Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

306

BAUZEITüNG

Nr.  39

Nachweise  für  die  Bemessung  der
Eisenbetoiibaiiteii
Von  Baurat  Schmid
Am  Schluß  des  Aufsatzes  über  Mißerfolge  bei  Anwendung ­
  von  Eisenbeton  im  Hochbau  habe  ich  eine
Besprechung  der  Abhilfe  der  erörterten  Mißstände  in
Aussicht  gestellt,  welche  mit  nachstehendem  gegeben
sein  soll.
Es  ist  nicht  meine  Absicht,  die  konstruktiven  Abhilfen

für  sich,  die  Steinbauten  für  sieb,  Alterhaltenes  und
Modernes  für  sich,  besondere  kleine  Schönheiten,  besondere ­
  Entstellung  alter  Schönheit  für  sich,  malerische
Gebäudegruppen  oder  -teile  für  sich,  besondere  oder  absonderliche ­
  Beleuchtungswirkungen  u.  dgl.,  den  Grünschmuck ­
  des  Hauses  oder  Gärtchens  für  sich  u.  s.  w.
Es  dauerte  gar  nicht  lang,  da  war  ihm  seine  Tätigkeit
ganz  interessant,  ja  vergnüglich!  Je  mehr  er  zusammentrug, ­
  um  so  mehr  sah  er.  Selbst  anfänglich  doch  recht
Unbedeutendes  verwandelte  sich  bisweilen  durch  Vergleiche, ­
  durch  einen  ihm  plötzlich  kommenden  Gedanken
in  etwas  Beachtenswertes.  Und  wenn  er  anfänglich  auch
immer  noch  dabei  meinte,  von  Kunst  sei  immerhin  kaum
die  Bede,  höchstens  von  Interessantem,  so  bemerkte  er
doch  allmählich,  daß  die  bescheidenen  Häuser  ihn  anders
anzuschauen  begannen,  so  als  überflöge  plötzlich  neckisch
ein  leises,  feines  Lächeln  ihr  Antlitz.  Wenn  er  abends
in  seinem  Stübchen  saß  und  die  gewonnenen  Notizen  in
seine  Rubriken  einordnete,  hatte  er  manchmal  eine  Art
Vision:  die  verschiedenen  Bilder  schlossen  sich  zusammen
zu  einem  Gesamteindruck,  der  ihm  vorkam,  wie  wenn
aus  einem  frischen,  hellen  deutschen  Mädchenantlitz  mit
anmutig  schlicht  geordnetem  Haar,  drauf  ein  schmuckes,
buntes  Mützchen  schelmisch  thronte,  ihn  zwei  tiefe  blaue
deutsche  Mädchenaugen  fest  und  still  sinnend  ansebauten!
War  das  der  Genius,  die  Muse  dieser  bescheiden  anmutigen ­
  Kleinstadtkunst,  die  sich  ihm  zu  offenbaren
anhob?

zu  beschreiben,  welche  da  und  dort  angewendet  wurden,
um  das  zu  geringe  Tragvermögen  der  mangelhaften  Eisenbetonkonstruktion ­
  zu  erhöhen.  So  interessant  diese  Hilfskonstruktionen ­
  teilweise  gewesen  sind,  so  müssen  dieselben
als  dunkle  Punkte  auf  dem  Gebiet  des  Baukonstruktionswesens ­
  insofern  bezeichnet  werden,  als  sie  eben  gar  nicht
nötig  sein  sollten.
Der  Zweck  dieses  Aufsatzes  ist  es,  dafür  einzutreten,
daß,  Mißgriffen  vorbeugend,  gesorgt  werde,  daß  die  Eisenbetonkonstruktionen ­
  befriedigend  ausfallen,  daß  Sicherheit
dafür  geschaffen  wird,  daß  sie  die  gewünschte  Tragfähigkeit ­
  haben,  daß  zuverlässige  Nachweise  hinterlegt
werden,  welche  für  alle  Zeiten  einen  Einblick  in  die
fertige  Konstruktion  gestatten  und  jeden  Sachverständigen
über  deren  Tragfähigkeit  ohne  Belastungsprobe  ins  klare
setzen.
Die  Tragfähigkeit  der  Eisenbetonbauten  hängt,  regelrechte ­
  Ausführung  vorausgesetzt,  von  der  Bemessung  der
Dimensionen  des  Betons  und  der  Eiseneinlagen  ab,  und
diese  ist  insbesondere  zum  Gegenstand  der  baupolizeilichen
Behandlung  zu  machen.
Die  mehrfach  erwähnten  preußischen  „amtlichen  Bestimmungen ­
  für  die  Ausführung  von  Konstruktionen  aus
Eisenbeton  bei  Hochbauten“  schreiben  unter  A  §  1,  1  vor:
„Der  Ausführung  von  Bauwerken  oder  Bauteilen  aus
Eisenbeton  hat  eine  besondere  baupolizeiliche  Prüfung
voranzugehen.  Zu  diesem  Zweck  sind  bei  Nachsuchung

Ja,  er  merkte  allgemach,  diese  einfach  netten,  ohne
Prunkaufputz  ehrlich  als  gut  deutsche  Kleinstadtbürgerhäuser ­
  sich  gehenden  Häuser,  die  weder  an  griechische
Tempel,  italienische  Paläste  ,  fürstliche  Barockschlösser,
noch  an  sonstige  Kunstberühmtheiten  sich  anzulehnen
versuchten,  waren  trotzdem  Kunstwerke!  Da  waren
schöne  Verhältnisse,  vortreffliche  Anordnungen,  klare
Formensprache,  da  waren  schöne  Linien  in  den  Giebelformen, ­
  im  Fachwerk  und  sonst,  schöne  Techniken,  anmutiges ­
  Ziegelmosaik  hier  und  da,  nettes  Fachwerk,
lustige  Scbieferverkleidungen,  malerische  Anordnungen.
Da  war  Monumentalität,  Ernst  in  der  Einfachheit  der
Kirche,  in  dem  alten  sog.  Zehnthof,  da  war  Stattlichkeit,
Kraft  im  Bau  des  Rathauses,  da  waren  alle  Arten  einfacher ­
  Schönheit,  Anmut,  Keuschheit,  Lieblichkeit,  wie
auch  Behaglichkeit,  Wucht,  Stolz,  wie  auch  Humor,
Drolligkeit,  Vergnüglichkeit  in  und  an  den  Bürgerhäusern
zu  finden.
Allmählich  löste  sich  ihm  auch  ein  Rätsel,  das  ihm
manchmal  zu  denken  gegeben:  in  den  letzten  Jahren
waren  in  ein  paar  Straßen  einige  Neubauten  in  großstädtischer ­
  Art  entstanden,  ein  mehrstöckiges  Haus  in
einer  Art  Palladiostil  mit  Säulen  und  Fenstergiebeln,
Rustika  und  sonstigem  Zubehör,  ein  andres  in  deutscher
Renaissance,  so  etwa  wie  das  berühmte  Pellerhaus  in
Nürnberg,  ein  drittes  etwas  wie  gotisch  u.  s.  w.,  und  vor
dem  Tore  hatte  sich  jemand  eine  Villa  in  Rokoko  bauen
lassen.  Es  war  ihm  immer  merkwürdig  erschienen,  daß
            
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.