Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

28. Dezember 1907 
BAUZEITUNG 
411 
Das Zuudoltörle in Ulm nach der Durchfahrtsverbreiterung 
Muster und Färbung der Tapeten müssen 
also stumpfer, gleichgültiger behandelt 
werden. Nun sind die deutschen Tapeten 
fabrikanten, die bei allem Interesse für 
das moderne Kunstgewerbe sich den Ruf 
vortrefflicher Kaufleute bewahrt haben, 
natürlich nicht so töricht, ihre ganze 
Fabrikation nach denGrundsätzen einiger 
Künstler in München, Stuttgart oder 
Darmstadt einzurichten; sie kennen ihr 
Publikum, wissen, daß farbenprächtige 
Muster immer noch am fleißigsten ge 
kauft werden, aber sie rechnen auch mit 
dem Geschmack und der Liebhaberei 
derjenigen, die sich auf irgendeine 
moderne Richtung eingeschworen haben. 
Die Folge der modernen Bestrebungen 
bildeten zunächst Tapeten mit stumpfen 
Tönen und kleinen Mustern, die sich 
kaum vom Fond abheben und gerade 
nur ein wenig die Fläche beleben. 
Tapeten, welche — wie der Fachmann 
sagt — Ton in Ton gehalten sind, wurden 
immer beliebter. Bei derartigen Stücken 
zeigt das Muster denselben Farbenton wie der Grund — es 
hebt sich nur durch eigenartige Pressung des Papiers, durch 
den Glanz, durch Schattierung oder durch irgendeinen 
andern Effekt vom Grunde ab. Schließlich ist man in 
jüngster Zeit noch weiter gegangen — man begann Tapeten 
zu drucken, die eigentlich gar kein Muster enthalten und 
nichts weiter als eine möglichst getreue Wiedergabe der den 
verschiedenen Textilstoffen eignen Textur aufweisen. Man 
hatte konstatiert, daß Architekten künstlerisch ausgestattete 
Räume, um durch die Tapete nichts zu verderben, am 
liebsten mit Wandbekleidungen aus ungemusterten ein 
farbigen Textilstoffen, ja sogar groben Jutestoffen ver 
sehen, und man zog daraus eine nützliche Lehre. Die 
Fabrikanten sagten sich: „Wenn den Architekten schon 
der eine Ton und die einfache Fadenkreuzung der Textil 
stoffe genügt, um eine geeignete Folie für die Möbel und 
sonstigen Dekorationsstücke eines Raumes zu gewinnen, 
so können wir dieses Prinzip ja auch auf den Tapeten 
druck an wenden.“ Das ist denn auch geschehen; es 
wurden ganz vortreffliche Imitationen auf den Markt ge 
bracht, und das Publikum, das ja ständig für etwas Neues 
schwärmt, hat diese Tapeten auch recht beifällig auf- 
genommen. Es sind nicht immer billige Fabrikate, denn 
es finden sich auch sehr feine lithographische Tapeten 
darunter, die aus einer Münchner Fabrik hervorgehen, 
und es sind auch mannigfache, ziemlich teure Papiere 
für diesen Zweck gefertigt worden, die schon an sich 
eine textilartige Struktur besitzen, also für derartige 
Imitationen speziell geeignet sind. 
Diese eintönige Behandlung der Fläche hat aber nun 
auch zu einer völlig neuen Wanddekoration geführt. Was 
von der Bestimmung der Tapeten als Folie für die Möbel 
gesagt wurde, trifft eigentlich nur für die untere Hälfte 
der Wand zu. Die meisten Möbel unsrer Wohnzimmer 
übersteigen kaum eine Höhe von 1 m; Möbel von 2,50 
bis 3 m Höhe bilden schon eine seltene Ausnahme. So 
bleibt also oberhalb der Möbel ringsum ein völlig freier 
Streifen von 1 bis 2 m Höhe, der bei so äußerst schlichter 
Behandlung der Wandfläche geradezu öde aussehen würde. 
Dieser ungeteilte und unverdeckte Streifen, sagen die 
Künstler der Innendekoration, bildet das geeignete Feld 
für den Dekorationsmaler oder für eine reichere Behand 
lung der Tapete. Das ließen sich die Tapetenfabrikanten 
nicht zweimal sagen, und sofort begannen sie eine Riesen 
kollektion schöner Fliese in den reichsten Farben auf 
den Markt zu bringen, Blumen- und Fruchtgehänge, figür 
liche Darstellungen für Tanzsäle, Kinderzimmer, Boudoirs, 
Kneipszenen für Restaurationen u. s. w. 
Die Architekten hatten nun ihren Willen, aber viele 
waren auch damit nicht zufrieden. Es gibt Baukünstler, 
die der Meinung sind, daß jedes Stück einer Wohnung, 
die Möbel wie die Gardinen, die Teppiche wie die Tapeten 
unbedingt in ihrem Atelier gezeichnet sein müßten, um 
nicht aus dem Rahmen herauszufallen. Sie betrachten ein 
von ihnen geschaffenes Interieur als ein abgeschlossenes 
Gemälde und meinen, daß ihnen das ganze Bild verpfuscht 
werde, wenn da ein andrer einen Pinselstrich hineinsetze. 
Sie meinen also, die schönste Tapete sei diejenige, die 
speziell nach den Entwürfen des Architekten für den 
besonderen Fall hergestellt werde. Es ist ein Glück, 
daß nicht alle Architekten und nicht alle Hauseigentümer 
an dieser Kaprice leiden, denn das wäre das Ende der 
Tapetenindustrie, deren Massenproduktion mittels Walzen 
druck erfolgt. Es wird einleuchten, daß man die höchst 
kostspieligen AValzeu wohl für einige tausend Rollen, 
aber nicht für 30 oder 40 Stück Tapeten eines einzigen 
Zimmers hersteilen kann. Das würde eine sehr kost 
spielige Drucktapete werden. Aber auch dafür wußten 
die deutschen Tapetenfabrikanten Rat. „Drucken können 
wir eine Spezialtapete für ein einziges Zimmer nicht,“ 
sagten sie, „aber wir können sie — malen.“ Und so 
begannen vor etwa fünf Jahren die handgemalten Tapeten 
aufzutauchen — Tapeten mit schablonierten Mustern. Man 
schablonierte zunächst auf Jute und erzielte dabei sehr 
schöne Effekte; aber man fand, daß dieselben Dessins 
auf einem rauhen faserigen Papier ganz ebensogut her 
vorzurufen seien. Ein Vorzug dieser Tapeten besteht 
nun eben darin, daß man das Muster nicht gleichmäßig 
Außenansioht nach der Verbreiterung
	        

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