Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

I

anstandet  werden.  Ein  derartiges  Tabellenwerk  ist  zum
Beispiel  das  von  Gr.  Kaufmann,  welches  im  Rahmen  der
preußischen  amtlichen  Bestimmungen  zusammengestellt
und  im  Buchhandel  für  2  M.  zu  bekommen  ist.
Die  besondere  Aufstellung  einer  statischen  Berechnung ­
  für  schwierigere  Fälle  wird  aber  mit  vermehrtem
Recht  gefordert.  Es  liegen  hier  ganz  besonders  schwerwiegende ­
  Gründe  vor,  die  statische  Bestimmung  der  Abmessungen ­
  des  Eisenbetons  zu  fordern  und  der  gefühlsmäßigen ­
  Einlegung  von  Eisenstäben  einen  Riegel  vorzuschieben. ­

Wenn  dadurch  die  Unternehmer,  die  sich  andernfalls

Nr.  39

nicht  technisch  beraten  lassen  würden  oder  die  nicht
selbst  in  Berechnungen  von  Eisenbeton  bewandert  sind,
gezwungen  werden,  aut  technisch-wissenschaftlichen  Grundlagen ­
  vorzugehen,  so  ist  das  nicht  nur  für  die  Anwendung
des  Eisenbetons  im  allgemeinen  ein  Gewinn,  sondern  es
kommt  auch  den  Bauherren  zugut,  welche  —  in  der  Regel
nicht  selbst  sachverständig  —  durch  diese  baupolizeilichen
Maßnahmen  vor  Pfuschereien  bewahrt  bleiben.
Bei  größeren  Bauunternehmungen,  die  besondere  Ingenieure ­
  für  die  Fertigung  ihrer  statischen  Berechnungen
angestellt  haben,  kommt  noch  ein  andrer  Gesichtspunkt
herein,  welcher  die  Forderung  erschöpfender  Vorlagen
rechtfertigt.
Jenen  Ingenieuren  könnte  gelegentlich  auch  einmal
unter  dem  schweren  Druck  der  Konkurrenz  zugemutet
werden,  ihr  technisches  Wissen  zugunsten  ihres  Auftraggebers ­
  zu  mißbrauchen;  es  könnte  kommen,  daß  sie  in
solchen  Fällen  ihrem  Chef  gegenüber  sich  in  einer  sehr
mißlichen  Lage  befinden.  Wenn  es  wahr  ist,  daß  solche
Fälle  Vorkommen,  so  ist  diesen  Ingenieuren  sicherlich  ein
kräftiger  und  sehr  erwünschter  Rückhalt  in  dem  Umstand ­
  gegeben,  daß  ihre  Berechnungen  die  baupolizeiliche
Prüfung  durchlaufen  müssen,  denn  diese  Behörde  wird
ungerechtfertigt  kühne  Annahmen  oder  unzuverlässige
Berechnungsmethoden  oder  sonstige  Wagnisse  nicht  gutheißen. ­
  Es  ist  somit  auch  von  diesen  Erwägungen  aus
nur  empfehlenswert,  möglichst  allgemein  statische  Berechnung ­
  für  Eisenbetonbauten  im  baupolizeilichen  Genehmigungsverfahren ­
  zu  fordern.
Es  ließe  sich  noch  eine  Anzahl  von  Gründen  für
die  Berechtigung  dieser  Forderung  und  für  die  Einverleibung ­
  von  Werkzeichnungen  in  die  baupolizeilichen
Genehmigungsakten  anführen.  Diese  Werkzeichnungen ­
  können  bei  Genehmigungen  künftig  beantragter ­
  Benutzungsänderungen  oder  beabsichtigter
baulicher  Aenderungen  überaus  wertvolle,  nachträglich ­
  häufig  nicht  mehr  sicher  zu  beschaffende
Grundlagen  bilden.
Es  ist  auch  eine  nicht  bloß  formelle,  sondern
die  Konstruktion  erfassende  Baukontrolle  ohne  Zuhilfenahme ­
  von  Werkzeichnungen  gar  nicht  denkbar ­
  u.  s.  w.
Die  angeführten  Begründungen  dürften  für  den
vorliegenden  Zweck  zünächst  hinreichen.

