Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

BAUZEITUNG 
Nr. 2 
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Restaurierung' der Ham 
burger Micliaelskirclie 
Kirche in Groß-Eislingen, Emporengrundriß Architekten Prof. Böklen und Feil, Stuttgart 
Ostseite empor, weithin sichtbar mit seiner grün gedeckten 
Haube. 
Von den Baikonen, welche von der Glockenstube aus 
zugänglich sind, genießt man eine prächtige Rundschau 
über das liebliche Filstal und auf die nahen Albberge. 
Als Bauführer waren tätig: Grieshaher und Werk 
meister Gehrung für den Rohbau; für den inneren Aus 
hau und die Fertigstellung Werkmeister Steck. 
Die Gesamtkosten der Kirche insgesamt betragen 
110 000 M. Hiervon gehen folgende Summen, die nicht 
zu den eigentlichen Baukosten gehören, ab: Umgebung 
und Kanalisation 3000 M., Paramente u. s. w. 1090 M., 
Wandgemälde 6000 M., sonstige Nebenkosten 910 M. Es 
verbleiben somit als reine Baukosten inkl. Architekten 
honorar und örtliche Bauführung 99 000 M., d. i. hei 
750 Sitzplätzen für den Sitzplatz 132 M. Der Kubikmeter 
umbauten Raumes voll gemessen kostet hiernach 14,50 M. 
Dieser Preis ist als ein sehr niederer zu bezeichnen, 
es dürfte daher diese Kirche der im Verhältnis billigste 
derartige Bau sein, der in Württemberg ausgeführt 
wurde. 
In Hamburger Künstlerkreisen 
ist die Sorge aufgetaucht, daß mit 
der stilvollen Restaurierung der 
abgebrannten Michaelskirche Ernst 
gemacht werden könnte. Das wäre, 
meint Cornelius Gurlitt in der 
„Frkf. Ztg.“, eine große Torheit. 
St. Michael sei eine der neueren 
Pfarrkirchen der alten Elbestadt; 
sie entstand kurz nach Beendigung 
des Dreißigjährigen Krieges, und 
zwar als eine Hallenkirche, das 
heißt als eine Anlage von drei 
Schiffen mit etwa gleicher Gewölb- 
höhe. Die Formen des Grundrisses 
und das System des Aufbaues 
schlossen sich den älteren Ham 
burger Kirchen an, die alle weite, 
für großen Yoiksmassen bestimmte 
hallenartige Schiffe besaßen, bei 
denen aber der Chor, als der Sitz des Klerus, selten 
eine entsprechend großartige Raumgestaltung fand; Es 
waren Leutkirchen, wie man in Süddeutschland sagte, 
Kirchen für volksreiche Pfarreien, für den Gottesdienst 
einer selbstbewußten Bürgerschaft. Aber der Baumeister 
des 17. Jahrhunderts dachte nicht daran, die älteren 
Bauten nachzuahmen, „stilvoll“ zu bauen. Er schuf so, 
wie zu jener Zeit der architektonische Schnabel ge 
wachsen war, so modern als er konnte, nach dem Ver 
bilde der Nation, die damals im Norden die Kunst führte, 
der Holländer. Kein Hamburger, der die Kirche seiner 
Vaterstadt kannte, war beim Eintritt in den Neubau im 
Zweifel darüber, daß sich hier der Kunstgeist der eignen 
Zeit äußere. 
Etwa 100 Jahre später zerstörte ein Blitzschlag und 
Brand den Bau, und wiederum baute man die Kirche in 
jenen Formen, die damals die allerneusten waren, und 
nach jenen Grundsätzen für protestantischen Kirchenbau, 
die sich damals eben durchgerungen haben. Das war sehr 
weise und sehr löblich von Hamburg. 
Und nun nach weiteren 150 Jahren ist die Kirche 
abermals abgebrannt. Wieder 
hat die stilistische Zeitform 
sich geändert. Noch gibt es 
viele, die meinen, das Heil der 
Zeit, die eignen Kunstausdruck 
nicht habe, liege im Nachahmen 
andrer, vergangener Zeitkunst. 
Viele aber setzen mit Kraft 
ein, zu selbständiger Gestaltung 
zu kommen. Hamburg steht 
vor der Wahl; Will es einen 
Kopisten oder einen Voll 
menschen an die Spitze ihres 
Baues stellen? 
Die Wahl ist nicht schwer! 
Man erhalte vom alten Bau, 
was sich erhalten läßt, ohne 
die freie Entfaltung des Neuen 
zu stören. Denn seinem innersten 
Leben nach ist der alte Bau 
tot; und Totes wird nie wieder 
lebendig. Man lasse aber dem 
schaffend en Meister dieVor- 
hand, nicht dem nachahmenden, 
und freue sich der frischen 
Tat. Wir aber, die Nicht- 
Hamburger, wir sehen mit 
-J- 
Kirche in Groß-Eislingen, Erdgeschoß Architekten Prof. Böklen und Feil, Stuttgart
	        

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