Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITUNü 
Nr. 42 
Stuttgart hat in den §§ 78—81 zum Beispiel Bestim 
mung getroffen über Erdgeschoß Wohnungen, Arbeitsräume 
im Souterrain und über Wohnungen und Schlafkammern 
im Dachstock. Nach diesem dürfen Wohnungen nur dann 
errichtet werden, wenn ihr Fußboden auf 2,40 m Abstand 
mindestens 20 cm über dem Terrain liegt, und alle zum 
regelmäßigen Aufenthalt von Menschen dienenden Bäume 
müssen ein Fenstermaß von mindestens einem Zehntel der 
Fußbodenfläche aufweisen. Diese die Wohnungshygiene 
hauptsächlich charakterisierenden Bestimmungen ent 
sprechen nun aber den Anforderungen der Hygiene nicht 
immer, Bäume, die an dauernd unbeschränkten Licht 
quellen liegen und den ganzen Tag Sonne genießen, 
werden gleich bemessen mit Bäumen, die gegen einen 
künstlich geschaffenen Luftschacht von 2,40 m liegen, wo 
weder Sonne noch Mond hinscheint, und Dachstockräume, 
hoch oben, mit herrlicher Aussicht, Luft und Sonnen 
schein brauchen ebenfalls ein Zehntel der Grundfläche 
an Fenstern genau wie die aus Luftschächten mühselig 
Licht und Luft schöpfenden Souterrainwohnungen. Es 
müssen weiter Arbeitsräume aus gesundheitlichen Eück- 
sichten Holzböden erhalten, die Küchen dagegen, die 
Wohn- und Arbeitsräume der Frau müssen gemäß § 12 
der Ministerialverfügung betreffend die Feuerungsein 
richtungen Steinböden erhalten. Es können nicht alle 
Beispiele angeführt werden, doch wird schon aus dem 
Vorerwähnten hervorgehen, daß es ungemein schwer 
ist, mit Zahlen, also mit genauen Forderungen, die 
hygienischen Bedürfnisse in der Baupolizei festzubinden. 
Wohl sind bei der Generaldebatte von vielen Seiten 
genaue Bestimmungen im Interesse der Bechtssicher- 
heit gewünscht worden, und es läßt sich nicht leugnen, 
daß solche nicht nur für die Beamten, sondern auch für 
das Publikum bequem sind; dieselben sind aber nur dann 
nützlich, wenn sie in jeder Beziehung und bei den ver 
schiedensten Anwendungen dem tatsächlichen Zweck ent 
sprechen. Es muß Aufgabe der Baupolizei sein, genaue 
Vorschriften aufzustellen, aber es ist dabei außerordent 
liche Vorsicht geboten; in der Theorie ist eine Bestim 
mung wohl rasch gefaßt, aber die vielen Härten, die eine 
solche mit sich bringt, zeigen sich erst in der Praxis, 
und manchmal wirkt eine solche mehr schädlich als nützlich. 
Eben weil auf dem Gebiet der Hygiene strikte Vor 
schriften aufzustellen eine heikle Sache ist, ist es sehr 
begreiflich, daß der Entwurf dies vielfach dem Ermessen 
der Baupolizeibehörden überläßt oder aber durch Ver 
ordnung oder Statut geregelt haben will. Dadurch ist 
es auch möglich, den lokalen Bedürfnissen Bechnung zu 
tragen. Eatsam dürfte es allerdings sein, um oberfläch 
lichen Bestimmungen sowohl in der Verordnung als auch 
im Statut vorzubeugen, im Gesetz schon auszudrücken, 
daß Wohn- und Arbeitsräume nicht nur nach der Bau 
art, sondern auch nach dem jederzeit freibleibenden 
Sonnen- und Luftzutritt und nach der Beschaffenheit des 
Untergrunds bzw. dem Verhältnis zum umgebenden 
Terrain bemessen werden sollen. Als Vorteil ist es 
auch zu betrachten, daß die neue Bauordnung dem Urteil 
der Physikate gebührende Beachtung schenkt; doch sollte 
dieses Urteil im Interesse einer praktischen Baupolizei 
nicht ohne Einverständnis der Baumeister Bechtskraft 
erlangen. 
Es wird die hauptsächlichste Aufgabe der Hygiene den 
Ortsbaustatuten zufallen, und steht denselben ein weites Ge 
biet speziell bei den Etagenbauten offen, zumal diese, trotz 
aller Verdammungen, die Wohnung für die Zukunft 
bilden werden. Wenn auch die Baupolizei auf dem 
Gebiet der Hygiene ein kurzes Alter aufweist, so lehrt 
uns doch die Erfahrung an so vielen Klippen, daß für 
Städte und für größere Orte auf dem Gebiet der Hygiene 
gesunde, alle Verhältnisse berücksichtigende Vorschriften 
aufgestellt werden müssen und werden können. 
