Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

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BAÜZBITUNG 
Nr. 60 
Abb. 6. Brausebad in Chemnitz 
digen Abbruch (Juli 1908) festgestellt worden. Um es 
gleich hier zu sagen, die Bauunternehmung hatte sich 
damit begnügt, die unteren Flanschen der Blechträger 
mit ihren zum Teil vollen Nietköpfen unmittelbar auf 
die Auflagerquader (Sandsteine) zu legen, so daß hohle, 
das ganze Lager durchsetzende Fugen entstanden und 
Lasten bis zu 50 und 60 t auf ein paar Nietköpfen kon 
zentriert waren. Daß ein solches Verfahren jeder kunst 
gerechten Anordnung spottet, bedarf keiner weiteren 
Worte, zumal wenn es sich um schlanke, mit rund 
12 kg/qcm belastete Backsteinpfeiler, die die Last zu 
tragen hatten, handelt (Fig. 4). 
Der von uns in der Hauptverhandlung geschilderte 
Vorgang beim Einsturz (vgl. auch Nr. 28 dieses Blattes) 
stützte sich nicht in erster Linie auf eine statische Unter 
suchung, die natürlich auch unter verschiedenen Voraus 
setzungen graphisch und analytisch durchgeführt wurde, 
sondern in erster Linie auf untrügliche, tatsächliche Er 
hebungen. Insbesondere zeigten die Abbiegungen der 
Laschen, mit welchen der rund 100 Ztr. schwere Blech 
träger D Q, der zuerst zu Fall kam und alles andre mit 
sich riß, mit den seitlichen ünterzügen verbunden war, 
den Vorgang bei der Einleitung des Sturzes mit der 
Ueberzeugungskraft einer Momentphotographie. Der 
Träger ist nicht einfach am südlichen Trägerende D 
senkrecht in die Tiefe gestürzt, sondern er hat vorher 
eine stark ausgesprochene meßbare Drehung um den 
Punkt K, wo die seitlichen Unterzüge an den Blech 
träger angenietet waren, wie dies punktiert in Fig. 5 
schematisch angedeutet ist, vollzogen. Diese mit großer 
Kraft eingeleitete horizontale Drehbewegung reichte aus, 
das nördliche Ende des Trägers aus der ümmauerung 
in westlicher Richtung herauszureißeu. Ein neben dem 
Abb. 7. Volksbad mit Desinfektion in Magdeburg 
(Die äußere Gestaltung ist keine glückliche) 
Träger (siehe Fig. 5 Punkt x) auf einem Bockgerüste 
stehender italienischer Maurer verdankt lediglich dieser 
Drehbewegung des Blechträgers sein Leben: er wurde von 
ihm vor die Brust geschlagen und in den westlichen, nicht 
eingestürzten Teil des Hauses geschleudert, wo er schwer 
verletzt geborgen werden konnte. Der Träger selbst fiel in 
der punktiert angegebenen Lage, das südliche Trägerende 
voran, bis hinab auf die Kellersohle, die drei massiven 
Decken der darunterliegenden Stockwerke durchschlagend. 
Es würde zu weit führen, alle diese Annahme stützenden 
Beobachtungen hier aufzuführen, aber es war diese Er 
klärung die einzige, welche nicht mit erwiesenen Tat 
sachen und einwandfreien Zeugenaussagen in Widerspruch 
gerät, mit der rechnungsmäßigen üeberlastung der Pfeiler 
kante a (Fig. 4) infolge der Exzentrizität der Belastung 
übereinstimmt und damit den Vorgang in ungekünstelter 
Weise verständlich macht.*) 
Eine Kontroverse ist in der Hauptverhandlung zwischen 
den gerichtlichen und den von Herrn Woltz beigezogenen 
Sachverständigen über den Einfluß der Versetzung der 
Fensterachsen — abgekürzt die „Stelzenform des Pfeilers“ 
genannt — auf die Beanspruchung des eingestürzten 
Pfeilers D entstanden. Herr Woltz läßt Prof. Mörsch 
sagen, „daß der Stelzenform gar keine Schuld beizu- 
messeu sei“. In dieser Bestimmtheit hat sich zwar 
Mörsch unsers Erinnerns nicht ausgesprochen; er käme 
damit auch in vollen Widerspruch mit Dr. Frank, der 
von der Stelzenform, „der Spaltung des Pfeilers D vom 
zweiten Stock an“ eine exzentrische Belastung des Pfei- 
*) Ich behalte mir vor, zu gelegenerer Zeit auf die statische 
Untersuchung des Pfeilers D im Verein für Baukunde des näheren 
einzugehen.
	        

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