Title:
Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen
Shelfmark:
XIX/1085.4-6,1909
PURL:
https://digibus.ub.uni-stuttgart.de/viewer/object/1499766280559_1909/300/
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BAUZBITUNö 
Nr. 37 
in der Weise zu fördern, daß ihm die Verwertung seiner 
Schutztitel erleichtert und tunlichst kostenlos gemacht 
wird. Ob und in welchem Maße dieser Versuch sich zu 
einem Erfolg gestalten wird, kann mit Sicherheit nicht 
vorausgesagt werden, da Erfahrungen auf diesem Gebiet 
fehlen. Die Kgl. Zentralstelle hat die Fragen des Be 
dürfnisses und der Durchführbarkeit dieses Planes mit 
einer Anzahl der angesehensten Patentanwälte Deutsch 
lands beraten und will auf Grund dieser Beratung, in 
welcher beide Fragen bejaht worden sind, am Anfang 
nächsten Jahres zum ersten Male eine staatliche Aus 
stellung für diesen Zweck veranstalten. Die Veranstaltung 
soll dem Erfinder nur geringe Kosten verursachen, welche 
lediglich zur Deckung der Selbstkosten der Behörde be 
stimmt sind, und es sollen gänzlich unbemittelte Erfinder 
kostenfrei ausstellen dürfen. 
Die gesamte Einteilung und Einrichtung der Aus 
stellung und die Entscheidung über die Aufnahme der 
Modelle, in gewissen Fällen auch von Zeichnungen, soll 
in den Händen der Ausstellungsleitung liegen. Die 
Ausstellung wird wohl einen recht nüchternen Anstrich 
erhalten, anderseits aber auf der denkbar ernsthaftesten 
Grundlage beruhen, was nach Ansicht maßgebender Sach 
verständiger — und auch Graf Zeppelin gehört zu den An 
hängern der Bestrebungen der Kgl. Zentralstelle auf diesem 
Gebiet — das wichtigste ist. Die Aufforderung zur Ein 
reichung von Anmeldungen wird binnen kurzer Zeit ergehen. 
Die neue Bauordnung in der Ersten 
Kammer 
v. 
Zum Art. 25. 
Derselbe bestimmt die Gebäudehöhen und wurde 
gegenüber den Beschlüssen der Zweiten Kammer wesent 
lich erweitert. Die fundamentale Bestimmung: „Höhe 
= Straßenbreite“ blieb nach wie vor bestehen, und dürfte 
der Artikel in dieser Hinsicht in sachlich urteilenden 
Technikerkreisen auf keinen großen Widerstand stoßen. 
An den näheren Bestimmungen ist folgendes kritik- und 
änderungsbedürftig: 
Der erste Teil des Abs. 4 sorgt, daß die nach 
bisherigem Recht erlaubten Manipulationen mit dem 
Herunterziehen der Dach 
traufe als des Maßes der 
Gebäudehöhe aufhören; 
er nimmt aber ander 
seits einer Jahrhunderte 
hindurch sich praktisch 
und ästhetisch bewährten 
Dachform die Lebens 
fähigkeit, was von einer 
Staatsgewalt vermieden 
werden sollte. 
Nebenstehende Skizze 
zeigt, daß bis jetzt bei 
Punkt C die zulässige 
Gebäudehöhe gemessen 
wird; künftig soll dieselbe 
bei Punkt A gemessen 
werden. Daß in diesem 
letzteren Falle die weiche 
Dachausgleichung einem 
Höhengewinn von etwa */ 2 m geopfert wird, darf als sicher 
angenommen werden. Dabei gewinnt die Hygiene aber gar 
nichts; dagegen verlieren Aesthetik und Konstruktion 
wesentlich; es dürfte sich deshalb empfehlen, diese Vor 
schrift derart zu fassen, daß die zulässige Gebäudehöhe 
bei Punkt B gemessen wird. 
Ferner sollte der nunmehr von 55 0 auf 60 0 erhöhte 
Dachneigungswinkel nicht in einer Höhe von 4 m ge 
brochen werden. Eine Bauordnung darf auf die Gestalt 
der Gebäude nicht mit solch dominierenden Linien, wie 
Dachbrüche es sind, eiuwirken, vollends wenn damit ge 
rechnet werden muß, daß die nunmehr sehr stark redu 
zierte Baumöglichkeit in der Regel ausgenutzt werden 
wird. 
Ich habe mich seinerzeit gegen den 55 °-Winkel ge 
wendet und den 60°-Dachwinkel verlangt lediglich der 
bequemen Handhabung des letzteren wegen in Verbin 
dung mit der geringen — theoretischen — Differenz. 
Einen eigentlichen Fehler aber bildet solch ein Winkel 
als baupolizeiliche Grenzlinie eines Gebäudes nicht. Da 
gegen muß das aus nachstehender Skizze ersichtliche, von 
der Ersten Kammer beschlossene mansardendachartige 
Dachprofil als Fehler einer Bauordnung bezeichnet werden, 
auch wenn es in der Anhalter Bauordnung angewendet 
ist. Es wäre deshalb nunmehr zu wünschen, daß in 
dieser Sache der Beschluß der Zweiten Kammer wieder 
hergestellt wird, insofern der Durchführung der 60°- 
Dachneigung zuviel theoretische Widersprüche entgegen 
stehen sollten. 
An den zur Zeit des Inkrafttretens dieses Gesetzes 
schon her gestellten Ortsstraßen soll der Orts 
bausatzung noch größere Milderung der Vorschriften ge 
stattet werden; auch sollte der Begriff genau präzisiert 
werden, was „hergestellte Orlsstraßen“ sind. 
Die Zahl der Stockwerke in Gebäuden, die zum 
längeren Aufenthalt von Menschen dienen, auf vier in 
klusive des Erdgeschosses zu beschränken, erscheint un 
modern im Hinblick darauf, daß gesunde Räume bei dem 
heutigen Stand unsrer Technik mit dem vervollkommneten 
vertikalen Transportsystem auch in mehrstöckigen Ge 
bäuden geschaffen werden können. An den Zentralen 
des Verkehrs in großen Städten sollte die Zahl der Stock 
werke nicht bestimmt werden; es würden dort in der 
Tat bei der zulässigen Höhe von 20 m sich Stockhöhen 
von annähernd 5 m ergeben. Diese .unsinnig hohen 
Räume könnten den mit der Beschränkung zunehmenden 
Egoismus zu extremen Ausnutzungsmitteln solcher Räume 
veranlassen, was in hygienischer und moralischer Rich 
tung nicht wünschenswert wäre. 
Auch die Höhe der Hintergebäude ist nunmehr ge 
setzlich geregelt. Nachdem das Gesetz so weit aus 
gedehnt worden ist, sollte auch vollends der Abs. 2 des 
Art. 25 b auf diesem Wege geregelt werden. Eben bei 
diesen näheren Vorschriften über die Art der Bemessung 
der Gebäudehöhen und der Berechnung der Stockwerks 
zahl dürfte die Anschauung der Abgeordneten von Wert 
sein. Die Erledigung dieser Frage übt eine sehr starke 
wirtschaftliche Wirkung aus. Max Mueller.
        

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