Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

Nr. 39 
Ursprüngliches schaffen und der Nachwelt überliefern; 
der Zweck nun bedingt wiederum^ die Lage und Stellung, 
und somit harmoniert Zweck, Lage und Aussehen: wir 
haben eine Architektur. Es ist dies nichts Neues, es 
haben schon die Alten uns dies gelehrt, und deshalb wird 
Landtag und Regierung gut tun, dies auch im Gesetz 
festzuhalten. Auch den Satz, „daß die von öffentlichen 
Wegen und Plätzen aus sichtbar bleibenden Bauten“ 
schön sein sollen, finde ich unnötig, zumal dies nur dann 
Vorschrift ist, wenn es keine Steigerung der Baukosten 
verursacht. Was ist aber „Steigerung der Baukosten“? 
Beim Genehmigungsverfahren kann in der Regel diese 
Frage noch gar nicht beantwortet werden; jedenfalls wird 
die Baupolizei nie in der Lage sein, auf Grund eines 
Baueingabsplanes die Baukosten in dem Maße zu be 
stimmen, daß sie entgegenstehende Behauptungen Bau 
lustiger verwerfen könnte. Es würde also dieser wirt 
schaftliche Passus eine Klausel bilden, mit welcher 
der § 55 zum größten Teil kraftlos gemacht werden 
kann. Dies wird aber die Absicht eines Gesetzes 
nicht sein! 
Ich würde den Abs. 1 des § 65 folgendermaßen wünschen: 
Jeder Bau soll seiner Zweckbestimmung ent 
sprechend gefällig gestaltet und der Umgebung in 
Form, Farbe und Baustoff angepaßt werden. 
Aus diesem Satze kann das wirtschaftliche Moment 
zur Genüge herauskonstruiert werden, und wenn, wie 
oben schon erwähnt, der ganze § 55 eine spezielle Voll- 
zugsverfügung erhalten würde, dann könnte die Baupolizei 
auf dem Gebiete der Aesthetik das erreichen, was in 
ihren Kräften steht. 
Noch möchte ich anführen, daß der Art. 25 mit seinem 
Dachneigungswinkel von 45° im Widerspruch steht mit 
Art. 55; ich werde hierauf an andrer Stelle zurück 
kommen. i 
Werden nun aber die schreienden Bedürfnisse der 
Aesthetik auf dem Gebiete der Bautechnik durch die 
Baupolizei befriedigt? Ich sage nein! 
In erster Linie wird die Presse und das gesamte Kult 
wesen dafür zu sorgen haben, daß bis in die breiten 
Massen die Aufklärung hineindringt. Zum andern ver 
spreche ich mir einen positiven Erfolg von folgender Ein 
richtung ; 
Der weitaus größte Teil der Bauten wird amtlich 
nach Geldwerten eingeschätzt. Diese Schätzung spielt im 
wirtschaftlichen Leben eine außerordentliche Rolle, wo 
durch vielfach technische und künstlerische Mängel ent 
stehen. Es gibt nun aber bei den Bauten neben den 
Material- und Arbeitswerten und neben dem Platzwert 
noch ideelle Werte. Hierher gehört insonderheit prak 
tische und rationelle Einteilung, die Pflege der Hygiene 
und die Erscheinung des Gebäudes. 
Die Bedeutung dieser Werte brauche ich an dieser 
Stelle nicht zu beweisen. Will man nun erreichen, daß die 
Pflege eben dieser Werte, welche ich mit Kunst be 
zeichne, auf dem Gebiet des Bauwesens bis in die breiten 
Massen hineindringt, und will man die Baupolizei nicht 
unumschränkt für die zukünftige Gestaltung der Häuser 
verantwortlich machen, so erachte ich es für notwendig, 
daß auch der ideelle Wert der Gebäude eingeschfitzt 
wird, wodurch der Kunst eine gebührende Beachtung in 
richtiger Weise von selbst zuteil werden würde. Dabei 
würden natürlich Geldwerte nicht in Betracht kommen; 
vielmehr wird es sich um Einteilung in Klassen handeln. 
So könnte der Nachwelt Schönes gegeben und Schönes 
erhalten werden ! Max Müller. 
tDas ßaiblesche Haus-an Eßlingen 
Nach einer Federzeichnung von Regierungsbauführer H. Klotz, Eßlingen
	        

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