Volltext: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITUNG 
Nr. 32 
Gebäudeansichten der projektierten Privatstraße 
Projekt zur Aufteilung des Geländes der ehemaligen Legionskaserne in Stuttgart. Ansicht der Front von der König-Tübingerstraße 
Architekt Prof. Theod. Fischer, Stuttgart 
jenseits der Diagonalstraße. In ihren freundlichen, be 
häbigen Formen reden sie eine Sprache, die leider lange 
Jahre in Vergessenheit geraten war. Ein hübsches Bild läßt 
die Anlage der Diagonalstraße erwarten. Dieselbe ist schräg 
durch das Areal geführt und zeigt eine Erweiterung, die für 
Aufstellung eines Brunnens oder dergleichen einen Platz 
bietet. Auch für das große Etablissement wird diese 
kleine Erweiterung von Vorteil sein. Die Aufteilung des 
Areals wurde so vorgenommen, daß Objekte der ver 
schiedensten Größe entstehen, was bei der Nutzbarmachung 
von besonderer Wichtigkeit ist. 
Architektonische Aufgaben der Städte 
Von Fritz Schumacher 1 ) 
Die Häufung wirtschaftlicher Macht an bestimmten 
Punkten der gesellschaftlichen Organisation hat stets einen 
entscheidenden Ausdruck in der Entwicklung der Kunst 
gefunden. Betrachten wir den Stilcharakter, der sich 
vom Mittelalter zur Renaissance, von der Renaissance 
allmählich in die verschiedenen Phasen des Barock ent 
wickelt, so können wir an der künstlerischen Art dieser 
Entwicklung zugleich ablesen, wie sich das Machtzentrum 
in der Kultur der Jahrhunderte verschiebt von der Kirche 
zum Bürgertum, — wie dann aus den Patriziern Fürsten 
werden und schließlich der Fürstenhof als bestimmender 
Mittelpunkt der Kultur dasteht. Die Begriffe „Gotik“, 
„Renaissance“, „Barock“ sind Parallelbegriffe zu „Kirchen 
kunst“, „Bürgerkunst“, „Hofkunst“. 
Vom Anfang des 19. Jahrhunderts an hat in Deutsch 
i) Aus Fritz Schumacher: „Streifzüge eines Architekten“. Ge 
sammelte Aufsätze. Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena, 1907. 
Mit Bewilligung des Verfassers und Verlags veröffentlicht. 
land dieses Verhältnis zwischen sozialer Machtentwicklung 
und Kunstentwicklung seine Uebersichtlichkeit verloren. 
Das ist sehr bezeichnend. Die soziale und wirtschaft 
liche Entwicklung der Zeit ist ungleich verwickelter ge 
worden ; vergebens würde man versuchen, wie in früheren 
Jahrhunderten die kulturelle Suprematie schlagwortartig 
mit einem bestimmten Standesbegriff zu verbinden. Alles 
ringt und fließt und erst allmählich kristallisiert sich 
in den letzten Jahrzehnten des Jahrhunderts aus den 
schwankenden Erscheinungen immer deutlicher das Bild 
der modernen Kulturorganisation heraus; die Begriffe, 
die in früheren Epochen mit „Bürgertum“ und „Hof“ 
bezeichnet werden konnten, gestalten sich um und finden 
ihren neuen Ausdruck in dem, was man nennt; Stadt 
verwaltung und Staatsverwaltung. 
Als ein charakteristisches Kulturergebnis tritt uns in 
Deutschland am Schlüsse des 19. Jahrhunderts neben der 
Staatenorganisation das immer schärfere Heraushilden 
der Stadtorganisation entgegen. Wir haben hier wieder 
ein großes kulturelles Machtzentrura gewonnen. Sollte 
das nicht wie in früherer Zeit für die Kunstentwicklung 
bedeutungsvoll werden? — Vielleicht ist es kein Zufall, 
daß sich in der Zeit des U eberganges zu dieser Macht 
entwicklung kein charakteristisches Stilbild zu ent 
wickeln vermochte. Wir sahen Einzelkünstler genug 
kämpfen und arbeiten; viele hatten Erfolg, — aber das 
Gesamtbild der ästhetischen Kultur, das unsre Städte 
spiegeln, wurde trotzdem immer charakterloser. Es gab 
eben keine Macht, welche die Absichten jener Künstler 
zu breiter Gesamtwirkung brachte; die Strömchen ver- 
rieselten, da kein Reservoir sie aufnahm und nun in 
zweckmäßiger Verteilung ausnutzte und aufs Land ver 
teilte. 
Erst seit die wirtschaftliche Macht der Stadtver-
	        

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