Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

Das Zundeltörle in Ulm vor der Durohfahrtsverbreiterung 
teidigungswerken und dem südöstlich liegenden Zeughaus 
zu vermitteln. Heute noch zeigt dieser Vorplatz, der 
früher mit einer Ausfallpforte gegen Norden, unmittelbar 
■westlich vom Turm gelegen, versehen war, ein fast voll 
ständig erhaltenes Bild seiner mittelalterlichen Umgebung. 
An Stelle der Ausfallpforte mit dem hölzernen Steg über 
den noch offenen Wassergraben wurde später eine 4 m 
breite Durchfahrt ausgebrochen und mit einer Stichkappe 
aus Backsteinen eingewölbt. Nachdem der Stadtgraben 
überwölbt und die neue Straße mit ihren Anlagen auf 
demselben durchgefühi’t worden war und draußen hinter 
dem alten Friedhof sich ein neues Bauquartier zu ent 
wickeln begann, genügte dieser Durchlaß nicht mehr für 
den wachsenden Verkehr. Bezüglich der Lösung dieser 
plötzlich auftauchenden Verkehrsfrage waren die Meinungen 
geteilt. Auf der einen Seite wurde verlangt, daß dem 
Verkehr neben dem alten Turm ein Durchgang in der 
Breite einer modernen Straße geschaffen werde, um damit 
die Weiträumigkeit der neuen Stadtteile unmittelbar in 
die Gassen der Altstadt einzuführen. Diese Absicht hätte 
eine vollständige Durchbrechung der alten Stadtmauer 
mit den Grabenhäuschen notwendig gemacht und den 
Turm gegen Westen bloßgelegt und von der ihm an 
gepaßten Umgebung losgetrennt, so daß in der Folge 
diese Lösung den geschlossenen Charakter der seitherigen 
Toranlage zerstört und die Stadt um ein schönes Bild 
ihrer früheren Gesamtanlage ärmer gemacht hätte. Ein 
andrer Vorschlag ging dahin, die Reihe der sich an den 
Turm anschließenden Grabenhäuschen nicht zu durch 
brechen und bezüglich der Verkehrs Verbesserung nur unter 
denselben eine Erbreiterung der alten Durchfahrt von 
4 auf 8 m vorzunehmen. Bei der geringen Länge der 
Durchfahrt von ca. 15 m war anzunehmen, daß diese 
Breite den Bedürfnissen des zu erwartenden Verkehrs 
genüge. Die geringe zur Verfügung stehende Höhe war 
in diesem Fall der Anlaß, für die Abdeckung die Form 
eines Korbbogens zu wählen, welcher sich der Architektur 
der Umgebung, insbesondere der Mauerahschlüsse gegen 
das Zeughaus hin, in vorzüglicher Weise anpaßte. 
Nachdem sich mit diesem vielumstrittenen Projekt 
auch die städtische Künstlerkommission unter geteilten 
Meinungen befaßt hatte, gab schließlich der damals noch 
mitwirkende Münsterbaumeister Beyer den Ausschlag, 
indem er für die Beibehaltung des geschlossenen Charakters 
der Altstadt und damit für die Ablehnung des Durch- 
Nr. 52 
bruchs eintrat. Die schwierigen Bau 
arbeiten der Durchfahrtserweiterung 
wurden dadurch erleichtert, daß die 
Ausführung durchaus in Zementbeton 
erfolgte, während die Stirnen aus Beton 
quadern mit besonderer Ausstattung der 
Oberflächen mit Steinimitation her 
gestellt wurden. Die Fortschritte, welche 
die Stadt Ulm in ihrer Erweiterung 
auf der Ostseite gemacht hat, haben den 
vorsorglichen Ausbau des Zündeltors 
als gerechtfertigt erscheinen lassen. 
Schon vor der Niederlegung der inneren 
Umwallung ist auf der unteren Bleiche 
innerhalb des Walls und außerhalb 
desselben ein neues Baugebiet ent 
standen, dessen Bebauung hier auf der 
Ostseite der Stadt den ersten Abschnitt 
der neuen Baupolitik bildete. Während 
innerhalb des Walls zuerst noch in 
offener, später in geschlossener Bau 
weise ein fächerartig auf das Zundel 
tor zulaufendes Straßennetz, teils mit 
kleineren Fabrikanlagen, teils mit Wohn 
häusern für kleinere und größere Woh 
nungen, ausgebaut wurde, entstand außer 
halb des Walls zunächst ein ausgedehnter 
Komplex städtischer Arbeiterwohnhäuser, die sofort auf 
Abzahlung verkauft wurden und in kurzer Zeit einer 
zahlreichen Bevölkerung Unterkunft gewährten. Hieran 
schlossen sich, soweit der Platz reichte, mehrere all 
mählich in der Ausdehnung begriffene Fabrikanlagen, 
welche den noch vorhandenen Platz ausfüllten. Mit dieser 
Entwicklung, welche sich in der Neuzeit noch weit über 
das Stuttgarter Tor hinaus erstreckt und mit dem Bau 
eines neuen Spitals auf der Höhe des Safranbergs seinen 
Abschluß finden wird, ist dem neuen Zundeltor ein früher 
ungeahnter Verkehr zugewiesen. Seinem Zweck hat es 
stets genügt und wird ihn auch fernerhin erfüllen. Mit 
dem Turm daneben, dessen Untergeschoß ein von dem 
Wasser des Stadtgrabens getriebenes Rad in Bewegung 
setzt und damit eine Pumpe treibt, welche das im Dach 
geschoß aufgestellte Reservoir füllt, bildet das Tor mit 
der anschließenden Stadtmauer einen der schönsten Ueber- 
reste der ältesten Befestigung Ulms. Auf der Scheide 
zwischen Alt- und Neustadt in unmittelbarer Nähe des 
Elektrizitätswerks bringt es uns den Gegensatz der ver 
schiedenen geschichtlichen Hauptperioden in vorzüglicher 
Weise zum Bewußtsein. Die dauernde Erhaltung dieser 
Baugruppe ist daher dringend zu wünschen. 
Stadtbaurat a. D. E. Braun. 
Neue Tapeten 
Von Arnold Rohde 
Nicht über den modernen Geschmack der Tapeten 
zeichner will ich sprechen, sondern über die mannigfachen 
Techniken, die jetzt in den Tapetenfabriken zur Erzielung 
besonderer Effekte angewendet werden und die größten 
teils auf Erfindungen der letzten Jahre beruhen. 
Zunächst muß betont werden, daß gewisse Prinzipien 
der Innendekoration, die von den Meistern des modernen 
Kunstgewerbes in ihren Schriften als wesentlich hervor 
gehoben wurden, nicht ohne Einfluß auf die Technik ge 
blieben sind. Es wurde darüber geklagt, daß die farben 
reichen, prunkvollen Tapeten, wie sie von den meisten 
Fabrikanten, die das Auge des Publikums bestechen 
wollen, auf den Markt gebracht werden, bei jeder Deko 
ration eines Raumes zu anspruchsvoll hervortreten und 
dadurch die Wirkung jedes andern Stückes der Innen 
dekoration herabdrücken. Die Tapete soll nur die Folie 
der Möbel, Kupferstiche, Bronzen, Gemälde u. s.w. bilden, 
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