Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

2. Januar 1909 
BAUZBITDNG 
5 
ist. Ein gut zusammengesetztes Preisgericht wird dann 
den richtigen Weg für die Prämiierung zu finden wissen, 
und die Klagen, man habe das Programm zu wenig bei 
der Beurteilung beachtet, werden wegfallen. Klatte. 
Die Schönheit der großen Stadt 
Unter diesem Titel hat der bekannte Schriftsteller 
August Endeil ein kleines Werk*) herausgegeben, das 
unsre Leser interessieren dürfte und zum „Sehen“ der 
Eigenarten der verschiedensten Bauwerke in verschiedener 
Umgebung und Beleuchtung anregen will. Nachstehende 
kurze Abschnitte sind dem Buche mit freundlicher Ge 
nehmigung des Verlags entnommen. 
Die große Stadt 
Die große Stadt, die sichtbarste und vielleicht eigen 
tümlichste Frucht unsers heutigen Lebens, die augen 
fälligste, geschlossenste Gestalt unsers Wirkens und 
Wollens, ist natürlich schon immer der Zielpunkt maß 
loser Angriffe gewesen. Die große Stadt erscheint als 
Symbol, als stärkster Ausdruck der vom Natürlichen, 
Einfachen und Naiven abgewandten Kultur, in ihr häuft 
sich zum Abscheu aller Gutgesinnten wüste Genußsucht, 
nervöse Hast und widerliche Degeneration zu einem greu 
lichen Chaos. Sie verdirbt die Menschen, die sie mit 
trügerischen Lockungen an sich zieht, entnervt sie, macht 
sie schwächlich, egoistisch und böse. Man höhnt den 
Städter, daß er keine Heimat habe. Man schilt die un 
sägliche Häßlichkeit der Städte mit ihrem wüsten Lärm, 
ihrem Schmutz, ihren dunkeln Höfen und ihrer dicken, 
trüben Luft. Man könnte solche Meinungsäußerungen 
auf sich beruhen lassen, wie so viele andre auch, wenn 
der Städter nicht selbst daran glauben wollte, wenn er 
nicht unter Heimat die niedrige Bauernhütte mit einem 
schimmernden Fenster im dämmernden Abend sich träumen 
wollte, die er so gut vom Theater her kennt; wenn nicht 
Tausenden von Menschen durch solches Beden unnütz 
das Dasein verkümmert würde. Man kann es ja für ein 
erstrebenswertes Ziel halten, daß die Städte vom Erd 
boden verschwinden. Vorläufig aber existieren sie und 
müssen sein, sollte nicht unsre ganze Wirtschaft in nichts 
zerfallen. Hunderttausende müssen in Städten leben, und 
statt ihnen eine ungesunde, hoffnungslose Sehnsucht ein 
zupflanzen, wäre es gescheiter, sie zu lehren, ihre Stadt 
erst einmal wirklich zu sehen und aus ihrer Umgebung 
so viel Freude, so viel Kraft, als eben möglich ist, zu 
schöpfen, sei es absolut genommen so wenig als es immer 
mag. — Man kann ohne weiteres zugeben, daß das Leben 
in unsern Städten anstrengender, ungesunder ist als in 
kleinen Orten und auf dem Lande. Man kann beklagen, 
daß der Städter dem Boden, den Pflanzen, den Tieren 
immer fremder wird und ihm damit viele Glücksmöglich 
keiten genommen sind. Man muß auch eingestehen, daß 
unsre Gebäude zum größten Teil trostlos lang 
weilig, unlebendig und dabei protzig und an 
maßend aussehen, aber daraus ergibt sich einmal die 
Aufgabe, die Bauart unsrer Städte entsprechend 
zu ändern, weiträumiger, anständiger, künst 
lerischer zu bauen, und die andre, rascher zu 
erfüllende, jene Mängel durch andres Genießen 
wieder wettzumachen. 
Denn das ist das Erstaunliche, daß die große Stadt 
trotz aller häßlichen Gebäude, trotz des Lärmes, trotz 
allem, was man an ihr tadeln kann, dem, der sehen will, 
ein Wunder ist an Schönheit und Poesie, ein Märchen, 
bunter, farbiger, vielgestaltiger als irgendeines, das je 
*) Verlag von Strecker & Schröder - Stuttgart. Preis des 
Heftes kartoniert BI. 1,60. 
ein Dichter erzählte, eine Heimat, eine Mutter, die täg 
lich überreich verschwenderisch ihre Kinder mit immer 
neuem Glück überschüttet. Das mag paradox, mag über 
trieben klingen. Aber wen nicht Vorurteile blenden, wer 
sich hinzugeben versteht, wer sich aufmerksam und ein 
dringlich mit der Stadt beschäftigt, der wird bald gewahr, 
daß sie wirklich tausend Schönheiten, ungezählte Wunder, 
unendlichen Reichtum, offen vor aller Augen und doch 
von so wenigen gesehen, in ihren Straßen umfängt. 
