Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITUNG 
Nr. 14 
eine Wohnung vorzieht, die einen Balkon aufweist, selbst 
wenn den Räumlichkeiten auch sonst Mängel anhaften 
sollten. 
Und was bedeutet der Balkon nicht alles für den 
Städter? Einen Luftkurort, eine Sommerfrische, nicht 
allein für den Menschen, sondern für alles, was da lebt 
im Hause, wie Katzen, Hunde, Singvögel, Papageien, 
kranke lichtbedürftige Zimmerpflanzen u. s. w. Der Balkon 
ist das einzige grüne Fleckchen, das er sein eigen nennt; 
er ersetzt ihm die Veranda und den Garten. Wie innig 
der Balkon zum häulichen Leben steht, erzählt in einer 
anmutigen Zeitungsplauderei so schön die bekannte Schrift 
stellerin Anna Plothow. 
„Abwechselnd dient der Balkon als Kiuderzimmer, 
Speisekammer, Gartenwirtschaft, Studierstubeum 1 Sommer 
frische, er begreift oft alles in sich, was der Großstädter 
vom Umgänge mit der Natur in sein tägliches Leben 
einbeziehen kann. Hier ist er Gärtner, Vogelzüchter 
und Himmelsbetrachter zugleich, hier genießt er außer 
Zeitungslesen, Zigarre und Kaffee auch noch seihen be 
scheidenen Anteil au Prühlingsluft und Sommersonnen 
schein.“ 
Ja der Balkon, er ist wirklich ein kleines Stückchen 
Glück. Wie manche traute Stunde verborgen hinter dem 
dichten Laubwerke der Schlinggewächse und blühenden 
Blumen bringt der Großstädter beim Scheine der Lampe 
plaudernd hier zu! Wie manches Familienfest hat als 
Schauplatz den Balkon! Hier mundet der Morgenkaffee 
und das Abendbrot nr einmal so gut. Die Sitte, Fenster 
und Baikone mit P men zu schmücken, ist uralt. Seit 
einigen Jahren sir aber in richtiger Erkenntnis der großen 
Bedeutung in e ; ,,en größeren Städten Bestrebungen im 
Gange, den T henschmuck der Häuser zu fördern und 
zu verallge r l '.ern. Man hat eben erkannt, daß die 
Blumenpfl dazu beiträgt, uns wieder zur Natur und zu 
ihren r* Freuden zurückzuführen, und deshalb sind 
diese . Drehungen wärmstens zu begrüßen. Staatliche 
und sL cische Behörden, hohe Persönlichkeiten, zahl 
reiche Vereine, Männer aus allen Volksschichten und 
jeden Standes haben ihre Unterstützung dazu geliehen, 
und der Erfolg war überall ein durchschlagender. Meist im 
Anschluß an Verkehrs-, Gartenbau- und Verschönerungs 
vereine wurde ein Ausschuß gebildet, der die Angelegen 
heit in die Hand nahm. So werden jetzt in vielen der 
größten Städte alljährlich Wettbewerbe veranstaltet fin 
den schönsten Blumenschmuck an Häusern und für Vor 
gärten. Jeder Bewerber erhält umsonst eine gedruckte 
Anleitung über Blumenpflege verabreicht, worin er auch 
alles das findet, was sonst mit der Ausschmückung der 
Fenster und Baikone im Zusammenhang steht. 
Die Belohnungen bestehen aus Geldpreisen, Pflanzen, 
Diplomen, Sparkassenbüchern, Gartenbüchern, künstlerisch 
ausgeführten Plaketten, Kunstgegenständen u. s. w., die 
meist durch Stiftungen aufgebracht werden. Außerdem 
findet eine öffentliche Besprechung der auszeichnungs 
würdigen Bewerber in den Tageszeitungen statt. Gerade 
der letztere Punkt, die Besprechung 
der schönsten Baikone und Fenster 
unter Nennung des Namens in der 
Zeitung, ist ein gutes Mittel, den 
Ehrgeiz der Leute zu wecken. Es 
ist ein Aufruf an die Eitelkeit, der 
fast nie seine Wirkung verfehlt. 
Sehnen sich doch ach gar so viele 
Menschen danach, einmal in der 
Zeitung ihren Namen zu finden. 
Warum auch nicht? Die Sache 
macht Vergnügen und kostet zudem 
nicht viel. Den moralischen Einfluß, 
den hohen ethischen und ästhetischen 
Wert des Blumenschmuckes au 
Häusern, ganz besonders an Volks 
schulen, öffentlichen Gebäuden, in 
den Hauptverkehrsstraßen und in 
den ärmeren Stadtteilen wird jeder 
einsichtige Mensch nicht ableugnen 
können. In den meisten Städten 
liegt der Häuserblumenschmuck noch 
arg danieder.*) Wohl findet man 
auch hier hin und wieder hlumen- 
geschmückte Fenster und Balkone, 
doch die weitaus meisten weisen 
nicht den geringsten Schmuck auf. 
Die Erklärung hierfür ist in man 
cherlei Umständen zu suchen. Viele 
der Bessergestellten sind während 
der Sommermonate auf Reisen und 
sehen deshalb von einer Bepflanzung 
ab. Andre wiederum schrecken vor 
den hohen Kosten besonders in der 
Anschaffung der Kästen zurück. 
Durch gewissenlose und falsche Be 
handlung ohne Rücksichtnahme auf 
die örtlichen Verhältnisse von seiten 
mancher Gärtner gehen viele Pflanzen 
zugrunde, wodurch durch Besitzern 
der Balkone die Lust zur Blumen- 
*) In Berlin sind Blumenbretter vor 
den Fenstern polizeilich verboten. D. H.
	        

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