Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITUNG 
Nr. 38 
Kabine 1. Klasse 
herrscht die Gemüter wie ein Aberglaube im Mittelalter, 
das Haus verliert den ästhetischen Wert eines „Hauses“ 
und repräsentiert sich nur in der Fassade. Die Dekorie 
rung dieser Fassade ist die hauptsächlichste Aufgabe der 
Architekten: Man holt Details alter Baudenkmäler her 
vor, vergrößert und verkleinert dieselben und beklebt damit 
die Fassade. Rücksichtslos werden Naturschönheiten 
niedergerissen, Wahrzeichen vergangener Zeiten zerstört 
und der Reißschiene und dem Zirkel werden die schönsten 
lebenden Zeugen der Vergangenheit, die für Dörfer und 
Städte so charakteristischen Bäume, zum Brennholzwert 
geopfert. Man gewahrt mit Wehmut, wie die Kultur 
sündhaft gegen die heiligsten Güter einer Nation weiter 
schreitet, den ästhetischen Gesetzen der Natur Hohn 
bietend. 
Man muß sich unbewußt fragen: Woher kommt diese 
ungünstige Entwicklung? 
Nehmen wir die Bauordnung von 1872 und die Voll- 
zugsverfügung zur Hand und wir werden finden, daß 
das Charakteristische an der Bauentwicklung des letzten 
Viertels des vorigen Jahrhunderts dort zu finden ist. Die 
Straßenbreite, der berühmte Baulinienzwang, die stück 
weise Anordnung von Brandmauern finden wir dort; wir 
gewahren weiter im § 67 der Vollziehungsverfügung, daß 
zur Genehmigung eines Bauwesens notwendig sind die 
Grundrisse sämtlicher Geschosse, ein Durchschnitt und 
„die Fassade des Baues“. Es wurde allmählich 
Brauseraum 
Brauch, daß der Grundriß Aufgabe des Praktikers ist 
und die Fassade Aufgabe des Künstlers. So wurde in 
der Regel der Grundriß vom Maurermeister und Bau 
unternehmer und die Fassade von einem Architekten 
gefertigt, ohne daß vielfach der letztere den Grundriß 
gesehen hätte. Der ästhetische Wert des Bauwesens 
wurde nach dieser Fassade bemessen, kurzum, sie bildete 
dem Baulustigen, dem Käufer und Interessenten und den 
Behörden gegenüber den Ausdruck der Erscheinung des 
Gebäudes. Hieraus erklärt sich auch die Gewaltherr 
schaft der Symmetrie, welche eben auf dem Papier eine 
sehr angenehme Wirkung auszuüben versteht. —Was ist 
aber nun bei einem Landhaus, bei einem Bauernhaus, 
bei einer Scheune u. s. w. die Fassade? Allmählich hat 
sich dieselbe allerdings dadurch herausgebildet, daß diese 
bedeutungsvolle Fassade mit schönen lederfarbenen Ver 
blendern und die Nebenseite nur mit Holzfachwerk ge 
baut wurde, trotzdem sich die Erscheinung eines Bau 
wesens nicht durch eine Fassade, sondern durch eine 
Perspektive oder durch ein Modell bestimmen läßt, denn 
ein Bau ist ein Körper und keine Fläche. — Gehen wir 
weiter, hinein in die neueren Stadtteile der Städte, so 
finden wir vielfach gleiche Eckhäuser mit Abschrägung 
und Abwalmung, obwohl selbstverständlich ist, daß 
durch verschiedenartige Gestaltung der Eckgebäude an 
Straßen die Orientierung wesentlich erleichtert wird. Wir 
finden weiter die schönen Normalabstände zwischen den 
Gebäuden, wir gewahren fast immer die gleiche Dach 
neigung an j Straßen u. s. w. Wir finden immer mehr 
die Fassadendekoration und sehen dabei die charakte 
ristischen TJebergänge zur Nebenseite, welche besonders 
schön an den Hauptgesimsen zum Ausdruck kommen. 
Eben diese für die Erscheinung des Städtebilds und des 
einzelnen Gebäudes in erster Linie maßgebenden charakte 
ristischen Punkte entsprechen nun wiederum den einzelnen 
Ortshaustatuten. Hieraus ergibt sich, daß an der Er 
scheinung unsrer Bauten der letzten Jahrzehnte in erster 
Linie das Gesetz bestimmend war, im Gegensatz zu den 
früheren Zeiten, wo eine Bauperiode nach den Bedürf 
nissen und den Lebensanschauungen sich entwickelte und 
einen das Zeitalter im gesamten jeweils charakterisieren 
den Baustil zeitigte. 
Wohl kann gesagt werden, daß diese jüngste Bau 
periode in das Zeitalter der Fabrikation, der Massen 
produktion, der sozialen Massenentwicklung falle und 
dadurch das Schema auch im Baustil seine Berechtigung 
habe. 
Ich will gerne zugeben, daß der Zeit auch ein Teil 
der Schuld beizumessen ist, und insbesondere möchte ich 
nicht unterlassen anzuführen, daß die Entstehung der 
Bauordnung von 1872 in eine Zeit fiel, wo die Archi 
tektur durch schematische Rechenexempel auf Grund 
archäologischer Untersuchungen festgebunden war. Aber 
damit ist keineswegs die Tatsache umgestoßen, daß die 
Baupolizei einen gewaltigen Einfluß auf die Architektur 
und damit auf die Kunst ausüht; diese Tatsache ist auf 
Jahrhunderte hinaus durch lebende Zeugen festgenagelt, 
und die Nachwelt wird diese Zcitperiode der Baugeschichte 
wohl am besten mangels geeigneter Motive mit dem Titel 
„Der Paragraphenstil“ beehren. 
Ich habe mit Vorliebe in Kreisen der Architekten 
und Bautechniker Studien gemacht, inwieweit die Tätig 
keit des einzelnen Individuums der Macht des Gesetzes 
untergeordnet war, und ich fand fast durchweg, daß der 
Phantasie durch das Gesetz eine starre Grenze gezogen 
war, eine Grenze, welche mit der Zeit zum unangreifbaren 
Dogma wurde. Daraus erklärt sich auch, daß die Archi 
tektur sich nicht selbst aus ihren Irrwegen herausge 
funden hat, sondern daß Aesthetiker und Maler ihr den 
Weg zeigen mußten, und unwillkürlich tritt die Frage 
auf: Wieviel praktisches Phantasievermögen wurde hier 
durch erstickt?
	        

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