Volltext : Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1913)

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Verunreinigung der Zwischendecken der Wohnräume und ihr Einfluß auf die Gesundheit der Bewohner. 392

Verunreinigung der Zwischendecken der
Wohnräume und ihr Einfluß auf die Ge—
sundheit der Bewohner.
Mittel zur Verhütung und Bekämpfung der
Verunreinigungen.

ich durch ihre grau-schwarze Farbe deutlich von der eigentlichen
Füllung abgrenzt; je weniger Füllmaterial der Zwischendeckenraum
ärsprünglich enthielt, um so mehr kann dieser meist mehr oder
veniger durchfeuchtete Schmutz sich ansammeln und einen intensiven
Fäulnißgeruch entwickeln.
Was die chemische Zusammensetzung dieser Verunreinigungen
inbelangt, so sind dieselben reich an stickstoffhaltigen Substanzen,
in Kochsalz, an Salpetersäure und an durch Alkohol extrahirbare
Stoffe.
s Um den enormen Grad der Verunreinigung zu charakterisiren,
verden die Analysen derselben verglichen mit den unter Abtrittsgruben
gelegenen Bodenschichten und von Bodenproben aus dem Straßen⸗
zrund von Städten; hier ergiebt sich, daß das Füllungsmaterial
»is 50 mal reicher an stickstoffhaltigen Zersetzungsprodukten war,
ils die am stärksten verunreinigten Bodenproben, und daß der
Boden in der Umgebung einer Düngergrube etwa 12 mal weniger
Thlornatrium und einen 1000 mal geringeren Salpetersäuregehalt
jatte, als stellenweise der Zwischenboden bewohnter Häuser.
Als weitere Verunreinigung wäre die aufzufuͤhren, welche
surch die thierischen und pflanzlichen Organismen, denen diese
Zwischendecken als Aufenthalt dienen, verursacht werden.
Man fragt sich nun: in welcher Weise können die mannig—
altigen Verunreinigungen der Zwischendecken, welche vorstehend in
Betrachtung gezogen sind, einen nachtheiligen Einfluß auf die Be—
wohner äußern und deren Wohlbefinden resp. Gesundheit alteriren?
Die unumgängliche Voraussetzung zu einer Einwirkung ist
viederum die Kommunikation des Zwischendeckenraums mit der
Luft der Wohnräume, sei es durch breite Fugen zwischen den
Dielen, sei es durch unvollkommenen Anschluß der Dielen an das
Mauerwerk und Defekte in den Wandleisten.
Unter den Krankheiten, welche von einigen Autoren uit dem
Fehlboden in ursächlichen Zusammenhang gebracht sind, steht oben—
in der Abdominaltyphus, der ja vielfach als exquisite Boden—
rankheit aufgefaßt wird, entstehend durch einen verschleppbaren, außer—
jalb des menschlichen Körpers sich reproduzirenden Infektionskeim.
Da nun erweislich bei manchen Typhus-Epidemien nicht nur
inzelne Straßen und Häuser, sondern sogar einzelne Zimmer von
yphösen Erkrankungen in auffallendster Weise heimgesucht wurden,
ag es nahe, die Brutstätte für die Entwickelung und Verviel—
ältigung des krankheitserregenden Spaltpilzes in den Wänden oder
Fußböden, resp. unter den letzteren zu suchen. In der That findet
nan solche Hinweise lange, ehe die allgemeine Aufmerksamkeit durch
Emmerich auf die Zwischendecken gelenkt wurde, in den Schilde—
ungen einiger Typhusepidemien ausgesprochen. So sagt Professor
Lindwurm 1873 in seinem Vortrage über Typhusinfektion im
irtzlichen Vereine in München: „Boden und Grnundwasserbewegung
ind nicht die einzigen ätiologischen Momente des Typhus. Was
er Boden im Großen, das ist unter günstigen Verhältnissen im
leinen der Fußboden des Zimmers, die Wand des Hauses ꝛc.
Vie in der Tiefe der Erde, so können auch in einer Fuge, einer
Spalte des Bretterbodens eines Zimmers die für die Wucherung
— —
Dieser Erkenntniß der uns drohenden Gefahr schließt sich die
Frage an: welche Mittel stehen uns zu Gebote, um die Entstehung
der Verbreitung von Insektionskrankheiten aus den Zwischendecken
iu verhüten. Unseres Erachtens giebt es zwei Wege, um diesen
chädlichen Einflüssen zu begegnen. Einerseits stelle man den Bau—
echnikern die Aufgabe, jede Kommunikation der Zwischendeckenluft
nit den Wohnräumen zu verhindern, indem ‚ein hermetisch ab—
chließender, wasser- und luftdichter Fußboden konstruirt wird.
Andererseits sucht man die Möglichkeit einer regelmäßigen Desin—
ektion des Zwischendeckenmaterials herbeizuführen und dadurch
twaige Verunreinigungen desselben unschädlich zu machen, indem
nan gleichzeitig den Zustand der Unzugänglichkeit beseitigt, den
jeutzutage im Allaemeinen die Zwischendecken bewohnter Häuser
neten.
Welche Art von Desinfektion dabei zunächst nur in Frage
ommen kann, so kann es nur dieselbe kräftige und wohlfeile Desin—
ektion sein, die wir täglich in unseren Wohnräumen in Anwendung
ringen, die ohne unser Zuthun in unseren Straßen, in Feld und
Wald wirksam ist, um die Fäulniß organischen Materials zu be—
chränken, die Bildung von Brutstätten für Insektionsstoffe zu
jindern, d. i. die Ventilation, die Desinsektion durch den
dridirenden Sauerstoff der Luft.
Neben diefer Ventilationsfähigkeit des Zwischendeckenraumes
und der Impermeagbilität der Fußböden kommt die Wahl eines
nöglichst reinen Füllmaterials in Betracht, sofern wir dasselbe nicht
iberhaupt entbehren können.
Es wäre ja naheliegend, nachdem einmal die Schädlichkeit
des unrein eingebrachten oder später verunreinigten Füllmaterials
der Zwischendecken festgestellt ist, dasselbe einfach fortzulafsfen, alle

