Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1909)

27. Februar 1909 
BA UZEITUNQ 
G7 
Ländliche Bauten 
Abb. 4 
ihren sozialen und geistigen Beziehungen 
und Wirkungen zu beobachten und zu regeln, 
ist die Aufgabe, die für die Architekten und 
Ingenieure des zwanzigsten Jahrhunderts 
hinzutreten muß. 
Daß in Deutschland beide Aufgaben bisher so völlig 
getrennt voneinander gehalten wurden, hat durch un 
sachgemäßes Bevormunden, plumpe Schwerfälligkeit, nutz 
lose Reibungen, verbohrte Einseitigkeit und dumpfe Ver 
drossenheit unsrer Kulturentwicklung schwere Nachteile 
gebracht. Erst seit Mitte der neunziger Jahre wird immer 
klarer erkannt und immer deutlicher ausgesprochen, daß 
die Meinung, zur erfolgreichen Schaffung, Verwaltung 
und Ueberwachung, kurz zur Leitung von vorwiegend 
technischen Angelegenheiten und Unternehmungen sei 
Sachkenntnis nur ein sekundäres Erfordernis, nicht länger 
haltbar ist; daß aber auch die entgegengesetzte Meinung, 
zu dem gleichen Zwecke sei technische Schulung allein 
genügend, nicht Platz greifen dürfe. Daß die Architekten 
und Ingenieure letzteres Vorurteil, soweit es bei ihnen 
bestanden hat, fallen lassen, daß sie heute weniger auf 
unmittelbare Hebung ihrer Stellung von außen her aus 
gehen, als vielmehr durch ständige Arbeit an sich selbst 
neue Ansprüche auf solche Hebung zu gewinnen suchen, 
das kennzeichnet den Umschwung, der im letzten Jahr 
zehnt in ihren Anschauungen allgemein eingetreten ist. 
Als unsern ersten Hauptwunsch sprechen 
wir aus; Der Unterrichtsbetrieb der Tech 
nischen Hochschule ist so ein zu richten, daß 
die Studierenden die Möglichkeit einer har 
monischen, weitere Lebensgebiete einschließen 
den Ausbildung gewinnen, die sie befähigt, 
über die Grenzen der eigentlich technischen 
Tätigkeit hinaus, immer aber auf deren Grund 
lage, sich tätig, regelnd und leitend an der 
Pflege und Hebung unsers nationalen Kultur 
zustandes zu beteiligen. 
Es muß mehr Raum geschaffen werden für diejenigen 
Wissenschaften, welche das technische Handeln in Be 
ziehung zu dem einzelnen Menschen oder zu den mensch 
lichen Genossenschaften setzen. Sie mögen als sozio 
logische, und wenn neben den Beziehungen zu den 
materiellen auch solche zu dem geistigen Leben des 
Menschen in Frage kommen, als kulturelle Wissenschaften 
bezeichnet werden. Für den Techniker kommen vorzugs 
weise in Betracht; Wirtschaftslehre, Rechtskunde, die 
modernen Sozialwissenschaften, Aesthetik, Ethik und 
Philosophie. Schon bei einfachen technischen Werken 
sind Kompromisse zwischen technischen und soziologischen 
Forderungen nötig, die am glücklichsten und schnellsten 
der planende Techniker mit sich selbst abschließt, wenn 
er nur neben seinen technischen Kenntnissen auch Ver 
ständnis für die anderweitigen Bedürfnisse hat. Kommen 
aber fortdauernde technische Leistungen in Frage, wie 
zum Beispiel der Bau ausgedehnter Verkehrsnetze, Stadt- 
erw r eiterungen, Flußkorrektionen, der Betrieb von Eisen 
bahnen und großen Fabriken, wie laufen da technische, 
wirtschaftliche, rein soziale und oft auch ästhetische An 
sprüche durcheinander und ringen um Anerkennung! 
Es wäre unmöglich, ja sogar schädlich, nunmehr alle 
Studierenden in diese trotz der vorhandenen Ansätze 
neuen Gebiete hineindrängen zu wollen. Auch viele 
akademisch gebildete Techniker müssen sich im Berufs 
leben auf die rein technische Tätigkeit beschränken, 
schon deshalb, weil ihre eigne Veranlagung ihnen diese 
Grenze zieht. 
Für diejenigen Studierenden, die sich befähigt fühlen, 
in Privatunternehmungen und öffentlichen Körperschaften, 
Staat, Provinzen, Gemeinden leitende Stellungen zu er 
ringen, müssen, um ein gründlicheres Eingehen auf die 
soziologischen Wissenschaften zu ermöglichen, die tech 
nischen Wissenschaften sich einer Selbstbeschränkung unter 
ziehen. Sie ist unvermeidlich, weil unter keinen Umständen 
eine Verlängerung des Hochschulstudiums Platz greifen 
darf, und doch soll auch keine Herabminderung der 
technischen Leistungsfähigkeit des gesamten Standes ein- 
treten. Diese Schulplanreform bietet die größten sach 
lichen und persönlichen Schwierigkeiten dar und muß 
deshalb rasch, kräftig und zugleich vorsichtig in Angriff 
genommen werden. Nur angedeutet sei, daß es wohl 
ratsam wäre, alles, was den verschiedenen technischen 
Sondergehieten, einerseits der Architektur, anderseits dem 
Ingenieurwesen gemeinsam ist, inVorträge und Hebungen 
als ,Allgemeine Technik 1 zusammenzufassen und damit 
gewissermaßen denjenigen Stock von Wissen und Können 
zu bemessen, den jeder akademisch gebildete Architekt 
oder Ingenieur beherrschen sollte. Möglichst erst im 
vierten Jahre wären daran in seminaristischer Behand 
lung die Besonderheiten bestimmter Wissenschaftsgebiete 
anzuschließen. Die zu frühzeitige Spezialisierung ent 
wickelt bei Studierenden und Lehrern Einseitigkeit. 
Tritt die Spezialisierung erst gegen das Ende der 
Studienzeit ein, so reich wie sie will, so kann an 
genommen werden, daß die Studierenden sich über ihre 
besonderen Befähigungen und Ziele klar sind, und es 
wird ihnen überlassen werden können, sich nur einzelnen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.