Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-6,1909
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1909/294/
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BAUZEITUNG 
Nr. 36 
Ludwig statt, welche aber eine Einigung nicht herbei 
führte. Bei dieser Verhandlung waren außer den Ver 
tretern der Baugeschäfte auch solche der vereinigten 
Tiefbauunternehmer zugegen. 
Mit der Zusage einer Lohnaufbesserung und eines 
Tarifvertrags für das kommende Jahr nicht zufrieden, 
begann der Zentralverband der Bauhilfsarbeiter den 
Kleinkrieg und verhängte am 21. August d. J. die Sperre 
über die Betriebe der Bauwerkmeister Jos. Mayer und 
C. Behringer hier. Nebenbei gefielen sich die Arbeiter 
führer, die boykottierten Arbeitgeber in Nr. 196 der 
„Schwäb. Tagwacht“ auf das ordinärste zu verhöhnen. 
Daß sich die Meisterschaft gegen ein solches Vor 
gehen der Arbeitnehmer auf das entschiedenste wehren 
mußte, wird außer den zielbewußten Genossen keinen 
Menschen wundern. 
Am 25. August d. J. richtete der Ausschuß des Ar 
beitgeberbundes für das Baugewerbe, Landesverband 
Württemberg, ein Schreiben an den Zentral verband der 
Bauhilfsarbeiter. Nachdem auf die Verhandlungen auf 
dem Rathaus am 13. August d. J. hingewiesen worden, 
heißt es in diesem Schreiben: 
„Der Vorschlag des Vorsitzenden des Baugewerke 
vereins, daß er die Meisterschaft zu bewegen suchen 
werde, denjenigen Tagelöhnern, welche zurzeit 40 Pf. 
oder weniger Stundenlohn haben, eine ihren Leistungen 
entsprechende Aufbesserung zu gewähren, wurde von 
Ihnen ^bgelehnt, ebenso der zweite Vorschlag der Arbeit 
geber, für dieses Jahr eine Aufbesserung von 1 Pf. pro 
Stunde zu empfehlen. Die Ablehnung dieser Vorschläge 
erfolgte Ihrerseits auf Grund einer von Ihnen aufgestellten 
(erdichteten) Lohnstatistik, wonach der zurzeit bezahlte 
Durchschnittslohn für Tagelöhner 42,3 Pf. betrage, wo 
gegen die statistische Zusammenstellung der Arbeitgeber 
des Baugewerkevereins einen Durchschnittslohn von 40 Pf. 
aufweist. Allerdings erhält eine erhebliche Anzahl Tage 
löhner (ca. 220) zurzeit von 42—45 Pf. pro Stunde, ein 
Beweis, daß die Meister gerne denjenigen Arbeitern 
einen höheren Lohn bezahlen, deren Leistungen zufrieden 
stellend sind, nicht aber solchen, deren Können und 
guter Wille alles zu wünschen übrigläßt. 
Aus diesem Grunde konnte auch Ihrem Vorschlag, 
eine allgemeine Lohnaufbesserung von 2 Pf. pro Stunde 
dieses Jahr noch zu gewähren, nicht zugestimmt werden 
und ist dieses Verlangen auch von den Meister Versamm 
lungen des Baugewerkevereins und der Tiefbauunter 
nehmer, wie Ihnen mitgeteilt, abgelehnt worden. Da 
die Herren Behringer und Mayer der vorerwähnten Ab 
lehnung zustimmten, so waren sie auch nicht in der Lage, 
den Forderungen der Tagelöhner von sich aus stattzugeben, 
um so weniger, als die streikenden Tagelöhner auf Anfrage 
erklärten, daß sie mit dem Lohn ganz zufrieden seien 
und gerne arbeiten würden, wenn sie dürften. 
Ein Verschulden an der verhängten Sperre kann 
unsern Mitgliedern nicht zur Last gelegt werden, deshalb 
haben wir auch die Verpflichtung, diese beiden Mitglieder 
vor den Ihrerseits beliebten Maßregelungen zu schützen. 
Ehe wir aber Ihrem Angriff entgegentreten, ergeht hier 
durch die Aufforderung an Sie, die beiden verhängten 
Sperren aufzuheben und den Zuzug von Tagelöhnern zu 
den Betrieben der Herren Behringer und Mayer frei 
zugeben. 