Max Müller. 
Ein schweres Bauunglück, 
das mehrere Menschenleben forderte, ereignete sich am 
Nachmittag des 15. Oktober in Stuttgart. Auf dem 
Platze der ehemaligen Legionskaserne werden zurzeit 
mehrere Bauten aufgeführt. In einem an der den Platz 
diagonal durchschneidenden Straße (Kleine Königstraße) 
liegenden vierstöckigen Neubau, der im Eohbau ziemlich 
fertiggestellt war, stürzten plötzlich mit donnerähulichem 
Krachen die den Innenraum ausfüllenden Betondecken 
der oberen Stockwerke (Eisenbetondecken sind im Bau 
überhaupt nicht verwendet) zusammen und zerschlugen in 
ihrem Fall die Betondecken samt den Eisenbalken der 
unteren Stockwerke, alles mit in die Tiefe reißend, so 
daß das zerstörte Material sich in einem wirren Chaos 
von Trümmern auf der Sohle des Souterrains auf häufte. 
Der Einsturz erfolgte so unvorbereitet und so blitzschnell, 
daß die im Innern beschäftigten Arbeiter sich nicht mehr 
retten konnten — sie wurden verschüttet. Den sofort 
mit Todesverachtung vorgenommenen Eettungsarbeiten ist 
es zu danken, daß von sieben Vermißten drei noch lebend, 
wenn auch zum Teil schwerverletzt, aus den Trümmern 
geborgen werden konnten, während vier ihr Leben ein 
büßten. Die Opfer sind sämtlich Italiener. Von dem 
G ebäude blieben die massiven Außenmauern stehen, doch 
soll die Wucht des Einsturzes nicht ohne nachteilige 
Folgen auf den übrigen Bau geblieben sein, indem ein 
Teil der Umfassungsmauern aus seiner senkrechten Lage 
gerückt wurde. 
Bei der offensichtlichen Lebensgefahr, mit der die Auf 
räumungsarbeiten und die baupolizeiliche Untersuchung 
verbunden sind, ist es natürlich ausgeschlossen, sofort die 
Ursachen der Katastrophe festzustellen; es gibt bis jetzt 
nur Vermutungen, die das Unglück auf einen Bau- oder 
Konstruktionsfehler zurückführen. Wir halten es für das 
beste, mit dem Urteil so lange zurückzuhalten, bis das 
Ergebnis der Untersuchung vorliegt. 
An der Ausführung des Bohbaus war, was wir be 
merken wollen, keine Stuttgarter Firma-beteiligt. Die 
Bauherrin, die Bheinische Kreditbank in Mannheim, 
hatte den Bau der Berliner Firma Krüger & Lauer 
mann (feuersichere Baukonstruktionen) übertragen und 
diese die Bohbauarbeiten wiederum im Unterakkord 
an einen Unternehmer mit einer italienischen Arbeiter 
gruppe vergeben. F. 
Y er einsmitteilungen 
Deutscher ArbeitgeherbumI für das Baugewerbe. 
In Delmenhorst ist der seit dem 8. Juni d. J. be 
stehende Streik der Maurer, Zimmerer und Bauhilfs 
arbeiter durch den Abschluß eines bis zum 31. März 1909 
befristeten Tarifvertrages beendet. Unter Beibehaltung 
der bisherigen zehnstündigen Arbeitszeit wurden folgende 
Lohnsätze vereinbart; für Maurer und Zimmerer bis zum 
1. Oktober 1908 57,5 Pf. und von diesem Zeitpunkt ab 
60 Pf. pro Stunde, für Bauarbeiter bis zum 1. Oktober 1908 
47,5 Pf. und darüber hinaus 50 Pf. pro Stunde. In 
Segeberg (Schl. Holst.) ist der Streik der Maurer und 
die Aussperrung der Zimmerer zugunsten der Arbeit 
geber verlaufen. Die Arbeitnehmer haben die von den 
Arbeitgebern aufgestellten Bedingungen ohne Einschrän 
kung angenommen. In Pfungstadt (Hessen) ist der 
Streik der Zimmerer beendet und die Arbeit bedingungs 
los wieder aufgenommen worden. 
Wettbewerbe 
Entwürfe zu einem König-Georg-Denkmal in 
Dresden. Es sind fristgemäß 34 Entwürfe eingegangen. 
Das Preisgericht hat zuerkannt: den I. Preis (3000 M.) 
dem Entwurf von Prof. G. Wrba und Stadtbaurat H. Erl
	        

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