Volltext: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

19. Oktober 1907 
BAUZEITUNG 
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voran evangelischeKirche und Kreuzigungsgruppe, Domini- 
kanerkirclie und Kreuzgang, dann den prächtigen Fach 
werkbauten, Erker, Brunnen, Hofanlagen; der Ort mit 
seinen Straßenführungen, den malerischen Bildern, die 
sich von allen Seiten darbieten, ferner AYimpfen im Tal mit 
der stilgerecht wiederhergestellten Stiftskirche, dazu das, 
Städtehild im ganzen, wer hätte sich an diesem Tage dem 
Zauber, den dieses hessische Städtchen auf den Beschauer 
ausübt, zu entziehen vermocht! So ist es wohlverständ 
lich, daß die allgemeine Stimmung die beste war, als man 
sich zum Mittagessen niedersetzte. Fröhliche Tischreden 
würzten das Mahl, und wer etwa noch beiseitestand, den 
mußte das vorzüglich vorgeführte kleine Festspiel, von 
Pfarrer AYeitprecht verfaßt, mit seiner humorvollen, 
treffenden Schilderung des Guten und auch des Un 
bequemen, das die Denkmalpflege im Gefolge hat, un 
widerstehlich mit fortreißen. Nur zu kurz dauerte der 
Aufenthalt. Um 4 Uhr trat man nach herzlichem Abschied 
von AYimpfen, dem Ortskomitee, an dessen Spitze Kreis 
rat v. Hahn, und den AYimpfenern allen unter den Klängen 
des „Muß i denn“ u. s. w. die AYeiterreise an, die wieder 
auf badisches Gebiet führte, nach Zwingenherg a. N. 
und der dort im Besitz des Großherzogs befindlichen Burg. 
Dort war von dem hohen Besitzer der Burg den Teil 
nehmern ein Imbiß und Trunk geboten. Die Führung 
hatten Geheimrat v. Oechelhäuser und Prof. AVingenroth 
übernommen. Besonderes Interesse erregten die alten 
AVandmalereien der Burgkapelle, sowie von der Einrichtung 
die prächtige alte Kredenz. Ein näheres Eingehen auf 
alle sonstigen Einzelheiten verbot die Kürze der Zeit. 
Um 7 Uhr war Abfahrt nach Mannheim, von wo die 
jenigen, die nicht schon in Heidelberg den Zug verlassen 
hatten, sich der Heimat wieder zuwandten. So hat der 
VIII. Denkmalpflegetag, an ernsten Verhandlungen und 
gelungenen Veranstaltungen reich, sich seinen Vorgängern 
würdig an die Seite stellen können. Mögen ihm auch 
die Erfolge dieser früheren Tagungen in ebensolchem Maße 
zuteil werden! 
Berli ner Untergrundbahn 
Die Unterpflasterstation Leipziger Platz ist er 
öffnet. Die neue Station löst die bisherige Kopfstation 
Potsdamer Platz ab, die nun überholt ist und eingeht. 
Der Einbruch in die innere Stadtlinie, die sich über den 
Wilhelmsplatz, Spittelmarkt, Hausvogteiplatz bis zur 
Schönhauser Allee fortsetzen wird, ist vollzogen. Ein 
großer Uebergangsbahnhof zwischen der Stadtlinie und 
den zwei sich hier treffenden Außenlinien nach Osten 
und AYesten wurde dafür geschaffen. Er ist freilich 
vorläufig ebenso Kopfstation, wie es bisher der Pots- 
damer-Platz-Bahnhof war; er ist aber um ein bedeutendes 
größer, imposanter und für den Straßenverkehr ent 
lastender. Das schwierigste und wichtigste Stück der 
ganzen Trasse fügt dieser Bahnhof dem unterirdischen 
Verkehr an; er erspart dem Fahrgast den Fußweg über 
die Königgrätzerstraße, den Potsdamer und den Leipziger 
Platz und entläßt ihn durch einen Treppenaufgang, der 
bereits nahe dem Ende des ganzen gefürchteten Straßen 
engpasses liegt. Der Form nach präsentiert sich, wie 
man der „Frkf. Ztg.“ aus Berlin schreibt, die neue 
Station als eine Halle mit Mittelbahnsteig und mit einer 
einzigen Reihe von Pfeilern, die längs dieses Bahnsteigs 
die Decke samt dem darüberliegenden Straßeuboden, eine 
Schicht von etwa 1,5 m Dicke, tragen helfen. Durch 
einen großen Teil der Halle hindurch mußten die Pfeiler 
besonders verstärkt werden; hier fährt die Bahn unter 
dem Neubau des Hotels Fürstenhof weg. Die ganze 
Breite der Haltestelle, die 16 m beträgt, mußte zwischen 
den Grundmauern ausgeschachtet und zur Vermeidung 
von Erschütterungen und Geräuschen fürs Haus mußten 
Konstruktionen gefunden werden, die zum Teil in diesen 
breit und quadratisch ummantelten Pfeilern enthalten sind. 
