Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITÜNG 
Nr. 27 
wieder um einen Hungerlohn arbeiten muß, wenn 
er nicht vorzieht, nach andern Weltteilen auszu 
wandern, wie es in den Jahren nach 1874 der Fall 
war. Dort kann er aber dann mit seiner verhältnis 
mäßig geringen Durchschnittshildung erst recht nichts 
anfangen. Hieran sind seinerzeit viele Kollegen zu 
grunde gegangen. Nachdem, wie oben gesagt, im 
Juni v. J. das Staatsministerium jenen abweisenden Be 
scheid gegeben hatte, mochte man glauben, daß die 
Kammer selbst heuer keine Notiz von unsern Be 
strebungen nehmen würde, aber ihr Berichterstatter des 
Kirchen- und Schulwesens, Abg. v. Gauß, nahm bei dem 
Titel „Baugewerkschule“ Veranlassung, auszuführen, 
es bestehe zurzeit das Bestreben, die Qualifikation zum 
Einjährig-Freiwilligen für den Eintritt in das Bau 
gewerke zu fordern. Die betreffende Kommission der 
Kammer habe dieses Bestreben „exklusiv“ und keineswegs 
als erwünscht bezeichnet. Der Abg. Löchner verlangte, 
daß man die Baugewerkschule den Yolksschülern re 
serviere, da man den intelligenteren Yolksschülern schon 
eine Reihe von Berufsarten verschlossen habe (sic!); er 
forderte dann den neuen Minister des Kirchen- und 
Schulwesens auf, seinen Standpunkt zum Ausdruck zu 
bringen. Hierauf erwiderte der Herr Staatsminister 
v. Fleischhauer: Es dürfe nicht so fortgehen, daß ein 
Beruf nach dem andern den Zuzug von unten durch eine 
chinesische Mauer in der Form der Berechtigung 
zum einjährig-freiwilligen Militärdienste abschließe. Es 
läge insbesondere kein Grund vor, den Zugang zu der 
Baugewerkschule oder die Zulassung zur Bauwerk 
meisterprüfung von der Erstehung des Einjährigen 
examens abhängig zu machen. (Sehr richtig! und Beifall.) 
Man bemerke, daß sich die Abgeordneten v. Gauß 
und Löchner nur dagegen wandten, daß beim Eintritt 
in die Baugewerkschule das fragliche Bildungsniveau 
verlangt werde, während der Staatsminister des Kirchen- 
und Schulwesens auch die Zulassung zur Bauwerk 
meisterprüfung hiervon nicht abhängig gemacht haben 
will. Nun ist aber nur um letzteres von den Technikern 
nachgesucht worden, während der Besuch der Baugewerk 
schule unbeschränkt bleiben sollte. Zur Aufklärung 
dieses Umstands, der die Sache selbst vollständig ändert, 
ergriff kein Abgeordneter das Wort; wir vermögen daher 
der Stellungnahme der Kammer, welche bei ihrem Bei 
fall von ganz unrichtigen Voraussetzungen ausging, auch 
keinen erheblichen Wert beizumessen. Da in beiden 
Kammern nur ein Abgeordneter sich befindet, welcher 
dem Bautechnikerstand angehört, d. h. welcher die der 
zeitigen tatsächlichen Verhältnisse unsers Standes genauer 
kennt, so ist diese Stellungnahme ja auch nicht beson 
ders zu verwundern. Während in dieser wichtigsten In 
stitution des Landes alle andern Stände' entsprechend 
vertreten sind, kann unser Stand seine vitalsten Inter 
essen dort nicht selbst zur Geltung bringen; wir sind 
leider darauf beschränkt, unser Schicksal von der Gnade 
der andern Stände und der Einsicht der Regierung zu 
empfangen. Nun, bei diesen andern Ständen, denen die 
Regierung die chinesische Mauer, zu welcher jetzt die 
Bausteine ausgegangen zu sein scheinen, zugebilligt hat, 
ist auf Gegenliebe nicht zu hoffen, weil sie von der An 
sicht ausgehen, „wenn man uns das Gleiche bewillige 
wie ihnen, so kommen sie zu Schaden“; unsre Absicht 
sei nur durch das Standesinteresse diktiert, dieses Motiv 
aber sei verwerflich. Von einer weisen und gerechten 
Regierung aber dürfen wir wohl erwarten, daß sie auf 
die Dauer unsern sachlich begründeten Bestrebungen, 
welche nichts weniger als die Bezeichnung „exklusiv“ 
verdienen, nicht entgegenstehen wird. Sind doch 3 / 5 der 
geprüften im Lande selbst Arbeit findenden Bauwerk 
meister in amtlichen Stellungen, und hat die Regierung 
gewiß alle Ursache, die Stellungnahme derjenigen Stände 
der Kammer, welchen nicht zuletzt zu ihrem Schutze ein 
höheres Bildungsniveau gesetzlich zugestanden wurde, 
aus naheliegenden Gründen zum mindesten mit großer 
Reserve zu beurteilen. Im übrigen dürfen wir auf unsre 
Erklärungen zu den früheren diesbezüglichen Erlassen 
der Regierung, welche in der Nr. 15 dieser Bauzeitung 
am 14. April 1906 S. 118—120 zusammengestellt zum 
Abdruck gelangt sind, verweisen und bitten, dieselben 
dort nachzuprüfen. 