Die Stadt als Gestaltung 
Freilich in einem sind sie, mit den alten Städten ver 
glichen, arm, sie haben keine Form, keine Gestaltung. 
Die Straßen sind breiter geworden, die Häuser höher und 
umfangreicher, aber man hat die rohe wirtschaftlich 
technisch notwendige Form nicht lebendig zu machen 
verstanden. Die Straßen haben kein eignes 
Wesen, keine ihnen eigentümliche Art und 
Charakter. Die Plätze sind leere Bäume ohne 
Größe und ohne Form, die Häuser fügen sich 
den Straßen nicht ein, sie sind laut, aufdring 
lich und doch ohne Wirkung. Zwischen Haus und 
Straße findet sich kein Zusammenhang. So bedauerlich 
das ist, es kann nicht wundernehmen, wenn man bedenkt, 
daß in den letzten Jahrzehnten Technik, Industrie, Handel 
alle Kräfte der beweglich schöpferisch Begabten auf 
gesogen haben, und daß erst heute, wo das Neuschaffen 
auf jenen Gebieten etwas zur Ruhe kommt, auch für die 
künstlerische Gestaltung Kräfte frei werden, die langsam 
beginnen, das bewußt zu gestalten, was bis dahin Zufall 
und blinde Notwendigkeit achtlos und ohne Liebe gehäuft 
hatten. 
Die eiserne Brücke 
Zu dem Gewaltigsten, das ich kenne, gehört eine 
eiserne Brücke der Stettiner Bahn in Berlin. Langhin 
dehnt sich hinter dem Bahnhofe die den Damm be 
gleitende Straße, rechts eine Reihe fünfstöckiger Häuser 
ohne Balkons, flach, reizlos, formlos. Aber in der Ferne 
erhebt sich ein dunkles Ungeheuer. Denn dort wendet 
sich die Bahn ein wenig nach rechts und überschreitet 
die Straße auf 70 m langer Brücke. Die Straße senkt 
sich dort unter sie, so daß es aussieht, als ob die Brücke 
beinahe den Boden berühre, die schweren, riesigen Trag 
wände verschieben sich gegeneinander und bilden eine 
dunkle, springende Masse, die hart am letzten Haus vorbei 
führt und gegen es anzubrausen scheint. Wie ein Posaunen 
stoß scheint der schwarze, sich türmende, bewegte Berg; 
das Herz steht einem still, wenn man die ungeheure 
Wucht, die Leidenschaft, die Größe dieser ungeschlachten 
Masse erblickt. Nur eines könnte ich ihr vergleichen. 
Es war im Kieler Hafen. Die Panzer lagen in großen 
Abständen weit hinaus. Unter ihnen einer, der hatte 
alle Signalflaggen zum Trocknen ausgehängt; das war 
dasselbe leidenschaftliche, entsetzliche Brausen, vielleicht 
noch toller durch die wilden Farben, die in einem gellen 
den Rot ausklangen: das Ganze ein riesiger, blutroter 
Kamm vom Deck bis zur Mastspitze schwerfällig wehend, 
im Ungeheuern Kontrast zu den Riesenformen der Schiffe 
in ihrem schweigenden Grau. — Aehnlich gewaltig, aber 
zerrissener die großen Bogen des Gleisdreiecks der Hoch 
bahn, in dem seltsamen Gegensatz zu den dünnen, abstrusen 
Formen der Eisenkonstruktion. 
Dann ganz anders, glitzernd, fast spielerisch, und doch 
überwältigend, die Halle des Schlesischen Bahnhofes, die 
kolossale Dachfläche von 207 x54 m, gehalten von un 
zähligen, fadendünnen Eisenstangen, so dünn, daß man 
kaum ihren Zusammenhang verfolgen kann, daß sie die 
Augen beinahe schmerzhaft schneidend berühren. Ab 
scheulich als architektonische Wirkung, aber unvergleich 
lich, wenn ein feiner Nebel die weite Halle füllt und die
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.