Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-3,1906
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1906/425/
392 
BAUZBITUNG 
Nr 49 
Landhaus in Sehopfheim, Preis 102000 M., d. i. 20 M. pro cbm. Architekt Professor 
P. Schnitze - Naumburg. Aus Haenel-Tscharmann „Das Einzelwohnhaus der Neuzeit“ 
Es ist so recht geeignet, die moderne Kultur in ihren 
Schattenseiten und Kehrseiten zu kennzeichnen. Ueberall 
da, wo Sinn für Familienleben, für Heimkultur herrscht, 
wo das Gemütsleben innig und vertieft, nicht aber ver 
flacht und veräußerlicht ist, muß als erste Voraussetzung 
für ein glückliches Wohnen verlangt werden, daß man in 
seinem Hause sein eigner Herr ist, daß die Wohnung 
mit Land und Boden und allem, was dazu gehört, unser 
Eigentum ist, zum mindesten für so und so lange Zeit. 
Auch hier wieder ist es der Engländer, der das schöne 
Sprichwort hat: „My house is my castle.“ Und sei das 
Haus auch noch so klein, aber es sei dein! Wahres, 
tiefinniges dauerndes Glück kann man nur im eignen 
Hause finden. Nicht am wenigsten das Interesse der 
Kinder verlangt gebieterisch die Einführung des Ein 
familienhauses. Wie wäre es möglich, daß große Menschen 
mit hohen Zielen und starken sittlichen Trieben in Miets 
etagen, die alle paar Jahre gewechselt werden, erzogen 
werden können. Heimisch kann man sich nur in dem 
Hause fühlen, in dem man aufgewachsen ist, in das man 
seine Lebensgefährtin fürs Leben eingeführt hat, in dem 
man seine Kinder geboren werden und heranwachsen ge 
sehen hat. Auf solchen Grundlagen sind die großen 
Kulturen vergangener Zeitperioden erwachsen. Auf der 
Grundlage des Mietsetagensystems konnte nur eine Schein- 
und Äfterkultur, eine durch und durch äußerliche Kultur 
erstehen. Aber die Umkehr ist erfolgt, der Zug auf 
das Land, von dem oben die Hede 
war, spricht dafür. Und nicht zum 
wenigsten von unten herauf scheint 
das Heil zu kommen, denn die heute, 
schon eine mächtige Ausdehnung ha 
benden Laubenkolonien kennzeichnen 
treffend das Suchen nach dem Lande. 
Tritt an die Stelle der Laube das 
Haus, und sei es auch noch so beschei 
den, so haben wir das Landhaus und 
das Einfamilienhaus, denn in einer 
„Laube“ gibt es keine „Mietsetagen“. 
Ebensowenig als das Mietsetagen 
system dürfen andre Schattenseiten 
des städtischen Hauses auf das Land 
haus übertragen werden. Wenn wir 
uns in der Umgebung der großen 
Städte die Villen und Landhäuser an- 
sehen, gewahren wir schon manchen 
glücklichen Versuch einer Umkehr 
und Einkehr zum Individuellen und 
zum Intimen. Aber sie alle leiden 
noch darunter, daß sie Fassaden 
häuser sind, bei denen die Straßen 
seite nach der Art von Schaufenstern 
äußerlich - prunkvoll und womöglich 
renommiersüchtig ausgeputzt ist. Ein 
Landhaus aber muß ein Familienhaus 
sein, und ein Familienhaus muß den 
Schwerpunkt nach innen legen, es 
muß in allen seinen Teilen nach innen 
weisen und Aeußerliches an sich darf 
es nicht geben. Glück kann nur da 
sein, wo die Penaten, die heimischen 
Götter, wohnen, von solchen aber kann 
in Schaufensterhäusern, die die Zunge 
nach der Straße hinausstrecken, nicht 
die Bede sein. Von dem, was außen 
liegt, und von dem, was draußen ist, 
kann für das Landhaus nur die Sonne, 
das Licht und die Luft in Betracht 
kommen. Dafür sorgen aber die Fen 
ster, diese „Augen“ des als organischen 
Körper gedachten Hauses. Sie müssen 
groß sein, damit viel Licht und Luft 
hereinströmen kann. Dort, woher die Sonne kommt, also 
an der Ostseite, müssen nicht nur die meisten Augen sitzen, 
sondern dort ist auch die von der Natur gegebene Schau 
seite des Hauses. Von dort aus blickt gleichsam das 
Haus hinaus, dort ist Türe und Turm und Erker. Und 
weil diese Seite die Eingangsseite ist, ist sie so aus 
gebaut, daß sie Einladung und herzliches Willkommen 
zum Eintritt ausspricht; an dieser Seite darf sich daher 
auch die Beziehung zur Außenwelt aussprechen. 
Ein andrer grundsätzlicher Fehler unsers städtischen 
Wohusystems besteht darin, daß diese Mietsetagen 
Bepräsentations- und Gesellschaftswohnungen sind. Und 
dies hei hoch und niedrig. Dort sind es die Empfangs- 
uud Bepräsentationsräume, hier ist es das sogenannte gute 
Zimmer. Die Wirtschaftsräume sind so beschränkt als 
möglich und das Schlafzimmer ist oft genug das kleinste 
der ganzen Wohnung. Das Landhaus, wie wir es uns 
wünschen, zeigt dagegen die behagliche Ausbreitung des 
Heimes nach innen, nach der Bichtung des Familien 
lebens. Küche und Schlafzimmer sind die größten Bäume, 
nächstdem das Familienwohnzimmer, und die Wirtschafts 
räume sind reichlich und ausgedehnt. Die Zimmer selbst 
gravitieren nach der Lichtseite zu, die Fenster als die 
Augen zeigen die Gesichtsseite des Zimmers, während 
die Bückseite der Platz, wo der Ofen steht, bildet. Den 
Mittelpunkt bildet weniger der Kronleuchter als der 
Tisch, um den sich, namentlich am Abend und zu den 
Landhaus in Markneukirchen i. 8., Preis 90000 M., d. i. 23 M. pro cbm. Architekt Pro 
fessor P. Schultze-Naumburg. Aus Haenel-Tscharmann „Das Einzelwohnhaus der Neuzeit“
        

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