Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-6,1909
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1909/169/
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BAUZEITUNG 
Nr. 21 
aus dem Weichbild der Ortschaft in den nächsten Bach 
oder Fluhlauf hinauszuschaffen. Neben den mechanisch 
beigemengten Stoffen gelangen so auch viele organische 
in die Kanäle und damit in den Vorfluter. Der Faul 
prozeh der letzteren ist damit in den Fluh verlegt. 
Weiche Verschmutzung die Abwasser einer Stadt 
wie Groh-Stuttgart übrigens auch ohne die Beimengung 
der Fäkalwasser in einem Fluh von der Größe des 
Neckars anrichten können, davon zeugen in erschreckender 
Weise die Zustände am Wehr bei Mühlhausen-Hofen. 
Leider ist das Ende dieses Zustands noch nicht abzu 
sehen, da über den Bau der Gesamtkläranlage von Groh- 
Stuttgart noch kein endgültiger Beschluh vorliegt. 
Was nun speziell das Wasserklosett betrifft, so 
begegnet man in Norddeutschland vielfach der obligatori 
schen Einführung der Schwemmkanalisation, d. h. es sind 
alle Gebäude mit Wasserklosetten versehen; die Folge davon 
sind die Klagen über die rasch zunehmende Verseuchung 
der Gewässer; jene kommen nicht zum Schweigen, bis 
die beteiligten Gemeinden die Klärung ihrer Kanal 
wasser in mechanischen oder biologischen Gesamtklär 
anlagen vorgenommen haben, was einen einmaligen 
groben Bauaufwand und erhebliche jährliche Unterhal 
tungskosten erfordert. 
In Württemberg mit seinem verhältnismähig kleinen 
Wasserreichtum wird man gut daran tun, etwas lang 
samer voranzugehen. Die meisten Ortsbaustatuten ent 
halten glücklicherweise die Bestimmung, dah die Ein 
leitung ekelhafter, schädlicher und übelriechender Flüssig 
keiten in die Ortskanäle verboten sei. 
Solange die Aufwendungen auf Kläranlagen, die zur 
Verhütung der Fluhverunreinigung nötig werden, noch 
so auherordentliche Opfer an die Gemeinden stellen, 
bleibt nichts übrig, als im allgemeinen an der bisherigen 
Verwendung der Fäkalien für den landwirtschaftlichen 
Betrieb festzuhalten, jedoch mit Fleiß darauf zu sinnen, 
wie das bisherige System den Anforderungen der Ge 
sundheit und des Anstandes anzupassen und zu ver 
bessern ist. 
Das Wasserklosett mit seinen unbestreitbaren Vor 
zügen, dessen man in vielen Fällen, namentlich bei öffent 
lichen Gebäuden und größeren Geschäftshäusern, nicht 
wird entraten können, wird dann durch den Bau einer 
geeigneten Hauskläranlage erkauft werden müssen. 
In dem Folgenden soll zunächst auf die Konstruktion 
der Hauskläranlagen näher eingegangen werden, wie 
sie sich in Stuttgart ausgebildet haben. Hier besteht 
die Vorschrift: es sei mit dem Fäkalwasser aus Wasser 
aborten auch das anfallende häusliche Abwasser zu rei 
nigen; auf den Hausbewohner werden 20 1 Abortwasser 
und 100 1 häusliche Abwasser, zusammen also 120 1 ge 
rechnet. 
Bei Geschäftshäusern, Fabriken, Schulen, Kanzleien 
u. s. w., die wenig oder gar keine Haushaltungsabwasser 
erzeugen, hat der Gebäudeeigentümer nachzuweisen, dah 
der Reinigungsanlage täglich die für eine gute bio 
logische Reinigung erforderliche Wassermenge zugeleitet 
wird. 
Das Wesen der Reinigung besteht bekanntlich 
in der Ausscheidung der mechanisch beige 
mengten sowie der im Abwasser gelösten 
Stoffe. 
