Volltext: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

29. Juni 1907 
BAUZEITUNG 
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Abb. 1. Schleppschiff, mit Rollenstromabnehmer 
Bei der von Siemens am Finowkanal verwendeten 
Einschienenbahn (Abb. 7) rollt von der vierrädrigen 
Maschine das dem Wasser zugekebrte Vorder- und Hinter 
rad mit breitem Spurkranz unvermittelt auf dem Lein 
pfad, während das andre Vorder- und Hinterrad auf 
einer Schiene läuft, die an der vom Wasser abgewandten 
Kante des Leinpfads verlegt ist. 
Vering in Hamburg hat auf einem Kanal der Elb 
insel Wilhelmsburg einen befriedigenden Versuch unter 
Benutzung von zwei Schienen (Abb.8 und 9) gemacht, 
die derart zueinander gelagert waren, daß die Mittel 
linie ihrer Querschnitte eine dachförmige Figur bildeten 
und die Badachsen schräg aufwärts zu stehen kamen. 
(Schluß folgt) 
Der württ. Landtag* und die technischen 
Lehranstalten 
— x. M. Der 19. Juni 1907 darf für die technischen 
Lehranstalten Württembergs als denkwürdiger Tag be 
zeichnet werden. Bei den Beratungen des Kultetats 
wurden vom grünen Tisch aus die Leitlinien unsrer Würt 
temberg! sehen Baukunst für die Zukunft bestimmt. 
Der Technischen Hochschule soll eine Abteilung 
für Handelswissenschaft beigefügt werden, und die hu 
manistischen Gymnasien sollen bezüglich Aufnahme und 
Studium an der Technischen Hochschule gleiche Rechte 
genießen wie die Realgymnasien und Oberrealschulen. 
Zu Kap. 71, Baugewerkeschule, entnehmen wir 
den wörtlichen Bericht dem Staatsanzeiger: 
„Berichterstatter v. Gauß: In künstlerischen Kreisen herrscht 
über den Wert der Baugewerkescbule bekanntlich Meinungsverschie 
denheit. Unbestritten ist aber die Notwendigkeit und der Wert 
der Schule zu der Ausbildung in technischen Fächern. Sie ist der 
Aufgabe, die Fortschritte der Technik der Praxis zu übermitteln, 
sehr gut gewachsen und in ihrer Bedeutung allseitig anerkannt. 
Daß allerdings schon viel Schaden dadurch ungerichtet wurde, daß 
frühere Baugewerkeschüler sich kraft ihrer Vorbildung als Künstler 
ausgegeben und eine wenig ersprießliche Tätigkeit entfaltet haben, 
ist nicht zu bestreiten. Diese Art von ,Popularisierung“ der Kunst 
hat keine günstigen Wirkungen gehabt. Der neue Leiter der Schule 
hat diese ungünstigen Begleiterscheinungen nicht verkannt und ist 
bemüht, Abhilfe zu schaffen. In der Kommission wurde davon ge 
sprochen, für den Eintritt in die Baugewerkeschule das Einjährigen 
zeugnis zu verlangen. Es kam aber von verschiedenen Seiten zum 
Ausdruck, daß die damit angestrebte Exklusivität keineswegs er 
wünscht sei. 
Löebner: Mit der Statuierung des Einjährigenzeugnisses für 
den Eintritt in die Baugewerkesohule würde der Zuzug aus der 
• Volksschule unterbunden, wss im höchsten Grad unerwünscht wäre. 
Ich wäre dem Herrn Minister für eine Erklärung zu dieser Frage 
dankbar. 
Staatsminister des Kirchen- und Schulwesens v. Fleischhauer: 
Auf die allgemeinen, die Baugewerkeschule betreffenden Anfragen, 
die von dem Herrn Berichterstatter angeschnitten worden sind, will 
ich mich bei der vorgerückten Zeit nicht ein 
lassen. Ich lasse dahingestellt, inwieweit die 
Mißstände, die er in bezug auf das Bauwesen 
im Lande beklagt hat, auf die Schuld der Bau 
gewerkesohule zurüokzuführen sind. Der Herr 
Berichterstatter hat ja selbst anerkannt, daß 
der neue Vorstand der Baugewerkeschule in 
wesentlichen Beziehungen Reformen einzuführen 
beabsichtigt. Ich habe das Wort ergriffen, um 
auf die Anfrage des Herrn Abg. Löchner zu ant 
worten. Ich halte es gleichfalls für kein Glück, 
daß ein Beruf nach dem andern sich gegen den 
Zuzug von unten wie durch eine chinesische 
Mauer in der Form der Berechtigung zum Ein 
jährig-Frei willigen-Dienst abzuschließen sucht. 
(Allgemeines Sehr richtig! und Sehr wahr!) Es 
ist ja vom Standpunkte der Standesinteressen 
aus begreiflich, daß man auch derartige Mittel 
anzuwenden sucht, um, wie es heißt, den Stand 
als Ganzes zu heben. Das allgemeine Interesse 
aber geht dahin, daß man die Forderungen in 
dieser Beziehung nicht zu weit anspannt, und 
ich bin durchaus damit einverstanden, daß auf 
dem Wege, der bei einigen Berufsständen be 
schritten worden ist, nicht fortgefahren werden 
darf, und daß insbesondere kein Grund vorliegt, 
den Zugang zu der Baugewerkeschule von der 
Erstehung des Einjährigen-Examens abhängig 
zu machen. (Sehr richtig! und Beifall.)“ 
Die Zensur des Abgeordneten v. Gauß 
über den künstlerischen Wirkungskreis 
der Baugewerkeschule hat in besonderen 
Fällen ihre Berechtigung, ebenso wie 
eine Kritik der Hochschularchitekten in
	        

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