Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITUNG 
Nr. 33 
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der sich die repräsentativen Verpflichtungen der Stadt 
am deutlichsten widerspiegeln. Aber die moderne Stadt 
faßt ihre repräsentativen Verpflichtungen viel weiter auf. 
Die Pflegstätten geistiger Kultur, Theater, Museen und 
Bibliotheken waren bis in das 19. Jahrhundert herein 
fast ausschließlich fürstliche Privatunternehmungen, die 
aus edeln, persönlichen Liebhabereien entstanden, all 
mählich erst mehr und mehr Gemeingut wurden. Dadurch 
sind die Residenzstädte in bezug auf diese Kulturpfieg- 
stätten durch natürliche Entwicklung ungemein bevorzugt; 
sie haben fürstliche Bibliotheken, fürstliche Museen und 
Theater. Wir können sehen, daß in fast allen großen 
Gemeinwesen, die nicht Residenzen sind, die Stadtver 
waltungen es als ihre Aufgabe betrachtet haben, diese 
Ungleichheit durch Einrichtung städtischer Institute solcher 
Art wettzumachen. Zumal in Theater- und Festbauten 
ist ein erstaunliches Schaffen wahrzunehmen, das bis 
weilen, wie zum Beispiel in dem genialen Festsaalbau der 
Stadt Mannheim (Bruno Schmitz) zu Leistungen geführt 
hat, die man stets zu den führenden Monumentalwerken 
des Jahrhunderts rechnen wird. Es ist wohl keine Frage, 
Architekt F. B. Scholer, Stuttgart 
daß der repräsentativ architektonische 
Aufwand, der sich gerade auf diese 
der Pflege geistiger Kultur gewidmeten 
Aufgaben als etwas fast Selbstver 
ständliches ergießt, eine Folge jener 
Konkurrenz mit ursprünglich fürst 
lichen Liehhaberunternehmungen ist. 
AVeil der Fürst seine Kunstsammlung 
oder seine Bibliothek in Palästen auf 
stellte, war der Begriff des Museums 
und der Bibliothek zunächst der Palast 
hegriff. Wer aber die Leistungen 
der Städte auf diesem Gebiet genauer 
miteinander vergleicht, kann sehen, 
daß deutliche Zeichen der Emanzipie 
rung von diesem Schema des Palastes 
sich vielfach bemerkbar machen. Schon 
sehen wir Bibliotheken, welche das 
große System ihrer Magazinräume zu 
einem architektonischen Motiv aus 
zugestalten trachten und so zu einem 
eignen Typus innerlich ausreifen. Vor allem aber fallen 
neben den Palastmuseen die Versuche auf (Magdeburg, 
Berlin), die das Museumsgebäude dem vorhandenen Aus 
stellungsmaterial individuell anpassen. Mankommt dadurch 
zu gruppierten Anlagen, die erst aus dem Innern heraus 
verständlich werden, wo Räume, Hallen, Höfe und Gänge 
sich so zusammenschließen, daß Architektureindrücke ent 
stehen, die dem Charakter des jeweilig Ausgestellten 
angepaßt sind. Museen und Bibliotheken, die sich in 
gewissen Bauepochen unsrer Zeit zum Verwechseln ähn 
lich sahen, gehen damit zu ganz entgegengesetzten Typen 
auseinander: die einen zum geschlossenen Magazinbau, die 
andern zum Charakter individueller Gruppierung. 
Hat man bei allen diesen Aufgaben die Pflege der 
künstlerischen Seite ihrer Gestaltung sozusagen als Tra 
dition bekommen, so bedeutet es eine Kulturerrungenschaft 
der letzten Jahrzehnte, das Bewußtsein dafür, daß Kunst 
entfaltung und Kulturpflege Hand in Hand gehen müssen, 
auch auf Aufgaben ausgedehnt zu haben, für die diese 
Traditionen nicht vorhanden waren, sondern die ur 
sprünglich nur als Nutzbauten betrachtet wurden. 
Nicht nur Theater, Museen und Bibliotheken sind 
Pflegstätten der Kultur, dieselbe Rolle auf diesem Gebiete 
spielen Schulen und Bäder. 
Es liegt auf der Hand, daß die künstlerische Ge 
staltung dieser Gebäudeaufgaben nicht ohne weiteres aus 
ihrem eigentlichen Zweck, dem hygienischen oder dem 
pädagogischen, gefolgert werden kann, sie ist vielmehr 
ein Zeichen für das Vordringen der höheren Auffassung, 
welche die intellektuelle, die körperliche und die ästhetische 
Kultur für einen untrennbaren Dreibund zur Erzielung 
eines leistungsfähigen Geschlechtes betrachtet. Die beiden 
ersten Mächte, die intellektuelle und die körperliche 
Pflege, werden ja immer in einem gewissen Gegensatz 
zueinander stehen, der möglichst ins Gleichgewicht ge 
bracht werden muß; die dritte Macht aber, die ästhe 
tische, braucht durchaus nicht als Isoliertes für sich zu 
bestehen, sondern kann sich sowohl mit der ersten wie 
mit der zweiten verbinden. Diese Erkenntnis hat dazu 
geführt, diejenige Kunst, die mit den Stätten des täg 
lichen Lebens verknüpft ist, für ebenso wichtig zu halten 
wie diejenige, die man erst in ihrem eignen Reiche auf 
suchen muß, um ihrer habhaft zu werden. Und unter 
all den nüchternen Lösungen früherer Jahre tauchen 
neuerdings Schöpfungen auf, die, wie das Volksbad in 
München oder die neuen Bäder der Stadt Berlin, einen 
Hauch tragen von jenem Geiste antiker Thermen, die 
einst Kunst und Körperpflege im größten Stile miteinander 
verbanden. (Schluß folgt)
	        

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