Volltext: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

252 
BAUZEITUNG 
Nr. 32 
Projekt zur Aufteilung des Geländes der ehemaligen Legionskaserne 
in Stuttgart. Gebäudeansichten in der Marienstraße 
Architekt Professor Theod. Fischer, Stuttgart 
deren Bewältigung erst kommende Geschlechter endgültig 
richten werden. 
Betrachten wir die Gebiete, aus denen diese Verant 
wortung hervorgeht. Sie liegen nach zwei entgegen 
gesetzten Seiten, nach der Seite des Erhaltens und nach 
der Seite des Neuschaffens. 
Fast alle deutschen Städte haben bis zum Anfang des 
19. Jahrhunderts einen bestimmt ausgesprochenen Charakter 
gehabt. Wie in geordneten Jahresringen legten sich die 
Geschmackszonen friedlich in mehr oder minder engen 
Linienführungen umeinander. Die veränderten Verkehrs- 
verhältnisse, die sich für das Zentrum durch die plötz 
liche Geschwindentwicklung der Stadtperipherie ergaben, 
machten es in fast allen großen Städten neuerdings nötig, 
in diesen Bestand natürlichen Wachstums künstliche Keile 
einzutreiben. Der Charakter des historischen Teils 
unsrer Städte ist fast überall in einer Umgestaltung be 
griffen. Die Art dieser Umgestaltung liegt zum größten 
Teil im Machtbereich der Stadtverwaltung. Hier ist 
jeder Eingriff von besonderer Wichtigkeit, denn es handelt 
sich nicht um Verfügungen, die abgeändert werden können, 
wenn sie sich nicht bewähren, sondern um endgültige 
Lehens- oder Todesurteile. Und der Arten sind leider 
viele, wie man den Charakter einer Stadt zu töten ver 
mag. Es kommen dabei nicht nur Bauten in Betracht, 
die wirklich verschwinden, weil sie etwa einem Durch 
bruch Platz machen, ebensooft wird ein Bau getötet durch 
die Art, wie man ihn umgestaltet, und vielleicht noch 
häufiger und unvorhergesehener ist der Massenmord der 
Wirkungen ganzer Baukomplexe dadurch, daß man an 
einem entscheidenden Platz einen fremden Gast inmitten 
der alten Gesellschaft entstehen läßt, der durch Art und 
Gestalt die Stimmung des Ganzen vernichtet. Glücklich 
die Städte, deren Verwaltung diesen Teil ihrer ästhe 
tischen Aufgabe nicht nur von Fall zu Fall, sondern 
planmäßig erwägen, die nicht nur ihre alten Denkmäler 
sorgfältig erhalten und charakteristische Stadtteile, auch 
wenn nicht jedes Stück kulturgeschichtlichen Einzelwert 
hat, so pietätvoll wie möglich verschonen, sondern die 
vielmehr dafür sorgen, daß das unvermeidliche Neue, das 
in alte Umgebung kommt, von feinfühligsten Händen auf 
den Ton des Ganzen abgestimmt wird. Dazu nützen 
nicht nur alte, historisch getreue Formen; es gibt Plätze 
in Deutschland, an deren Neubauten sich jede Form so 
zusagen protokollarisch belegen läßt und die doch un 
rettbar vernichtet sind, weil der Maß stab der Bauten 
den Verhältnissen der Umgebung Hohn spricht. Die 
Gestaltung der Masse muß zum Alten stimmen, die 
Einzelformen brauchen sich dann durchaus nicht in 
historische Fesseln schlagen zu lassen, wenn sie nur 
ebensogut sind wie die alten. Es ist äußerst erfreulich, 
zu sehen, wie neuerdings verschiedene deutsche Städte 
mit kräftigstem Zielbewußtsein diesen Kampf um ihren 
historischen Charakter führen. Bei den verschiedenen Kon 
kurrenzen, wobei es sich um neue Bauentwürfe im alten 
Geist der betreffenden Städte handelte, hat sich gezeigt, 
daß wir eine ganze Keihe von Architekten besitzen, die 
fähig sind, diese Art künstlerischer Anpassungsaufgaben 
zu lösen. Einen ästhetischen Gewinn werden die Städte 
erst aus diesen Konkurrenzen ziehen, wenn die betreffen 
den Architekten nun auch in Wirklichkeit die Aufgaben 
zu lösen bekommen, die sie auf dem Papiere bewältigten. 
Diese Sorge für den historischen Geist einer Stadt 
ist eine völlig neue ästhetische Aufgabe, die sich aus 
den Verhältnissen unsrer Zeit ergeben hat. Sie liegt zum 
größten Teil in der Hand der Stadtverwaltung. Daß es 
eine besonders schwere Aufgabe ist, zeigen wohl am besten 
die vielen Fälle, wo nach dieser Richtung hin bereits 
untilgbares Unheil geschehen ist. 
Erstreckt sich die Verantwortung der Stadt so in 
weitestem Sinne auf das künstlerische Bild der Ver 
gangenheit, so erstreckt sie sich nach der andern Seite 
fast ebenso bedeutungsvoll auf das künstlerische Bild 
der Zukunft. 
Je größer und komplizierter unsre Städte werden, um 
so mehr sind wir gezwungen, die Art ihrer Entwicklung 
planmäßig in bestimmte Geleise zu führen. Diese Not 
wendigkeit hat der Stadtverwaltung zwei Machtmittel in 
die Hand gegeben, die ursprünglich praktische Fragen 
regeln sollen, die aber zugleich indirekt die einschneidendsten 
ästhetischen Folgen haben: die Bestimmungen der Stadt 
erweiterung und die Baupolizeiordnung. 
Was sich früher in allmählichem Wachstum wie aus 
notwendigen inneren Gesetzen heraus entwickelte, die 
Weiterbildung einer Stadt, das müssen wir heute für 
Generationen hinaus auf dem Papier vorausbestimmen. 
Dadurch wird die Stadtverwaltung vor künstlerische 
Probleme gestellt, die eines eignen Studiums bedürfen, 
wenn sie vollgültig gelöst werden sollen, ja, wo es viel 
leicht noch mehr wie anderswo neben der sachkundigen 
Arbeit einer genialen Hand bedarf. 
Und was der Stadterweiterungsplan für ganze Bau 
bezirke bedeutet, das kann die Baupolizeiordnung für die 
Gestaltung des Einzelbaues werden: sie kann ein heil 
sames Regulativ für eine vernünftige und solide Bauent 
wicklung oder eine traurige Zwangsjacke gegenüber einer 
natürlichen und freien Tätigkeit bedeuten, — ganz nach 
der Art, wie sie gehandhabt wird. Aber abgesehen davon; 
wer beispielsweise einen Blick wirft in die Geschichte
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.