Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

23. Januar 1909 
BAUZB1TUNG 
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zeit auf dem Lande strichweis wie eine Epidemie auf 
tretenden Dachdeckungen mit farbigen Zementziegeln in 
allen möglichen Mustern, Jahreszahlen und Buchstaben. 
Man sollte keine Gelegenheit yorübergehen lassen, den 
Landbewohner auf die Häßlichkeit dieser Eindeckungsart 
aufmerksam zu machen, denn es liegt hier zunächst nur 
eine Verbildung des Geschmacks vor. Unsre schönen 
roten Biberschwänze werden in so guter Qualität her 
gestellt und haben sich jahrhundertelang bewährt, daß, 
wenn nicht ganz besondere Gründe maßgebend sind, von 
der Verwendung der schon in ihrer Größe auf dem Dach 
ungünstig wirkenden Zementziegel abgesehen werden 
sollte. Ich sprach kürzlich einen Zementwarenfabrikanten, 
dessen Zementplatten zur Deckung eines Gemeindebaues 
vorgesehen waren, und versuchte ihm die vielen sonstigen 
Verwendungsmöglichkeiten des Zements im Hausbau zu 
zeigen. Schließlich einigten wir uns dahin, daß er Beton- 
Aufgaben zeugt, die eine Behörde auch in dieser Be 
ziehung hat: 
Kgl. Oberamt Sulz. 
Den 12. August 1908. 
Der Unterzeichnete hält es im Interesse der äußeren 
Ausgestaltung des Bezirks für seine Aufgabe, auf eine 
in einzelnen Gemeinden mehr und mehr zutage tretende 
Geschmacksverwirrung hinzuweisen, die darin besteht, 
daß die Dächer der Gebäude aus Zementplatten her 
gestellt werden, die in den verschiedensten Farben, im 
buntscheckigsten Durcheinander prangen. Bald sind es 
Spitzenmuster, bald Kreuze und sonstige Figuren, die auf 
den Dächern dem Beschauer entgegentreten, bald wieder 
Jahreszahlen, Namen oder die Anfangsbuchstaben der 
Namen der Gebäudebesitzer. Daß dadurch aber die 
Harmonie des Ortsbildes in gewaltsamer Weise durch- 
Sommerberghotel in Wildbad 
Architekt Th. Preckel-Pforzheim 
pfeiler für Treppengeländer, Zementrohre für die Ent 
wässerung, Treppenstufen und Bodenplatten lieferte und 
dafür gern auf die Dachdeckung verzichtete. Auf meine 
Frage, ob er denn die gemusterten Zementdächer für 
schön hielte, kam die Antwort, daß solche Dächer auch 
in seinen Augen sehr häßlich seien. Er würde sie gar 
nicht so eindecken, wenn es nicht absolut verlangt 
würde. Die Hausbesitzer wollen sich in der Musterung 
und Farbe geradezu überbieten. Naturgemäß müssen 
da ganze Gebäudegruppen verunstaltet werden, und wir 
finden besonders in den neuen Straßen der Ortschaften 
mit einer Industriebevölkerung ganz trostlos farben 
schreiende Dachflächen. Hier sollten Pfarrer und 
Lehrer, Schultheiß und Behörde einwirken, solchen 
Verunstaltungen ein Ende zu machen, denn sie sind 
in erster Linie dazu berufen, dem Unverstand ent 
gegenzutreten und den freundlichen Eindruck unsrer 
Stadt- und Dorfbilder zu erhalten. Es sei auf nach 
stehende Bekanntmachung des Oberamtmanns in Sulz 
verwiesen, die von außerordentlichem Verständnis der 
brochen und dasselbe auf ferne Zeiten gröblichst ver 
unziert wird, bedarf einer weiteren Ausführung nicht. 
Wenn die schönen roten alten Ziegeldächer einzelnen 
nicht mehr schön genug erscheinen oder die Verwendung 
von Zementplatten aus sonstigen Gründen vorgezogen 
wird, so möge wenigstens darauf gesehen werden, daß 
die Zementdachsteine einfarbig gehalten werden. In 
weniger auffälliger Weise zeigt sich die gerügte Ge 
schmacklosigkeit auch bei den Gebäudeverschindelungen; 
auch hier sollten die scheckigen Muster wegbleiben und 
die an sich im Rahmen des Landschaftsbildes nicht un 
schön wirkenden praktischen Schindelschirme eine ein 
heitliche, nicht zu grell hervortretende Farbe zeigen. 
Oberamtmann Hamann. 
Die Ausführungen vorstehender Bekanntmachung 
werden am besten durch die beiden Abbildungen illu 
striert, zu denen ein weiterer Kommentar überflüssig ist. 
Obiger Bekanntmachung ist eine ähnliche im Oberamt 
Oberndorf gefolgt, und es wäre eine weitere Verbreitung 
dieser Ratschläge sehr wünschenswert. Klatte.
	        

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