Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

28. September 1907 
BAUZBITUNG 
309 
NRCH PER faTRHSSE 
SjCiTEHRNaicHT. 
Neue Bauordnung Württembergs 
III. Zweckmäßige Baupolizei auf dem Gebiete 
der Aesthetik. 
Ich habe im letzten Kapitel die Notwendigkeit der 
Ausdehnung der Baupolizei auf das Gebiet der Aesthetik 
klargelegt und will heute gleich mit dem bereits er 
wähnten § 55 des Entwurfs der neuen Bauordnung be 
ginnen, welcher folgendermaßen lautet: 
„Die Baupolizeibehörden haben darauf hinzuwirken, daß den 
von öffentlichen Wegen und Plätzen aus sichtbar bleibenden Bauten, 
soweit es mit ihrer Zweckbestimmung vereinbar und ohne Steige 
rung der Baukosten möglich ist, eine ihrer Umgebung entsprechende 
gefällige Gestaltung in Form, Farbe und Baustoff gegeben wird. 
Auch ist Bedacht darauf zu nehmen, daß künstlerisch oder 
geschichtlich wertvolle Bauten erhalten und daß in der Umgebung 
solcher Baudenkmale Bauausführungen vermieden werden, welche 
den Eindruck der ersteren wesentlich stören. 
Die Ausführung von Bauten, welche nach kunstverständigem 
Urteil ein eigenartiges Orts-, Straßen-, Platz- oder Landsohaftsbild 
in auffälliger Weise verunstalten würden, kann von der Baupolizei 
behörde untersagt werden. 
Durch Ortsbaustatut oder Verordnung können hierüber (Abs. 1 
bis 3), sowie über die Anordnung des Aeußeren der Gebäude und 
über die zu verwendenden Baustoffe nähere Bestimmungen getroffen 
werden,“ 
In den Motiven zu diesem § 55 findet sich manches 
Nennenswerte. Interessant sind die Ausführungen hierzu 
des Abgeordneten v. Gauß bei der Generaldebatte, wobei 
er die Pflege des Aesthetischen in gewissem Umfang zur 
Aufgabe der Baubehörden macht, aber davon ausgeht, 
daß diese so viel Takt haben, in künstlerischen Fragen 
sich selber nicht alles zuzutrauen, sondern geeignete und 
befähigte Kräfte zu Rate ziehen. Der Abgeordnete Häffner 
lobt die gesetzliche Rücksicht auf eine ästhetische Aus 
führung der Bauwesen, verspricht sich aber wenig positiven 
Erfolg und verwirft die Auffassung, daß einem Bau 
lustigen die Ausführung eines Bauwesens aus ästhetischen 
Gründen verboten werden kann. Der Abgeordnete Körner 
entpuppt sich als Gegner der ästhetischen Pflicht der 
Baupolizei und erachtet in dieser Sache die alte Bau 
ordnung für richtig, und der Abgeordnete Dr. Linde 
mann findet die künstlerische Gestaltung unsers Bau- und 
Wohnungswesens für sehr wünschenswert, befürchtet aber 
bei der Neigung der Bureaukratie, daß diese Befugnisse 
nicht nur bis zum letzten Titelchen, sondern noch über 
den Buchstaben des Gesetzes hinaus ausgedehnt werden 
und damit das Gegenteil bezweckt würde. Bei der Be 
antwortung gibt Minister v. Pischek zu, daß bei der 
Subjektivität und bei der Wandelbarkeit der ästhetischen 
Anschauungen große Vorsicht geboten ist, schönheitliche 
Rücksichten durch polizeilichen Zwang durchzuführen. 
Zwang nun darf nie und nimmer das treibende Moment 
einer ästhetischen Bauentwicklung sein; Zwang und Kunst 
sind Gegensätze, die nie vereinbar sind und in der Regel 
eine Erbitterung gebären, die in jeder Beziehung un 
gesund wirkt. Zwang ist nur dann angezeigt, wenn er 
von einer künstlerischen Autorität ausgeübt wird und eine 
klipp und klare Begründung aufweist. Ich hin nun über 
zeugt, keinem unsrer württembergischen Baupolizeibeamten 
nahezutreten, wenn ich sage, daß sich die große Mehr 
zahl derselben als Kunstautorität nicht betrachtet, ge 
schweige denn, daß dieselben als solche in der Architekten 
welt und beim Publikum angesehen würden. 
Der Abgeordnete v. Gauß hat bei der Generaldebatte 
den Wunsch geäußert, daß freistehende Gebäude von 
allen Seiten ein repräsentables Aussehen haben müssen. 
In diesem Wunsche liegt wohl die hauptsächlichste Tätig 
keit der Baupolizei auf dem Gebiete der Aesthetik, näm 
lich in der Form und im Material bzw. der Farbe des 
Gebäudes. Das Detail wird nur in besonderen Fällen 
Aufgabe der Baupolizei sein können. Wenn unter dieser 
Voraussetzung eine spezielle Vollzugsverfügung zu Art. 65 
herausgegeben wird, die von Kunstautoritäten aufgestellte, 
alle Verschiedenartigkeiten berücksichtigende Leitsätze 
enthält, dann kann man sich einen Erfolg versprechen. 
Jedenfalls aber muß das Recht im Gesetz ausgedrückt 
sein, daß die Ausführung von Bauwesen aus ästhetischen 
Gründen untersagt werden kann. 
Zu der Fassung des Art. 55 möchte ich folgende Be 
denken äußern: 
Der Ahs. 1 drückt in dem Satze „soweit es mit ihrer 
Zweckbestimmung vereinbar ist“ aus, daß der Zweck 
nicht immer künstlerische Gestaltung zulasse. Man gerät 
beim Durchlesen desselben unwillkürlich in den Gedanken, 
daß man Stallungen und Fabriken mit italienischen Kolossal 
ordnungen dekorieren soll, um dieselben schön gestalten 
zu können. Ueber diese Trugarchitektur sind wir — 
Gott sei Dank — erhaben; wir wollen Stallungen, Fabriken, 
Schornsteine, Miethäuser und Villen nicht nach einem 
Schema dekorieren, sondern wir wollen jedes Bauwesen 
eben seinem Zweck entsprechend ausbilden und dabei 
FJN^ictiT HntH pcn ^E.irevnys/c/iT. 
y- 
Architekt Hohlbauch, Geislingen 
Gehöftanlage
	        

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