Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

Gebäudeansichten der projektierten Privatstraße 
10. August 1907 
BAUZEITUNG 
251 
• VON • DEr^ . KÖNiS*a«5 » 
Projekt zur Aufteilung des Geländes der ehemaligen Legionskaserne in Stuttgart 
Architekt Prof. Theod. Fischer, Stuttgart 
waltung von den siebziger 
Jahren an sich immer mehr 
zusammenschließt, können 
wir wieder beobachten, daß 
einzelne Persönlichkeiten 
entscheidend in das künstle 
rische Gesamtbild der Stadt 
eingreifen. — Vielleicht 
dürfen wir hoffen, wie in 
andern großen Kulturepochen 
zu erleben, daß die neue 
wirtschaftliche Machtkon 
zentration diese heilsame, 
planmäßige Ausnutzung der 
künstlerischen Zeittendenzen 
vollzieht und so einen ent 
scheidenden Einfluß auf die 
Hebung unsrer ästhetischen 
Kultur ausübt. 
Es ist kein Zweifel, daß 
die Stadtverwaltungen die 
Macht eines solchen ent 
scheidenden Einflusses auf 
die künstlerische, besonders 
die baukünstlerische Pro 
duktion besitzen. 
In welcher Form äußert sich diese Macht und welche 
Aufgaben und Pflichten erwachsen aus ihr? Das sind 
Fragen, die sich aufdrängen, wenn man bei einer Ver 
anstaltung, wie sie die Deutsche Städteausstellung 1904 
in Dresden bot, einmal auf einem Punkt beisammen sah, 
welche zahllosen Gebiete des Lebens der Einfluß der 
modernen Stadt umspannt. 
Wie gesagt, zeigt uns die Kulturgeschichte, daß Macht 
entfaltung von jeher bewußt oder unbewußt die Verpflich 
tung zur Kunstentfaltung in sich barg. Kunstpflege ist 
immer die wirkungsvollste Art gewesen, in der sich 
Selbstbewußtsein geäußert hat, und wo immer echte 
Kunst gepflegt wurde — sei es aus kraftvollem Ehr 
geiz, sei es aus unmittelbarem Interesse —, da hat sich 
diese Pflege für den Pfleger als vorteilhaft und dankbar 
erwiesen. 
Nach dieser Seite hin hat sich in den Aufgaben der 
Städte nichts Prinzipielles geändert. Heute, wie vor 
Jahrhunderten, ist es eine natürliche Forderung der 
Selbstachtung einer jeden Stadt, die Kunst, die in ihren 
Mauern lebt, zur eignen Verherrlichung heranzuziehen: 
ihr Rathaus zu bauen mit den besten Künstlern, welche 
die Stadt besitzt, die Wände zu schmücken mit den 
Bildern ihrer ersten Meister, ihre Feste zu verherrlichen 
mit dem Prunkgerät aus deu besten Werkstätten, ihre 
Ehrengeschenke zu gestalten als Zeichen der vornehmsten 
Arbeit, welche ihre spezielle Kultur hervorbringt. Es 
liegt im edelsten Sinne im selbstverständlichen Interesse 
einer jeden Stadt, da, wo sie zu repräsentieren hat, zu 
repräsentieren im Kleide ihrer eignen einheimischen 
Kunstkultur und zu repräsentieren im besten Kleide, das 
sie aufzubringen vermag. Kunst bedeutet Macht. 
Neben diesen repräsentativen Gebieten der Kunst, für 
deren Pflege alte Traditionen aus der historischen Blüte 
zeit der Städte uns einen glänzenden Maßstab geben, gibt 
es aber für die moderne Stadtverwaltung künstlerische 
Aufgaben ganz neuer Art, die sich aus den Verhältnissen 
der Zeit erst entwickelt haben. Die Frage, wie eine 
Stadtmacht repräsentiert, berührt Gesichtspunkte, die sich 
ihrem Wesen nach nicht von denen des Privatmannes 
unterscheiden. Sie beziehen sich auf die Gestaltung der 
Umgebung und Lebensführung des Auftraggebers selbst 
und bestimmen sich schließlich, wie beim Privatmann, 
nach der individuellen Schätzung des Noblesse-oblige- 
Prinzips. Neben dieser internen Verantwortung künst 
lerischen Fragen gegenüber ist aber der Stadt in immer 
wachsendem Maße eine öffentliche Verantwortung künst 
lerischer Art zugefallen, die mit jenen mehr privaten Er 
wägungen nichts zu tun hat. 
Die Macht der Verwaltungen ist in bezug auf die 
Gestaltung eigentlich sämtlicher Eindrücke, die wir in 
uns aufnehmen, sobald wir die vier Wände unsers Hauses 
verlassen, zu absoluter Herrschaft gelangt. Die Stadt 
hat es in der Hand, den ganzen Typus der Umgebung 
festzulegen, in der wir aufwachsen, in der sich unser 
Leben abspielt und der wir nicht entrinnen können. Diese 
fast unumschränkte kulturelle Macht hat sie noch nie in 
der Entwicklung der Menschheit besessen. Sie bürdet 
der Verwaltung jeder Stadt eine ästhetische Verantwortung 
auf, die man nicht hoch genug einschätzen kann und über
	        

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