Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1907)

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BAUZEITUNG 
Nr. 52 
Wohnhaus Prof. Diez, Stuttgart 
Architekten Prof. Böklen & Feil, Stuttgart 
über die ganze Fläche auszubreiten braucht, sondern, je 
nach den Wünschen des Architekten oder Dekorateurs, 
die gerade in Betracht kommenden Wandflächen in Felder 
zerlegen, mit breiteren oder schmäleren Friesen schmücken, 
die Türen, Fenster, Kamine u. s. w. mit besonderen Ein 
fassungen versehen kann, also jedem Wunsch des Archi 
tekten Rechnung zu tragen vermag. Durch das Schablo 
nieren der Tapeten wurden nun aber auch ganz neue 
Effekte erzeugt. Wenn ich zum Beispiel eine Blech 
schablone, die ein Blattmuster darstellt, auf die zu be 
malende Fläche lege und nun den mit Farbe getränkten 
Pinsel darüberstreiche, so wird die Farbe an der Seite, 
wo ich beginne, nur dünn auf das Papier gelangen, da 
gegen voll und kräftig durch den Pinsel nach der andern 
Seite hingedrängt werden, so daß hier der Ton nach dem 
Trocknen recht tief und dunkel erscheint. Diese Be 
obachtung hat zur Entwicklung einer ganzen Technik 
geführt. Wenn ich eine Tapete mit Walzen drucke, so 
ist das Muster der ganzen Papierbahn gleichmäßig; ein 
tapeziertes Zimmer zeigt also oben und unten wie im 
ganzen Raume das Muster in gleicher Zeichnung und 
Schattierung. Bei schablonierten Tapeten ist das aber 
nicht notwendig. Hier kann die Schattierung derart 
wechseln, daß das Muster oben ganz licht, unten ganz 
tief erscheint, so daß es gleichsam changiert. Auf diese 
Weise sind überaus prächtige Stücke erzeugt worden, 
Tapeten, die den Charakter von Seidenstoffen zeigen, 
während andre wieder wie gepreßter Seidenplüsch mit 
starkem Relief wirken. Die Täuschung ist bisweilen so 
groß, daß man sich fast versucht fühlt, die Hand über 
die Fläche zu führen, um sich zu überzeugen, ob nicht 
am Ende doch ein Plüsch- oder Seidenstoff als Tapete 
verwendet ist. In großen Hamburger und Münchner 
Tapetenhäusern sah ich unter anderm Damastimitationen 
dieser Art, die an Vollkommenheit nichts zu wünschen 
übrigließen. Es ist ganz allein der natürliche. Glanz 
der Jute oder des eigenartig präparierten Papiers, der 
im Verein mit den Licht- und Schattentönen der Malerei 
diese eigenartige Wirkung hervorruft. Die Papierfabriken 
fertigen für die Tapetenfabrikanten mannigfache Papiere, 
die speziell für diese Behandlung geeignet sind. Sie be 
sitzen schon von Natur jenen stoffartigen Charakter, der 
sie zur Imitation von Textiltapeten geeignet macht. Zu 
diesen Ingraintapeten findet unter anderm ein mit Holz 
mehl versetztes oder bestreutes Papier Verwendung, das 
eine ganz eigenartige rauhe und gesprenkelte Oberfläche 
aufweist. Das Holzmehl ist an sich verschiedenfarbig 
getönt, so daß man helle und dunkle Körnchen unter 
scheidet, die sich von der farbigen Fläche des Papiers 
abhebeni So weist das Papier, wie es aus der Fabrik 
kommt, schon an sich mehrere Tönungen auf, so daß 
durch Aufschablonieren eines weiteren, gut abschattierten 
Tones sehr reiche Wirkungen erzielt werden. 
Die Ledertapeten, die lange Zeit in sehr beschränktem 
Maße Verwendung fanden, scheinen sich jetzt wieder 
einer gewissen Beliebtheit zu erfreuen. Sie werden 
namentlich für Herrenzimmer, Cafes und Restaurationen 
verwendet. Es sind aber weniger die deutschen, als 
vielmehr japanische und amerikanische Fabrikate, die 
jetzt in den Augen der Baukünstler Gnade gefunden 
haben. Der reiche Schmuck der mit kräftigem Relief 
versehenen deutschen, meist mit verschiedenen Bronze 
farben getönten Fabrikate verrät in der Regel zu deut 
lich, daß es sich um eine Imitation handelt. Die sehr 
dunkel gehaltene japanische Ledertapete, die auch nichts 
weiter als präpariertes Papier von großer Zähigkeit ist, 
zeigt an der Oberfläche in der Regel eine ganz schlichte 
textilartige Fadenkreuzung oder Narbe, die sich nur ganz 
wenig aus der Fläche hervorhebt. Das sogenannte ameri 
kanische Leder ist aber gar nicht geprägt, ganz glatt, 
imitiert aber ganz vortrefflich Farbe, Glanz und Zeich 
nung verschiedener Art Leder. Es ist dies die trefflichste 
Imitation, die ich auf diesem Gebiete gesehen habe. 
All die neuen Techniken, die heute angewandt werden, 
lassen sich hier nicht erschöpfend behandeln. Ich wollte 
nur einige der interessantesten und wirkungsvollsten 
hervorheben. Da darf ich denn auch die vor einigen 
Jahren aufgetauchten Tekkotapeten nicht unerwähnt lassen. 
Sie werden nach einem patentierten Verfahren in der 
Schweiz gefertigt, nur in Pergament oder Stoff ausgeftihrt 
und sind sehr schwer. Sie wirken an der Wand fast 
wie ein dichtes Gefüge aus Platten von Kupfer, Bronze, 
Messing oder Silber — denn die ganze Fläche zeigt einen 
solchen metallischen Ton, von welchem sich die sehr reich 
gegliederten Pflanzenmuster nur durch die Prägung ab 
heben. Aber diese Prägung bewirkt ein Changieren der 
Fläche, etwa wie bei Seidendamast, so daß, je nach dem 
Standpunkt des Beschauers, die hellen und dunkeln, 
die stumpfen und glühenden Partien beständig wechseln. 
Auf welche Weise diese für rechte Prunkräume ge 
schaffenen Tapeten hergestellt werden, ist nicht bekannt, 
die Fabrik wahrt mit großer Vorsicht ihr Geheimnis. 
Aber der Effekt beruht ganz einfach darauf, daß Fond 
und Muster aus lauter feinen Riefen bestehen, die aber 
in verschiedener Richtung verlaufen, also das Licht in 
sehr verschiedener Weise reflektieren. Und je nach 
unsrer Stellung zur Tapete werden die feinen, glänzenden 
Linien bezw. die Schattenlinien des gerieften Dessins 
unserm Auge hell oder dunkel getönt erscheinen. Eine 
sehr große Verbreitung können natürlich diese Tapeten, 
die schon seit mehreren Jahren zu den Glanzstücken der 
großen Tapetenhandlungen gehören, nicht finden; dazu 
sind sie zu kostspielig und auf zu reiche Ausstattungen 
berechnet. Auch ist zu berücksichtigen, daß man nicht 
minder glänzende Wirkungen mit wohlfeileren Fabrikaten 
erzielen kann, die in einer fast unerschöpflichen Fülle 
neuer Muster alljährlich von den deutschen Fabrikanten 
auf den Markt gebracht werden.
	        

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