Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1908)

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BÄUZEITUNG

Nr,  17

Landgut  Kosenstihl,  Littenweiler

Diele

Architekten  Pfeifer  &  Großmann,  Karlsruhe

Trat  in  früheren  Jahrhunderten  an  den  Baumeister
die  Aufgabe  heran,  die  Ufer  eines  breiten  Stromes  zu
verbinden,  so  schuf  er,  da  seine  Zeit  andre  Konstruktionsmittel ­
  nicht  kannte,  die  hölzerne  Jochbrücke  oder  die
gewölbte  Steinbrücke,  die  sich  nach  Form  und  Material
stets  harmonisch  der  Umgebung  anpaßte.  Als  klassische
Beispiele  derartiger  Schöpfungen  seien  nur  genannt:  die
alte  ßeußbrücke  in  Luzern,  die  berühmte  Augustusbrücke
in  Dresden,  die  Moselbrücke  in  Trier  und  die  alte  Mainbrücke ­
  in  Frankfurt.  Wenn  derartigen  Brücken  große
Turm-  und  Torbauten  angefügt  wurden,  wie  bei  der  Taynbrücke
  in  Prag,  so  dienten  diese  lediglich  zu  Verteidigungszwecken,
  waren  also  Nutzbauten.  Hierin  liegt  schon  die
Ursache,  daß  sie  stets  in  organischer  Weise  mit  dem
Brückenbau  verbunden  waren,  der  seinerseits  durch  die
vielgestaltige  Ausdrucksfähigkeit  seines  Baumaterials,  selbst
bei  an  sich  einfachsten  Formen,  sich  fast  ohne  Ausnahme
als  eine  künstlerisch  vollendete  Schöpfung  darstellt.  Hierzu
kommt  noch,  daß  eine  lange  Tradition  die  Sicherheit  des
Schöpfers  geschult  hatte.  Als  nun  mit  dem  Beginn  des
neunzehnten  Jahrhunderts  als  bisher  unbekanntes  Baumaterial ­
  das  Eisen  auftrat,  sah  sich  der  Baumeister  ganz
neuen  Aufgaben  gegenübergestellt.  Wohl  versuchte  er
anfangs  die  Formen  der  steinernen  Brücken  in  Eisen
nachzuahmen,  wie  bei  der  Kronprinzenbrücke  in  Berlin
oder  der  Älexanderbrücke  in  Paris,  oder  auch  die  Eisenkonstruktion ­
  mit  allerlei  Zierwerk  zu  verbrämen,  aber  bei
der  zunehmenden  Entwicklung  der  Ingenieurkunst  sah  man
gar  bald  ein,  daß  man  hiermit  auf  dem  falschen  Wege
war  und  daß  das  Eisenwerk  allein  Ausdruckskraft  genug
besitzt,  um  solcher  Ziermittel  entraten  zu  können.
Als  einziger  Rest  dieses  Bestrebens,  bei  modernen
Eisenbrücken  die  früheren  Ausdrucksmittel  zu  verwenden,
ist  die  Gepflogenheit  geblieben,  die  Eingänge  durch  massive

Torbauten  zu  betonen.  Hierbei  begeht  man  noch  immer
den  fundamentalen  Fehler,  auch  für  die  Einzeldurchbildung
dieser  Bauwerke  die  Vorbilder  bei  den  mittelalterlichen
Brückentürmen  zu  suchen.  Die  Wahl  der  Stilrichtung
wird  dann  zumeist  bestimmt  durch  diejenigen  Bauwerke
früherer  Jahrhunderte,  die  der  betreffenden  Stadt  ihr
architektonisches  Gepräge  verliehen  haben.  So  sehen  wir
an  den  Brückenbauten  zu  Magdeburg  die  Anlehnung  an
niedersächsische  romanische  Kirchenbauten,  in  Mainz  erkennen ­
  wir  die  Form  der  alten  Stadtbefestigungstürme
wieder,  und  so  hat  man  auch  geglaubt,  bei  den  für  Köln
geplanten  Brückenbauten  romanische  Bauformen  wählen
zu  müssen,  weil  eine  große  Zahl  seiner  berühmtesten
Kirchenbauten  der  Blütezeit  romanischer  Kunst  entstammt. ­
  Ist  schon  an  sich  nun  endlich  der  deutsche
Architekt  zu  der  Einsicht  gelangt,  daß  es  doch  in  gewissem ­
  Sinne  ein  Armutszeugnis  bedeutet,  die  Vollendung
seiner  Kunst  in  möglichst  getreuer  Nachahmung  der  Kunstformen ­
  vergangener  Stilepochen  zu  suchen,  daß  es  vielmehr ­
  schon  die  Selbstachtung  gebietet,  gleich  den  Meistern
früherer  Jahrhunderte  die  Sprache  seiner  Zeit  zu  sprechen,
so  tritt  bei  der  Verbindung  von  derartigen  Architekturwerken ­
  mit  den  Werken  der  Ingenieurkunst  noch  ein
andres  Moment  hinzu,  das  selbst  jeden  künstlerisch
empfindenden  Laien  das  Unrichtige  solchen  Beginnens
ohne  weiteres  erkennen  lassen  müßte.  Es  ist  dies  die
unvermittelte  Verbindung  der  Ausdrucksformen  zweier
weit  auseinander  liegenden  Zeiten.  Es  sollte  doch  nur
eigentlich  eines  kurzen  Hinweises  auf  den  inneren  Widerspruch ­
  bedürfen,  der  darin  liegt,  mit  einem  Werke,  das
so  sehr  der  Ausdruck  unsrer  Zeit  ist,  wie  eine  moderne
Eisenbrücke,  Nachahmungen  mittelalterlicher  Ritterburgen ­
  oder  Stadttore  zu  verbinden,  um  jeden  zu  der
Erkenntnis  zu  bringen,  daß  wir  hier  andre  Wege  ein-
            
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