Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAÜZEITUNG 
Ni. 43 
nicht die örtlichen Verhältnisse eine solche Regelung 
entbehrlich erscheinen lassen (bei zerstreuten Ansied 
lungen), jeweils durch die örtlichen Bauordnungen 
festgesetzt und für größere Orte nach Bauklassen ab 
gestuft werden, sei es nach ganzen Ortsteilen, nach 
einzelnen Straßen oder nach Straßenteilen. Die zu diesem 
Zweck erforderlichen Regeln und Zahlen wollte die 
Regierung ursprünglich ganz den einzelnen Gemeinden 
oder Amtsbezirken anheimgeben, hätte aber damit leicht 
eine unnötige Verschiedenartigkeit und Verwirrung ver 
ursacht. Jetzt ist, um zwischen dem Wunsche nach ein 
heitlicher Behandlung und der Rücksicht aul örtliche 
Eigentümlichkeiten passend zu vermitteln, der Weg einer 
Anleitung eingeschlagen, welche durch den Unter 
zeichneten verfaßt und der Landesbauordnung anhangs 
weise beigegeben worden ist. 
In dieser Anleitung sind vier Bauklassen angenommen. 
Von denselben entspricht I und II den inneren Teilen 
größerer Städte, III den äußeren Bezirken derselben und 
Städten mittlerer Größe, IV den kleinen Städten, länd 
lichen Bezirken in der Umgebung der Städte und Land 
orten. Die örtlichen Bauordnungen mögen daraus die 
geeigneten Bauklassen auswählen, unter Umständen weitere 
Bauklassen einschieben oder Sondervorschriften hinzu 
fügen. Es sind bestimmte Zahlenreihen für eine Flächen 
regel (Verhältnis zwischen unbebauter Fläche und Grund 
stücksfläche), für die Höchstzahl der Geschosse, für eine 
Abstandsregel (Verhältnis zwischen Wandhöhe und freiem 
Abstand) aufgestellt. Dazu kommen die erforderlichen 
Erläuterungen und die Abweichungen für besondere Fälle, 
als Umbauten auf älteren, dicht bebauten Grundstücken, 
Hintergebäude, Belichtung von der Seite her, nachbar 
liche Gemeinschaft u. a. m. Aus alledem ergibt sich 
ein vollständiges baupolizeiliches Schema der Bau 
dichtigkeit, ohne Zwang, aber als Anhalt, und jedenfalls 
die wünschenswerte Gleichartigkeit in der Methode. 
Auf den sonstigen Inhalt der neuen Landesbauordnung 
soll hier nicht eingegangen werden. Er ist selbstver 
ständlich vollständiger als in der bisherigen, welche sich 
fast nur mit der Feuersicherheit beschäftigt hatte. Die 
Bestimmungen halten größtenteils den Vergleich mit den 
besten anderweitigen Arbeiten dieser Art aus. Was 
etwa noch zu dürftig erscheint, bleibt besonderen Ver 
ordnungen Vorbehalten oder findet sich bereits in solchen. 
Indessen sei noch eine kurze Bemerkung über die 
Haltung der neuen badischen Landesbauordnung in 
ästhetischen Fragen gestattet. Schätzenswert ist ihre 
Fürsorge in der Denkmalpflege. Dieselbe bezieht 
sich, ähnlich wie in dem neuen preußischen Gesetz, auf 
die Baudenkmale selbst, auf ihre unmittelbare Umgebung, 
auf Straßen- und Ortsbilder in weiterem Umfang, alles 
auf Grund geschichtlicher, künstlerischer oder landschaft 
licher Bedeutung. Allein es wird auch da, wo diese 
Motive nicht vorliegen, also zum Beispiel in neuen 
äußeren Stadtteilen, Aesthetik betrieben. Mittels Orts 
statut darf bei allen Neubauten ein „gefälliges Aeußere“, 
unter Umständen sogar eine „höhere architektonische 
Ausgestaltung“ verlangt werden. So widerwärtig nun 
auch die Ausartungen sind, welche Mode, Neuerungs 
sucht und Unverstand erzeugen, so halte ich doch einen 
Zwang, selbst wenn Sachverständige zugezogen werden, 
nicht für das richtige Mittel der Abwehr, weil dadurch 
auch Gutes und Schönes unterdrückt werden könnte und 
weil ein klares, wichtiges Interesse des Gemeinwohls 
nicht vorliegt. Gegen fromme Wünsche wäre natürlich 
selbst in einer Polizeiverordnung nichts einzuwenden. 
Grundsätzlich aber sollte das Bauen sich frei entwickeln 
und seine Schönheit nur durch künstlerische und sittliche 
Erziehung sowie durch eine darauf fußende öffentliche 
Meinung gefördert werden. 
Karlsruhe. R. Baumeister. 
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Entwurf für ein Geschäfts- und Wohnhaus 
Architekt Professor P. Bonatz, Stuttgart 
Zu dem Bauunglilck in Stuttgart 
Die Untersuchung in der Zusammensturzaffäre auf 
dem Legionskasernenplatz ist im Gange; wir werden 
seinerzeit über das Ergebnis berichten. Inzwischen bieten 
wir unsern Lesern eine bildliche Darstellung des Gebäudes 
und des Innern, wie sich beides unmittelbar nach dem 
Einsturz den Augen darhot. Welche Wucht die stürzen 
den Massen entwickelten, sieht man an den zertrümmerten 
und verbogenen Eisenträgern. 
Y ereinsmittei hingen 
Wtirtt. Verein für Baukunde. Am 19. Oktober 
wurde das neue Vereinsjahr begonnen mit der diesjährigen 
Hauptversammlung und anschließender erster Mit 
gliederversammlung. Einleitend machte der Vorsitzende, 
Baurat Hofacker, Mitteilung von dem kürzlich erfolgten 
Ableben des Vereinsmitglieds Architekt Rueff, bei dessen 
Feuerbestattung in dem Krematorium er anwesend war 
und dessen Andenken von den Anwesenden in üblicher 
Weise geehrt wurde. Alsdann wurden die verschiedenen 
Geschäftsberichte des verflossenen Jahres vorgetragen. 
Zunächst brachte der Vorsitzende den Jahresbericht zur 
Verlesung. Der Mitgliederstand, der am 1. Oktober 1906 
1 Ehrenmitglied, 162 hiesige und 121 auswärtige, also
	        

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