Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BÄUZK1TUNG 
Nr. 43 
Schillerplatz Eßlingen 
Ausgefuhrt von Gartenarchitekt Ohr. 0. Berz i. Fa. Berz & Schwede, Stuttgart 
Streitfragen im deutschen Knnstgewerhe 
In der vielfach verbreiteten Unkenntnis über alle 
Fragen des Kunstgewerbes erblicken wir den schlimmsten 
Gegner durchgreifender Reformen. Die rückschrittlichen 
Tendenzen, wie sie sich seit einiger Zeit in Eingaben, 
Beschwerden und Kongreßreden breitmachen, können 
dies nur im Vertrauen auf die mangelnde Sachkenntnis 
der Oeffentlichkeit. Hier auf klärend zu wirken, halten 
wir für eine dringende Aufgabe. 
In der Erfüllung dieser Aufgabe beginnt die von 
Joseph Aug.Lux herausgegebene „Hohe Warte“ (R.Voigt- 
länders Verlag in Leipzig) mit der Veröffentlichung einiger 
Gutachten von Künstlern und Gewerblern, die aus Anlaß 
der III. Deutschen Kunstgewerbeausstellung Dresden 1906 
an das damalige Direktorium der Ausstellung gelangt 
sind und den Quertreibereien einer gewissen Gruppe von 
Leuten die Spitze bieten. Bekanntlich war die große 
Dresdner Kunstgewerbeausstellung vielen Angriffen von 
seiten der Vertreter rückschrittlicher Tendenzen aus 
gesetzt. 
Wir entnehmen aus dem in der „Hohen Warte“ ver 
öffentlichten Gutachten des hervorragenden Keramikers 
Prof. Scharvogel in Darmstadt folgende sehr beherzigens 
werte Stellen; 
„Es kann für denjenigen, welcher die Entwicklung 
des deutschen Kunstgewerbes verfolgt hat, kein Zweifel 
darüber auf kommen, daß ein großer Teil der Inhaber 
kunstgewerblicher Firmen der künstlerischen Schulung 
entbehrt oder aus dem Handwerk nicht hervorgegangen 
ist, welches er betreibt. Es kann also nicht erwartet 
werden, daß auf dieser Seite die nötige 
Einsicht vorhanden ist, um Dingen, wie 
sie hier in Frage stehen, eine gerechte 
Beurteilung angedeihen zu lassen. 
Jedermann war Gelegenheit gegeben, 
im Laufe der letzten zehn bis zwölf 
Jahre mit anzusehen, wie die gedachte 
Gruppe von Leuten in geradezu beispiel 
loser Weise auf die moderne Bewegung 
eingeschnappt ist. Nicht die selb 
ständigen Kunsthandwerker, sondern die 
Unternehmer waren es, welche den 
,Jugendstil', ,Sezessionsstil' und andre 
Unmöglichkeiten auf den Schild erhoben 
haben, um bald darauf, nachdem die 
Käufer sich an den geistlosen Wieder 
holungen mißverstandener Motive satt 
gesehenhatten, zum Empire oder Bieder 
meier abzuschwenken. Die Namen von 
Künstlern wie Eckmann, Christiansen, 
Behrens u. s. w. wurden in der wider 
lichsten Weise zu Reklamezwecken aus 
gebeutet. Es dürfte genügen, an die 
Zeit zu erinnern, in der es fast keine 
kunstgewerbliche Firma in Berlin gab, 
die nicht nach Entwürfen von Eckmann 
arbeitete. Was bei diesem Treiben 
herauskam, kann doch schlechterdings 
nicht als ,Kunstgewerbe' bezeichnet werden. 
Es ist Tatsache, daß gesunde Anläufe, wie solche 
in der Hauptsache von München ausgegangen sind, sofort 
nach ihrem Erscheinen in Berlin und sonstwo in Surrogate 
umgewandelt und massenhaft auf den Markt geworfen 
wurden, zum Schaden derjenigen, derenlnitiative und Opfer 
freudigkeit das gute Vorbild zu verdanken war. So wurde 
jahrelang jedes bessere Streben lahmgelegt zum Schaden der 
künstlerischen Entwicklung und des kaufenden Publikums. 
Es ist ferner Tatsache, daß weitaus der größte Teil 
der Kunstindustrie nur deshalb prosperiert, weil man 
sich nicht entblödet, dem Geschmack des Publikums da 
durch entgegenzukommen, indem man Dinge herstellt, 
die lediglich einem gewissen Sensationsbedürfnis entgegen- 
kommen und deshalb gekauft werden. Es braucht hier 
nicht auf Einzelheiten hingewiesen zu werden; ein Rund 
gang durch die Leipziger Engrosmesse oder ein Blick in 
die Schaufenster genügt, um das Gesagte zu erhärten.“ 
Hinsichtlich der von den Fortschrittsfeinden so heftig 
bekämpften Lehrwerkstätten besagt das Gutachten weiter: 
„Bezeichnend für den Geist der Beschwerdeführer ist 
deren Stellungnahme zu den Lehrwerkstätten. Während 
der Programmredner der Versammlung des ,Verbandes 
für die wirtschaftlichen (!) Interessen des Kunstgewerbes' 
namentlich darauf hinwies, daß die jetzige Unterrichts 
methode die Schule dem Handwerk entfremde, nahm 
dieselbe Versammlung eine Resolution an, welche sich 
gegen die Einrichtung von Lehrwerkstätten an Kunst 
gewerbeschulen richtete. Man will also den Weg zur 
Besserung nicht betreten sehen. Wenn dabei zur Moti 
vierung auf die durch die Schulwerkstätten hervorgerufene 
Konkurrenz im wirtschaftlichen Sinne hingewiesen wird, 
so hält es wirklich schwer, die Antragsteller noch ernst 
zu nehmen. Also die kleine Werkstatt einer Kunst 
gewerbeschule tritt erfolgreich in den Konkurrenzkampf 
mit Fabriken mit mehreren hundert Arbeitern. Der 
gleichen wäre besser unausgesprochen geblieben, ganz 
abgesehen von der inneren Unwahrheit, die auch hier 
wieder zutage tritt, indem der Industrielle es unternimmt, 
sich künstlerisch auf die gleiche Stufe mit der Lehr 
werkstatt zu stellen.“ 
Da denselben Feinden der künstlerischen Schulung 
auch die praktische Betätigung der als Lehrer wirkenden 
Künstler ein Dorn im Auge ist, so erscheint eine dies-
	        

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