruher 
Baukunst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren ge 
nommen hat, knüpft sich vor allem an die Privatbau 
tätigkeit. Es ist überraschend, wie leicht und schnell 
die neue Bewegung in den Kreisen bürgerlicher Bau 
herren Verständnis gefunden hat. Geschäftshäuser in der 
innern Stadt, vor allem aber Villen und AYohnhäuser in 
den neueren Straßen der Weststadt sind bis heute die 
wichtigsten Zeugen dieses Aufschwungs. Die erste Bresche 
in die Herrschaft des Palazzostils und der üniversal- 
fassade legte Oberbaurat Karl Schäfer mit seinem alt 
katholischen Pfarrhaus (Ende der achtziger Jahre). Er 
selbst steht damit zwar auf dem streng historischen 
Standpunkt exakter Stilrekonstruktion (fränkischer Fach 
werkstil). Indem er aber wieder einmal auf einen echten 
Typus des nationalen Bürgerhauses hinwies, ebnete er einer 
Reihe jüngerer Architekten den Boden, die sich von der 
Schablone der italienischen Renaissance mit aller Ent 
schiedenheit der gruppierenden Bauweise unsrer 
nationalen Stile zuwandten und diese in einem freieren, 
moderneren Geiste behandelten. Es sind vor allem 
Hermann Billing und Curjel & Moser, welche 
ganzen Straßen in den neuen Stadtteilen das Gepräge eines 
frischen und originellen künstlerischen Geistes aufprägten 
(Eisenlohrstraße, Riefstahlstraße, Baischstraße u. s. w.). 
Inzwischen hat die Bewegung immer weitere Kreise ge 
zogen. Zwar kommen die großen Ueberraschungen, welche 
diese ersten „modernen“ AYohnhäuser gebracht haben, be 
greiflicherweise nicht jeden Tag wieder. AYas aber 
wichtiger ist: die künstlerische Reform, die von ihnen 
ausgegangen ist, hat festen Boden gefaßt. Neben den 
Genannten hat namentlich Friedrich Ratzel auch 
im Privatbau eine einflußreiche Tätigkeit entfaltet; in 
seinen AYohnhäusern ist Ratzel nicht so exklusiv 
historisch wie in seinen öffentlichen Bauten, die einen 
zum Teil wie echte AYerke der Barockzeit anmuten. 
Auch Hermann Sexauer lehnt sich in seinen besten 
AVerken an schlichte Barockformen an. Und unter 
dem Nachwuchs bewährt sich schon hei manchem die 
Billing-Schule, Moser-Schule u. s. w., aus der er hervor 
gegangen ist. So sind u. a. Pfeifer und Großmann viel 
versprechende Talente. AYenn im übrigen auch nicht 
alles einwandfrei ist, vieles auch den Stempel unver 
standener Nachahmung trägt — im ganzen geht es 
doch voran. Man vergleiche nur das Niveau dessen, was 
an tüchtiger moderner Baukunst in den letzten zehn 
Jahren in Karlsruhe alles entstanden ist, mit dem, was 
in den siebziger und achtziger Jahren die Hochflut der 
Renaissancemode an öffentlicher und privater Architektur 
gebracht hat. Auch ist innerhalb der neueren Be 
wegung selbst seitdem eine gewisse Abklärung und 
Beruhigung der künstlerischen Anschauungen eingetreten. 
Anfangs mag die Freude an der malerischen AVirkung 
der unregelmäßigen, gruppierenden Bauweise vielfach 
dazu verführt haben, das Gruppieren um des Malerischen 
willen zu übertreiben, überhaupt auf die künstlerisch 
aparte und auffallende Erscheinung des Hauses einen 
etwas starken Nachdruck zu legen (auch farbig!). Eine 
gewisse Rolle spielten auch die für ein städtisches AYohn- 
haus doch überflüssigen (freilich vom Bauherrn oft ver 
langten) Ecktürme; damit war man in den Burgenstil 
hineingeraten. Jetzt aber hat sich die Bewegung von 
diesen Aeußerlichkeiten mehr und mehr freigemacht. Der 
Einfluß des Empire- und Biedermeierhauses, das den 
historischen Typus der älteren Karlsruher Wohnhaus- 
architektur bestimmt, und der aus dem 18. Jahrhundert 
erhaltenen schlichten Louis-seize-Architektur war dabei 
nicht ohne Wirkung. Die neueren Wohnhäuser werden 
immer einfacher, ruhiger, sachlicher. Der Charakter des 
modernen Bürgerhauses drückt sich darin natürlicher aus 
als in der starken Betonung malerischer Absichten. Billing 
hat sich neuerdings übrigens auch mit dem klassischen 
Prinzip der Renaissance wieder befreundet, namentlich 
bei eingebauten Etagenhäusern. Auch scheut er sich 
nicht, gelegentlich einmal die Passade eines AYohnhauses 
monumental zu behandeln, wenn es ihm durch die Größe 
des Baues und den architektonischen Charakter seiner 
Umgebung motiviert erscheint (Eingang zur Baischstraße). 
Sind die Grenzen des Monumentalen überhaupt flüssig 
— wo fängt der Palast an und hört das Bürgerhaus 
auf? —, so ist natürlich in einer großen städtischen Haupt 
straße oder an einem öffentlichen Platz ein gewisser Grad 
der Monumentalität auch beim AYohnhaus nicht nur be 
rechtigt, sondern sogar geboten. Die Kunst kennt eben 
kein absolutes Schema.
        

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