Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

60 
BAÜZE1TUNG 
Nr. 8 
Blick auf die Ulmer Stadtmauer Verlag von Albert Naumann-Ulm 
Blauläufen, welche durch die Stadtmauer hindurch der 
Donau zufließen, all das bietet eine Fundgrube von be 
merkenswerten Ansichten, deren Erhaltung aller Mühe 
wert ist. Schon mehrfach drohte freilich die Störung 
dieser vielbewunderten Einheit. Das Projekt, große 
öffentliche Gebäude, wie ein Justizgebäude, ein Schul 
haus, an die Stadtmauer zu legen, tauchte verschiedene- 
mal auf, wurde aber immer wieder einmütig von der 
Ulmer Stadtverwaltung abgelehnt. Als ein Kaufhaus in 
der Nähe der Brücke, von der Herdbruckerstraße durch 
greifend, mit einer modern in Zement und Backstein aus 
geführten Fassade mit Mansardendach die Stadtmauer 
front entstellte, ruhte die öffentliche Stimme nicht, bis 
ein Umbau diese Abnormität beseitigte und eine ent 
sprechende Ansicht geschaffen war. 
Das neueste Projekt für eine größere Veränderung an 
der Stadtmauer geht dahin, an Stelle des Quartiers 
zwischen Rathaus und Metzgerturm, dessen viele kleine 
Anwesen die Stadtgemeinde an sich gebracht hat, unter 
Erhaltung des alten Turms und in architektonischer Ver 
bindung mit demselben ein Stadtbad zu erbauen. Die 
Aufgabe, diesen Gebäudekomplex in den Rahmen des 
wundervollen alten Stadtbilds hineinzustellen, dürfte zu 
den schwierigsten architektonischen Arbeiten gehören. 
Auch die längst aufgetauchte Absicht, an Stelle des 
Stadtmauergangs eine Uferstraße zu erbauen, wird mit 
der weiteren Entwicklung der Stadt Gestalt gewinnen. 
Im Westen entsteht rasch ein neues Baugebiet, das neben 
einer zahlreichen Arbeiterbevölkerung auch Militär sowie 
Angehörige der höheren Stände aufnimmt. Von dort 
entwickelt sich ein immer wachsender Verkehr gegen 
Osten zum Stadtpark in der Friedrichsau und zu den 
schönen Geländen der Böfinger Halde, der mit der Zeit 
nicht mehr durch die engen Straßen der Altstadt geleitet 
werden kann. Hier bietet die neue Verkehrsstraße entlang 
der Donau eine willkommene Gelegenheit zur Entlastung. 
Aber auch der Aufschluß des alten Stadtgebiets gegen Süden, 
wo bis jetzt jeder Verkehr, der nicht zum Wasser geht, 
ein Ende nimmt, erfordert dringend die Anlegung einer 
hochwasserfreien Fahrstraße entlang der Donau. Freilich 
muß hiermit, und das ist der wunde Punkt, die alte 
Stadtmauer in ihrer gegenwärtigen Lage und Beschaffen 
heit größtenteils verschwinden. Um Raum für Neubauten 
an der Innenseite zu gewinnen, muß die neue Straße 
mehr gegen die Donau gerückt werden und damit einen 
Teil [des Vorlandes in Anspruch nehmen, dessen Rest 
noch dem Ländeverkehr, hauptsächlich für Kiesmaterial, 
dienen muß, und für den die alten Zufahrten zur Stadt 
unter der neuen Straße hindurch offen erhalten werden 
müssen. Das Projekt hat somit auch die Schiffahrts 
interessen zu berücksichtigen, die später, wenn die Donau 
einmal kanalisiert sein wird, in Ulm eine große Rolle 
spielen werden. 
Eine besondere Eigentümlichkeit der Aussicht von 
dem hochgelegenen Mauergang und nicht deren ge 
ringste Schönheit bildet der Einblick in das Quartier 
„Unter den Fischern“. Außerhalb der sog. Staufenmauer, 
deren Reste mit ihren Buckelquadern am Fuß des Wein 
hofs in der Schwörhausgasse noch erhalten sind, hat sich 
im Lauf der Jahrhunderte eine abgesonderte Nieder 
lassung gebildet, deren altertümlicher Charakter bis auf 
die Einzelheiten heute noch unverfälscht erhalten ist. 
Zwei inselbildende Blaukanäle mit ihren Werken durch 
ziehen das gegen die Donau fallende Gelände und geben 
demselben frisches, strömendes Leben. Hier in wohl- 
häbigen großen und kleinen Giebelhäusern wohnt an den 
geräumigen Gassen und Plätzchen alles, was mit dem 
Wasser in nähere Berührung tritt, vor allem aber der 
Stand der Schiffer und Fischer, deren früher so zahl 
reiche und hochangesehene Zunft nunmehr auf wenige 
Vertreter zusammengeschmolzen ist. Das interessante 
Viertel zeigt kein verwirrendes Durcheinander von Gassen, 
sondern die klare Erstreckung der Hauptrichtungen ent 
lang dem fließenden Wasser mit den notwendigen Quer 
verbindungen und angemessenen Erweiterungen an den 
Knotenpunkten. Hier lebten die Männer, die trotz aller 
Hindernisse in Form neuer Verkehrsverhältnisse den 
Frachtschiffverkehr douauabwärts nach Wien und Pest 
bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts auf- 
rechterhielben und an dessen Aufhören zugrunde gingen. 
Von der uralten Schifferwohnstätte gelangen wir unmittel 
bar zum Anstieg auf die Reste der mittelalterlichen 
Bastionen gegen Westen, die in ihrer äußeren Gestaltung 
noch erhalten sind und ein Promenadenviertel tragen, 
dessen Bewohner zu den bevorzugten Bürgern der Stadt 
zählen. Inmitten prachtvoller Gärten gelegen, ergeben 
ihre Villen reizende Ausblicke einerseits auf die Stadt 
mit dem Münster, anderseits auf das Gelände an der 
Donau und Iller oberhalb der Stadt, während sie selbst 
von dem umgebenden Getriebe abgeschieden sind durch
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.