Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

206 
BAUZEITUNG 
Nr. 26 
besonderen Fällen berechtigt ist; wir erinnern nur an so 
manche Staatsgebäude, an die „Postarchitektur“ des 
20. Jahrhunderts, an den Pabrikstil gewisser Schulgebäude 
und Laboratorien u. s. w. Daß der zum Künstler geborene 
Abb. 5. Seillokomotive System Lamb 
Mensch an der Baugewerkeschule ebenso sich entfalten 
kann wie an der Hochschule, und daß der talentlose 
Mensch (mit Prof. Neckelmann selig zu reden: sich eher 
zum Holzspälter als zum Architekten eignet) hier wie 
dort niemals Künstler wird, ist eine Tatsache, die an 
dieser Stelle nicht bewiesen zu werden braucht und welche 
mit dem Urteil der maßgebendsten württembergischen 
und deutschen Architekten übereinstimmt. Wenn die 
künstlerische Erziehung an der Baugewerkeschule bis vor 
kurzem sehr kritikbedürftig war und noch jetzt in be 
stimmten Fällen zu wünschen übrigläßt, so war dies 
nicht die Schuld der Schüler der Baugewerkeschule, 
sondern der Legierung. Weshalb ist denn eine Kritik 
nicht schon vor fünf Jahren gekommen? Damals, als die 
Baugewerkeschüler nach Hilfe lechzten und vergebens 
Schutz gegen die gewalttätige Impfung mit klassischer 
Kunst suchten^ als Vorstellungen in der Bedaktion des 
„Beobachter“ und bei Abgeordneten nutzlos waren und 
der Techniker immer nur der Unzufriedenheit geziehen 
wurde. 
Damals wäre es Pflicht der Legierung — und viel 
leicht auch der Ab 
geordneten — gewesen, 
hier einzugreifen. Da 
der Abgeordnete v. Gauß 
aus eigner Erfahrung 
weiß, daß im Staats-, 
Korporations-, Ge 
meinde- und Privat 
leben noch viele und 
leider auch maßgebende 
Menschen zu finden 
sind, die sich krampf 
haft gegen das Moderne 
in Kunst und Technik 
stemmen, so nehmen wir 
an, daß die Kritik haupt 
sächlich den Zweck hat, 
aufklärend zu wirken 
und so den Weg für 
den neuen Direktor 
etwas zu bahnen. 
Ueber die seitens 
der süddeutschen Bau 
meister angestrebte 
„Vorbildungsfrage“ 
äußerte sich der Ab 
geordnete v, Gauß mit 
„ angestrebte Exklusivi 
tät“, der Abgeordnete 
Schullehrer Löchner mit „der Zuzug in die Baugewerke 
schule werde den Volksschülern unterbunden“. Kult 
minister v. Fleischhauer sprach von einer „chinesischen 
Mauer“. Alle drei Erklärungen bedeuten ein und das 
selbe, nämlich die Erreichung einer Exklusivstellung, 
ähnlich wie die der Vollakademiker. 
Wäre dies aber tatsächlich Zweck und Grund der 
Bestrebungen süddeutscher Baumeister, daun wären die 
selben berechtigterweise zu verwerfen, und nicht umsonst 
fehlte es am Beifall in der Kammer nicht. Da unsers 
Wissens aber ganz andre Gründe diese Bestrebungen 
stützen und hauptsächlich einem Bedürfnis im Studium 
Lechnung getragen werden soll, raten wir den süd 
deutschen Baumeistern, daß dieselben in sachlicher Form 
die Gründe zu ihren Bestrebungen der Kammer mit- 
teilen mögen. 
Wir bedauern, daß die Kammer der Abgeordneten 
diese wichtige Frage beurteilte, ohne die Gründe der Be 
strebungen zu kennen, und hoffen, daß sie eine nochmalige 
Beratung nicht ablehnen wird, zumal unser gesamtes 
Baugewerbe nachgerade schreit nach einem Theorie und 
Praxis verstehenden Baumeisterstand, welchem die vor 
nehme Aufgabe in erster Linie gestellt sein wird, dem 
Submissionswesen und seinen schädlichen, tiefen Folgen 
entgegenzutreten. 
Noch wäre bemerkenswert, daß an dem Tage, als der 
Abgeordnete v. Gauß die prunkvolle, aufdringliche Archi 
tektur verurteilt und den Sinn für das Einfache, Natür 
liche geweckt haben möchte, sich die gemeinschaftliche 
Kommission für den Neubau der Ersten Kammer nach 
den Plänen von Lambert & Stahl entschied; die Ver 
fasser des Königin-Olgabaues sehen eine reiche, barocke 
Architektur vor. 
Y ereinsmitteilungen 
Wiirtt. Baubeamten-Verein. Dem Verein hat seinen 
Beitritt angemeldet; Bauwerkmeister Paul Lothacker 
in Stuttgart, Kriegsbergstraße 31. 
Deutscher Arbeitgeberbuud für das Baugewerbe, 
E. Y. Der Vorstand des Bundes versendet an die Ver 
bände eine Mitteilung zur Klarstellung vieler unrichtiger 
Darstellungen in der Presse betreffs der Aussperrung 
Abb. 6. Elektr. Automobil System Leon Gerard 
Abb. 7. Lokomotive für die Einschienenbahn
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.