Der Ruf: Gleiches Recht und gleiche Vor 
bildung für alle mittleren Beamten! wird nicht 
mehr von der Bildfläche verschwinden. Wir verlangen 
nur, was die andern schon besitzen. 
Bona causa triumphat! 
Akad. Architekten-Verein „Motiv“, Stuttgart. 
Am 8. d.Mts. findet ein Altherrenabend statt. Näheres 
in der Einladung im Anzeigenteil dieser Nummer. 
Wettbewerbe 
Krematorium Dessau. Für die Errichtung eines 
Krematoriums war unter vier deutschen Architektenfirmen 
ein engerer Wettbewerb ausgeschrieben, aus dem Prof. 
W. Schölt er-Stuttgart mit seinem Entwurf als Sieger 
hervorging. 
Kleine Mitteilungen 
Wtirtt. Kunst verein Stuttgart. Neu ausgestellt; 
Eine Kollektion von 20 Gemälden von Peter Bayer; 
6 Landschaften von Felix Hollenberg; 19 Rahmen 
Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Hans Zarth; Hintersee 
von Jos. Zeller; 6 Zeichnungen von Ernst Schiatter u.s.w. 
Personalien 
Württemberg. Befördert: Der Maschineningenieur Dauner 
bei der Werkstätteinspektion Eßlingen zum Eisenbahnbauinspektor 
des inneren masohinentechnischen Dienstes bei der Generaldirektion 
der Staatseisenbahnen. Uebertragen: die Stelle eines Gewerbe 
inspektors dem Gewerbeassessor Bischer in Stuttgart. 
Bücher 
Eisenkonstruktionen im Hochban von Karl Schindler, Ingenieur 
in Meißen. Preis in Leinwand gebunden 80 Pf. G. J. Göschensche 
Yerlagshandlung in Leipzig. Das Anwendungsgebiet von Eisen 
konstruktionen im Hochbau ist dermaßen ausgedehnt, daß es ganz 
unmöglich sein würde, in einem kleinen Werkchen auf alle Einzel 
heiten auch nur oberflächlich einzugehen. Es sollen lediglich die 
jenigen Grundbegriffe, welche sowohl dem Eisenkonstrukteur wie 
auch dem Bautechniker tagtäglich in seinem Berufe entgegentreten, 
so weit behandelt werden, als dies bei dem verfügbaren Raume an 
gängig war. Ganz besonders waren daher „Säulen und Träger“ zu 
berücksichtigen und im Anschluß hieran Dachkonstruktionen, Treppen 
und Oberlichte. Die Behandlung des Stoffes erfolgt dabei in leicht- 
verständlicher Weise unter Ausschluß der höheren Mathematik, um 
auch dem weniger erfahrenen Techniker wie auch dem gebildeten 
Laien zuverlässige Belehrung zu bieten, wozu die der Praxis ent 
nommenen Rechnungsbeispiele sowie die Tabellen gute Dienste 
leisten werden. 
Dorf- und Kleinstadtbauten. Entwürfe von Oskar Fischer, 
Architekt. Verlag von Charles Colemann, Lübeck. Der Verfasser 
hat in den vorliegenden Tafeln versucht, dem Landbaumeister einige 
Dorf- und Kleinstadtbauten zu liefern, die im Sinne der jetzigen 
Bestrebungen zur Erhaltung des malerischen Bildes der deutschen 
Ortschaften entworfen sind. Er führt uns ein einfaches Wohnhaus, 
eine Dorfsohmiede, eine Dorfkirohe mit Rathaus, Försterei u. s. w. 
in Ansichten und Grundrissen vor. Die Arbeiten wollen in dem 
Bestreben mitwirken, unserm Vaterlande nicht nur seine malerischen 
Kleinstädte zu erhalten, sondern auch wiederzugehen. 
Verantwortliche Schriftleitung; Chefredakteur und Herausgeber Adolf Fausel, 
Architekt W. Klatte, beide in Stuttgart Adresse für alle Sendungen; Bauzeitung- 
Stuttgart, Biichsenstr. 26B. Druck: Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart
	        

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