Ersteres gelingt zum großen Teil durch das Absitzen- 
lassen bei Ruhe in besonderen Behältern; zu letzterem 
aber sind die sog. biologischen Körper erforderlich. 
Hierzu eignen sich Schlacke, Koks, Kies, harte Klinker, 
alles gut gesiebt und von Gries und Erdteilen befreit; 
Hochofenschlacke gehört zu dem Besten. Das in Schlacke 
und Koks enthaltene Eisen befördert die Oxydations 
vorgänge, d. h. den Zerfall der organischen Stoffe in die 
mineralischen Bestandteile. 
Der biologischeVorgangist wie folgt zu erklären; 
An der Oberfläche der einzelnen Brocken der Füll 
körper schlägt sich der größte Teil der gelösten or 
ganischen Bestandteile durch Absorptionswirkung nieder 
und wird festgehalten. Es bildet sich an diesen Brocken 
das Benetzungshäutchen, das sich mit Mikroorganismen 
und höheren Lebewesen bevölkert; diese zersetzen die 
absorbierten Stoffe unter Entfaltung einer außerordent 
lichen Tätigkeit. Sie bedürfen aber zu ihrer Existenz 
des Sauerstoffs. Angestellte Versuche unter Abschluß 
der Außenluft haben ergeben, dah die Füllkörper ein 
großes Bestreben haben, den Sauerstoff an sich zu reißen. 
Daraus erfolgt, dah der Zutritt sauerstoffreicher Luft 
zu dem Füllkörper eine wesentliche Bedingung ist. In 
dem Maße, wie die schleimigen Teile des Abwassers an 
der Oberfläche des Füllmaterials hängen bleiben und 
das Benetzungshäutchen sich entwickelt, vermehrt sich 
auch die Tätigkeit der Mikroorganismen und höherer 
Lebewesen; es wird immer mehr Sauerstoff nötig. Der 
biologische Prozeß leidet not, wenn die Zufuhr des er 
forderlichen Sauerstoffs unterbunden wird; er erlischt, 
wenn die Poren des Füllkörpers sich verstopfen, die 
Lebewesen sterben ab, die Zersetzungsvorgänge hören 
auf, der Füllkörper ist wirkungslos geworden und muß 
erneuert werden. 
Hiernach besteht die Hauskläranlage aus 
einer Sammelgrube, in der Regel aus zwei Teilen 
bestehend, und einer Oxydationsgrube. In der vor 
deren größeren Abteilung der Sammelgrube werden die 
meisten Sinkstoffe abgefangen, so daß in die kleinere 
zweite Abteilung nur noch die feineren Stoffe gelangen, 
um nochmals Gelegenheit zu haben, sich abzusetzen. 
Die Erfahrung zeigt, daß die menschlichen Auswurf 
stoffe bei genügender Verdünnung in der Sammelgrube 
sich zum großen Teile nebst den Papieren verflüssigen 
und vergasen, so daß die Beseitigung des Bodenschlamms 
aus den Gruben monatelang ausgesetzt werden kann. 
In der Sammelgrube beginnen die eingeführten Stoffe 
zu faulen; Fladen dringen unter Gasentwicklung an die 
Oberfläche und sinken wieder nieder; mit der Zeit be 
ginnt der aufgetriebene Schlamm eine „Schwimmdecke“ 
zu bilden; diese, bestehend aus Pflanzenresten, Papier, 
Haar und Fett u. s. w. ist von einer Schimmelvegetation 
durchwuchert, in der allerlei Würmer, Insektenmaden 
und Fliegen lebhaft gedeihen. Zu bestimmten Zeiten 
stirbt der Schimmel ab, die Schwimmdecke wird bröcklig 
und sinkt als krümelige, nicht mehr fäulnisfähige Masse 
zu Boden. 
Bei der Einführung der Abwasser in die Kläranlage 
und der Ueberleitung von Grube zu Grube ist sonach 
zu beachten, daß die Ruhe in den Sammelgruben mög 
lichst wenig gestört wird, daß die Fäulnisgase entweichen 
können und daß die Schwimmdecke nicht mit abschwimmt.
        

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