Hinter der Hausunterftihrung ist in die Decke des Bahn 
steigs ein kreisrunder Licht- und Luftschacht hinein 
gebaut, ein natürlicher Ventilator, der innerhalb der 
Leipziger-Platz-Anlagen sich zwischen historischen Sand 
steinfiguren, altberlinischen Bäumen und immergrünen 
Sträuchern verbirgt. Im übrigen weist dieser große, dem 
Fußgänger unsichtbare Stationstunnel, der sich technisch 
als ein mit Asphalt und gestampftem Beton umkleidetes 
und im sandigen Erdreich schwebendes Trockendock dar 
stellt, der auch ganz wie ein Trockendock mit seiner 
Sohle unter den Grundwasserspiegel hinabreicht, die zier 
liche und saubere Ausstattung aller Bauten der Unter 
grundbahn von Berlin auf. In die weißen Fiiesenwände 
sind auffallend grüne Muster gesetzt, womit die Bahn 
gesellschaft die Absicht verbindet, die Station leicht 
kenntlich zu machen; andre Haltestellen werden andre 
Farben bekommen. Der gute Architekturgeschmack der 
Schalter- und Zeitungskioske und Beleuchtungskörper 
geht auf Alfred Grenander zurück, der auch die Treppen 
zugänge entworfen und an der Ausgangsstelle ein raffiniert 
einfaches Gitter, eine Art Bärenzwinger, errichtet hat. 
Man wollte mit dem Treppengitter nicht auffallen; die 
altmodisch schöne Gartenanlage, die von ihrem Raum 
dafür etwas abgeben mußte, verbot das. Diese Garten 
anlage, die das Denkmal des alten AYrangel umrahmt, 
spielte eine wichtige Rolle in der Geschichte des Bahn 
hofs; denn sie mußte stellenweise vernichtet und wieder 
erneuert werden, und drei steinalte Linden werden der 
Hochbahngesellschaft wohl in Erinnerung bleiben, weil 
sie „versetzt“ worden sind und weil jede davon rund 
80 000 bis 90 000 kg wog. 
Neue Bauordnung Württembergs 
IV. Baupolizei und Hygiene. 
Je mehr die Bevölkerungsdichte zunimmt, je mehr 
sich die Industrie ausdehnt und je mehr das Einfache, 
Natürliche erstickt und durch künstliche Mittel ersetzt 
wird, desto wichtiger wird die Hygiene für die Bau 
polizei. Das wichtigste Moment der Hygiene bildet der 
genügende Zutritt der Sonnenstrahlen zu den Räumen, 
woraus die Lage und Stellung der Gebäude und deren 
Abstände hervorgehen. Der Untergrund kommt bei Ein 
familienhäusern ziemlich viel in Betracht, während bei 
den Miethäusern mit Etagenwohnungen derselbe in der 
Regel eine untergeordnete Bedeutung hat. Die Höhe 
der Räume, die für die Hygiene ebenfalls bedeutend ist, 
hängt von der Belichtung und der Größe derselben ab. 
Der Abgeordnete Dr. Lindemann, der in Sachen der 
AVohnungshygiene ein geschätztes Urteil besitzt, will 
Festlegung genauer Minimalforderungen insbesondere auf 
diesem Gebiete. Einige Ortsbaustatuten haben bereits 
derartige Bestimmungen, und das Baustatut der Stadt
	        

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