Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

3. August 1907 
BAUZBITÜNG 
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Werbung der linksseitigen Gärten außerhalb der Anlagen 
und des Nädelinschen Hauses in der Neckarstraße, das 
niedergerissen werden müßte. Und um den weiteren 
Verkehr in die östlichen Stadtteile zu erleichtern, müßten 
auch in der Landhausstraße erhebliche Aenderungen und 
Häuserankäufe vorgenommen werden — alles zusammen 
Ausgaben, die für die Stadt Stuttgart nahezu eine Million 
erfordern würden. Und dabei wäre erst nicht gründlich 
geholfen. Denn von' der Retraitestraße bis zur Kunst 
schule wäre nicht eine einzige Querverbindung mit dem 
neuen Bahnhof hergestellt. Das wffrde solch unleidliche 
Mißstände zeitigen, daß in absehbarer Zeit doch eine 
weitere Querverbindung dringend gefordert würde. Man 
hätte dann die breite, ja in diesem Balle allzu breite 
Fortsetzung der Schillerstraße senkrecht zur Neckarstraße 
und eine weitere schräge Durchquerung, vielleicht zum 
Neckartor, An der ersteren Straße aber würde das 
Doppeltheater einen großen Teil des Schloßparks ein- 
nehraen. 16 000 qm Grundfläche der gerade hier mit den 
prächtigsten Hochstämmen bewachsenen Anlagen würden 
geopfert, nachdem für die Eisenbahn bereits auf der 
ganzen Länge vom Philosophenweg bis zum Rosenstein ein 
ganz erheblicher Streifen hatte hingegeben werden müssen. 
Mit der Schönheit und dem Bestände der oberen 
Anlagen wäre es dann überhaupt vorüber. Das Große, 
Monumentale, was den vornehmen Eindruck macht, ist die 
ausgedehnte Geradeführung der Hauptallee, welche auf 
einen bestimmten Fürstenwillen deutet, und diese uns zu 
erhalten haben wir alle Veranlassung, insofern Stuttgart 
im Vergleich zu andern Städten viel zu wenig unüber- 
baute, gärtnerisch angelegte freie Plätze zeigt. 
Diese Umstände drängen zu einer andern Lösung. 
Die beigefügte Skizze deutet sie an. Sie will, ohne im 
übrigen den Anspruch auf endgültige Form zu erheben, 
den Nachweis führen (soweit es der kleine Maßstab zu 
läßt), daß es möglich ist, an dieser Stelle ein Theater zu 
erbauen, das den weitestgehenden Anforderungen in prak 
tischer und ästhetischer Richtung vollkommen genügen 
dürfte. Die Verkehrsfrage rings um das Theater gestaltet 
sich tadellos, und gerade die Eckstellung beider Theater 
zueinander müßte eine höchst wirksame malerische Bau 
gruppe abgeben. Das gewünschte Doppeltheater wird so 
erstellt, daß das kleinere Schauspielhaus auf den Platz 
des alten Hoftheaters zu stehen kommt, wodurch die 
unschöne Lücke im Gesamtbild des Schloßplatzes würdig 
ausgefüllt und zugleich den Bedenken wegen des Platz 
mangels bei der Erstellung eines großen Theaters Rech 
nung getragen würde. Dieses, das Opernhaus, aber kommt 
in den obersten, ohnehin unschönsten Teil der Anlagen 
neben der Schloßgartenstraße bis zur unteren Königstraße 
zu stehen. Für dasselbe wäre dann ein Teil des Marstalls 
zu opfern, der ohnehin bei der künftigen Entwicklung 
dieser Straße fallen wird. Der Haupteingang in das 
Opernhaus ist von der erbreiterten unteren Königstraße 
aus gedacht; Opernhaus und Schauspielhaus sind durch 
Arkaden verbunden, die die Durchführung der künftig 
nur einem geringen, weil durchaus lokalisierten Verkehr 
dienenden Schloßgartenstraße gestatten. Die architek 
tonisch wirksame Gestaltung dieses Stadtteils würde bei 
dieser Anordnung einleuchten. Der Schloßplatz hat den 
ihm fehlenden würdigen Abschlußbau; die Schloßgarten 
straße wäre vornehm begrenzt: auf der einen Seite das 
Residenzschloß, drauf das Schauspielhaus und gegen die 
Königstraße die malerischen Arkaden mit dem anstoßenden 
Opernhaus. 
Aus dem verbleibenden Teil des Marstallareals würde 
die Krongutverwaltung bei der Nähe des Theaters und 
des Bahnhofs erhöhte Preise erzielen; eventuell könnte, 
da die Querverbindung von der Schillerstraße zur Neckar 
straße in diesem Palle nicht breit sein müßte, auch unter 
halb des Marstalls (d. h. beim Königstor) noch weiterer 
Bauplatz zu hohen Preisen hergegeben werden, und zwar 
ohne wesentliche Schädigung der Anlagen. Die Kron 
gutverwaltung würde auch bei Abtretung des notwendigen 
Teils des oberen Marstalls also mindestens denselben Erlös 
erzielen können wie beim Verkauf des gesamten Marstalls 
im Falle der Verlegung des Opernhauses an die Eber 
hardsgruppe. 
Noch darf darauf hingewiesen werden, daß durch 
Abschließung des Bahnhofvorplatzes gegen die Anlagen 
Ersatz geschaffen wird und daß es leicht möglich ist, 
noch weiter das Dreieck (bei Punkt B der Skizze) als 
Platz für das neuzuerbauende Museum abzugeben resp. zur 
Verfügung zu stellen.
	        

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