Volltext: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

11. Dezember 1909 
BAUZEITUNG 
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lers D unterhalb der Decke des ersten 
Stockes ableitete. Letzterer hat zwar 
mit einer solchen Exzentrizität gerechnet, 
aber hierbei Voraussetzungen über die 
Güte des Pfeilermauerwerks gemacht, die 
in Wirklichkeit zweifellos nicht vorhanden 
waren und auch von Herrn Woltz nicht 
zugegeben werden. Aber auch selbst 
mit diesen günstigen Annahmen*) kommt 
er zu dem Schluß, daß durch die Stelzen 
form „eine wenn auch nicht wesent 
liche Vermehrung“ der Druckspannungen 
im Pfeiler D, und zwar im Punkt a statt 
gefunden habe. 
Daß die Stelzenform bei Pfeilern im 
Hochbau häufig vorkommt, und daß es 
Mittel gibt, ihren Einfluß nach der Seite 
der Exzentrizität gänzlich auszuschalten 
und wirkungslos zu machen,**) war 
natürlich den gerichtlichen Sachverstän 
digen ebensogut bekannt wie die Tatsache, 
daß im vorliegenden Fall alle und jede 
Vorkehr nach dieser Richtung — auch 
die einfachste, die Unterlage einer den 
Druck zentrierenden Eisenplatte — unter 
lassen worden war, und daß dadurch 
andre, d. h. ungünstigere Bedingungen 
für den tragenden Pfeiler D geschaffen 
wurden. Es hat aber keinen Sinn, in der 
die Sicherheit verbürgen sollenden stati 
schen Berechnung anzunehmeu, daß der 
konzentrierte Auflagerdruck gleichmäßig 
sich über den Pfeilerquerscbnitt verteile und in der 
Ausführung für die Erfüllung dieser Berecbnungsan- 
nahme keine Vorkehrung zu treffen. 
Die Stellung der gerichtlichen Sachverständigen zu 
dem Kausalzusammenhang zwischen der schlechten Aus 
führung und der Stelzenform des Pfeilers einerseits und 
dem Einsturz anderseits mag aus folgendem Auszug aus 
ihrem ersten Gutachten entnommen werden; sie hatten 
auch in der Hauptverhandlung keine Veranlassung, hier 
von abzuweichen; 
„Wenn wir das Vorstehende zusammenfassen, so 
stimmen die Zeugenvernehmungen, die durch die Photo 
graphien und den gerichtlichen Augenschein erhobenen 
Tatsachen und die statische Berechnung der Konstruktion 
dahin überein, daß mit einer an Gewißheit grenzenden 
Sicherheit die Ursache des Unglücks in der mangel 
haften, kunstwidrigen Ausführung des Pfeilers D zu er 
kennen ist; daß auch die ungünstige, stelzenartige Ge 
staltung des Pfeilers, allerdings in untergeordneter Weise, 
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IV. S. 
Abb. 9. Thermalschwimmbad in Müllheim 
mitgewirkt hat, läßt sich nicht bestreiten, doch läßt sich 
so viel sagen, daß dieser Umstand allein, sofern nur die 
übrigen ausschlaggebenden, schädlichen Momente bei der 
Ausführung ferngehalten worden wären, keine Gefahr für 
den Bestand des Hauses in sich geschlossen hätte. Die 
Druckspannungen hätten sich allerdings um einige Kilo 
gramm über die von der Baupolizeibehörde als zulässig 
anerkannte Grenze hinaus gesteigert, aber ein Zusammen 
bruch des Pfeilergemäuers wäre hierdurch nicht verur 
sacht worden. Die Schädlichkeit der stelzenförmigen 
Gestalt des Pfeilers D tritt bei richtiger Anordnung des 
Auflagers nur wenig, bei unrichtiger allerdings verstärkt 
in Erscheinung.“ 
In ihrem späteren Gutachten vom Juni dieses Jahres 
sprechen sich die gerichtlichen Sachverständigen noch 
mals über diese Frage wie folgt aus: „Wir weisen die 
Schuld des Einsturzes teils der Stelzenform und der da 
durch bedingten exzentrischen Belastung, teils den Aus 
führungsfehlern (unsachgemäße, liederliche Arbeit) zu, 
unterlassen es aber absichtlich, die Größe der 
zwei mitwirkenden, kausalen Faktoren anzugeben, 
weil wir der Meinung sind, daß eine solche Fest 
stellung genau nach Zahl und Maß weder wissen 
schaftlich möglich noch von irgendwelcher gericht 
lichen Beweiskraft wäre.“ 
*) Z,um Beispiel die Voraussetzung, daß das Gewicht des 
Pfeilers oberhalb dem Auflager D zentrisch auf den Teil unter 
halb desselben eingewirkt, daß das Pfeilermauerwerk aus einem 
zusammenhängenden, homogenen, gleichmäßig elastischen 
zug- und druckfähigen Material bestanden habe, daß der 
von ihm als biegungsfest angenommene Pfeiler sich nach 
einer elastischen Linie krümme, die in Höhe der Deokenunter- 
züge lotrechte Tangenten aufweise u. s. w. 
**) Für den Wiederaufbau des eingestürzten Hauses nach 
den alten Plänen hatte die Bauleitung nachträglich eine Detail 
zeichnung im Maßstab 1:10 anfertigen lassen, die in einwand 
freier Weise für eine gleichmäßige, zentrische Druckübertraguug 
auf den Pfeilerquerschnitt Sorge trug.
	        

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