Einer diesbezüglichen Erklärung Ihrerseits sehen wir 
bis Freitag, den 27. er., mittags 12 Uhr, entgegen, andern 
falls wir ohne weiteren Verzug die uns geeignet er 
scheinenden Gegenmaßregeln in die Wege leiten werden.“ 
Darauf erfolgte Freitag vormittag die Antwort des 
Zentralverbandes der Bauhilfsarbeiter, die dahin ging, 
daß eine Vertrauensmännersitzung vom 27. August d. J. 
die erwünschte Erklärung abzugeben vorläufig nicht in 
der Lage sei und daß weitere Nachricht dem Arbeit 
geberbunde zugehen werde. 
Diese ausweichende Stellungnahme wurde einer am 
Freitag abend, den 27. August d. J., stattgehabten außer 
ordentlichen Generalversammlung des Landesverbandes 
mitgeteilt. Auf die Weigerung, die Sperren aufzu 
heben, erklärte sich die Meisterschaft, wie es sich ge 
hörte, mit den boykottierten Meistern solidarisch und 
beschloß einmütig, die, organisierten Tagelöhner von 
Samstag den 28. August ab auszusperren, und 
verfügte weiter, daß die nicht der Organisation ange- 
hörigen und in Arbeit verbleibenden Arbeiter folgende 
Erklärung zu unterzeichnen hätten; 
„Der Unterzeichnete erklärt durch seine Unterschrift, 
daß er dem Zentral verband der Bauhilfsarbeiter 
nicht angehört und daß er sich an der Lohn 
bewegung dieses Verbandes nicht beteiligt.“ 
Die vor Ausbruch der Differenzen von der Meister 
schaft, soweit sie dem Baugewerke angehört, angestellte 
statistische Erhebung der bei den Mitgliedern in Arbeit 
stehenden Tagelöhner ergab eine Kopfzahl von 496 Mann. 
Die vorstehende Erklärung haben bis heute unter 
schrieben 434 Mann — ein für uns nicht überraschendes 
Resultat. 
Rechnet man von diesen 62 Ausgesperrten noch einen 
Teil derjenigen ab, welche, obgleich der Organisation 
nicht angehörend, die Unterschrift aus Sympathie ver 
weigerten, so bleiben keine 50 organisierte Tage 
löhner, welche, was nicht verwunderlich ist, zurzeit die 
niedrigsten Löhne bekommen. 
Da die Bautätigkeit in recht kurzer Zeit ihr Ende 
für das laufende Jahr gefunden haben wird, so kann 
sich die Meisterschaft vollends ohne diese Elitetruppe 
behelfen. 
Kleine Mitteilungen 
Württ. Kunstverein Stuttgart. Neu ausgestellt; 
Kollektion belgischer Künstler: Gemälde von J. Brouvers, 
F. Charlet, H. Courtens, Henri Degroux, Ch. von den 
Eycken, James Ensor, Lucien Franck, Rieh. Heintz, 
Jos. Horenbout, M. Hagemans, Armand Jamar, Adolphe 
Keller, Eugene Laermans, Jean le Majem, J. Middeleer, 
L.Reckelbus, E. Rombout, Frz.Vandamme, Carles Watelet, 
Henri Wurth, Jul. Wytsman, Rud. Wytsman u. s. w. 
Stuttgart. Am 30. August wurde der umfangreiche 
Neubau des städtischen Schlacht- und Viehhofs 
in Gaisburg feierlich eröffnet und dem Betrieb übergeben. 
Diese großartige Anlage, die einen Kostenaufwand von 
acht Millionen und eine Bauzeit von drei Jahren er 
forderte, ausgestattet mit den neuesten konstruktiven und 
maschinellen Einrichtungen, umfaßt in sieben durch Ein 
friedigungen getrennten Abteilungen mehr als dreißig 
Einzelgebäude. Dem Bauprogramm gemäß ist für sie 
eine Einwohnerzahl von 380000 Köpfen zugrunde gelegt, 
sie ist aber erweiterungsfähig bis zu einer halben Million 
Einwohner. Wir behalten uns vor, in einer Sondernummer 
eine eingehende bildliche und textliche Darstellung der 
neuen Schlacht- und Markthallen zu bringen. 
Das Kunstgewerbemuseum in Berlin hat bis 
Ende September eine Sonderausstellung von Arbeiten 
aus den kunstgewerblichen Meisterkursen des 
Bayrischen Gewerbemuseums in Nürnberg in den vorderen 
Ausstellungssälen veranstaltet. 
Personalien 
Baden. Entlassen: der Inspektionsbeamte bei der General 
direktion der Staatseisenbahnen Bahnbauinspektor A. Stauffert, 
auf sein Ansuchen. 
Verantwortliche Schriftleitung: Chefredakteur und Herausgeber Adolf Fausel. 
Architekt W. Klatte, beide in Stuttgart. Druck : Deutsche Verlags-Anstalt in Stuttgart.
        

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