Er  brachte  es  sogar  dahin,  daß  er  bisweilen  trotz
aller  Einfachheit  in  der  Gesamtheit  aller  Häuser  der
Stadt  doch  deutlich  sah,  daß  diese  und  jene  Häuser  von
einem  und  demselben  Baumeister  gebaut  waren  —  warum,
das  konnte  er  zwar  nicht  in  einfachen  Worten  aussprechen, ­
  er  fühlte  eben,  es  war  so!  Ebenso  war’s  in
Kleinigkeiten,  er  fand  zum  Beispiel  die  Hand  ein  und
desselben  alten  Steinmetzen  an  ein  paar  Grabsteinen,  die
an  die  Kirche  gelehnt  dastanden,  und  in  diesen  und  jenen
Steinmetzarbeiten  in  der  Stadt,  Schlußsteinen  über  ein
paar  Türen  u.  dgl.  heraus.  Ganz  besondere  Freude
machte  es  ihm  da  natürlich,  durch  Nachforschungen  in
dem  Archiv  des  Rathauses  sogar  bisweilen  die  Namen
der  alten  Handwerksmeister  herauszufinden.
Das  trug  nicht  wenig  dazu  bei,  daß  die  ganze  alte
Stadt  sich  für  ihn  in  fast  an  Märchen  erinnernder  Weise
zu  beleben  begann!  Die  Vision,  die  er  zuerst  ab  und
zu  einmal  gehabt,  wurde  zu  einem  immerwährenden  köstlichen ­
  Gefühl:  die  alten  Häuser  waren  ihm  keine  Holzund
  Steinkästen,  die  Straßen  waren  ihm  keine  bloßen
Häuserreihen  mehr,  die  Plätze  keine  leeren  Flecke  im
„Häusermeer“  des  Städtleins,  die  Stadt  war  kein  zufällig
so  und  so  aufgestellter  Kinderbaukasten  mehr  —  alles
lebte,  alles  war  beseelt,  nickte  ihm  zu,  lächelte  ihn  an,
redete  ernsthaft  oder  lustig  mit  ihm.  Jeder  Weg  im
Ort  wurde  ihm  jetzt  ein  Genuß  wie  ein  Plauderstündchen
mit  lieben  Menschen  oder  wie  das  Lesen  eines  schönen

Dichterwerkes,  das  ja  auch  erst  nur  ein  Haufe  krauser
schwarzer  Buchstaben  ist,  die  während  des  Lesens  aber
just  so  märchenhaft  lebendig  werden  und  dem  Leser  lange
oder  kurze,  lustige  oder  andre  Geschichten  dahererzählen,
wie’s  die  alten  Häuser  jetzt  für  ihn  taten!
Kurz  und  gut,  der  junge  Mann,  der  einst  achtlos  an
den  Schätzen  seiner  Vaterstadt  vorübergegangen,  brachte
es  mit  der  Zeit  dahin,  daß  seine  Mitbürger  seine  Anschauungen ­
  teilen  lernten  und  in  einem  Örtsverein  für
Heimatkunst  ihre  Bestrebungen  zur  Pfiege  und  Erhaltung
heimischer  Kunst  vereinigten.  Als  der  Fremde  nach
Jahr  und  Tag  das  Städtchen  wieder  besuchte,  war  er
überrascht  von  dem  hübschen  Bahnhof  und  von  der  zu
ersterem  führenden  geschmackvollen  neuen  Straße  wie
von  den  vergnüglich  guten  Leuten,  denen  er  begegnete.
Und  als  ihm  noch  der  frühere  Kommis,  dem  er  die  Augen
geöffnet,  als  Ohef  der  Firma  gegenübertrat,  konnte  er
nicht  umhin,  über  das,  was  er  gesehen,  was  der  Verein
Heimatkunst  gewirkt,  vom  Zeichenunterricht  und  Handfertigkeitsunterricht
  in  der  Schule  an  bis  zu  den  Werkstätten ­
  der  Handwerker  und  den  echt  heimatlich  anmutenden ­
  fertigen  oder  geplanten  Neubauten,  dem  kleinen
Ortsmuseum,  der  wieder  in  alter  Schönheit  hergestellten
Kirche,  dem  malerischen  Friedhof  mit  seinen  Anlagen  und
seinem  Grabschmuck,  seine  Bewunderung  auszusprechen
und  als  Zauberin,  die  das  alles  zuwege  gebracht,  die  alte
deutsche  Kunst  zu  preisen.  F.
            
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