Unter dieser Ueberschrift bringt die „Teutsche militärärztl.
Zeitschrift“ eine durch 3 Hefte sich erstreckende Studie aus der Feder
son Dr. Raths, Stabsarzt in Königsberg in Ostpr. und es wird
insern Lesern willkommen sein, eine ärztliche Stimme über diese
ft ventilirte Frage zu hören. Wir theilen deshalb das für bau⸗
echnische Kreise Wichtige im Auszuge nach dem „Wochenblatt für
Baukunde“ mit: I .
de neuere Forschung in der Medizin sucht die spezifischen
Ursachen der Infektionskrankheiten einestheils in den Geweben des
ebenden thierischen Körpers, anderntheils außerhalb desselben in
den frei uns umgebenden Wiedien, Luft, Wasser, Boden und wendet
cur Zeit ein Hauptaugenmerk auf den Boden zu unseren Füßen.
Anfangs der siebziger Jahre legt Plage in seinen viel zitirten
Studien über Krankenhäuserr) ein großes Gewicht vom sanitären
Standpunkte auf die Fußbodenkonstruktion und führt das Entstehen
des üblen Hospitalgeruchs wie auch die Entwickelung von Weiasmen
in den Kraukenzimmern auf die Undichtigkeit der schlechten Fuß—
»öden zurück. „Mit der Herstellung der Fußböden“, sagt Plage,
„hängen die wichtigsten Fragen für, ein Kraukenhaus zusammen,
s sind dies die Erhaltung der Reinlichkeit und die Abhaltung an—
teckender oder luftverderbender Ausdünstungen.“
Das Verdienst, die Qualität des Materials unter den Fuß—
höden unserer Wohnungen vom ärztlich-hygienischen Standpunkte
zuerst wissenschaftlich beleuchtet und diese Frage auf Grund sorg—
ältiger und mühevoller, chemisch-physikalischer Unterfuchungen fast
erschöpfend behandelt zu haben, gebührt dem früheren Assistenten
)es hygienischen Instituts zu Leipzig, Dr. Emmerich, welcher Ende
des Jahres 1882 in der Zeitschrift für Biologies) seine diesbe⸗
üglichen, mehrjährigen Forschungen unter dem Titel „die Verun—
reinigung der Zwischendecken unserer Wohnräume in ihrer Be—
iebung zu den ektogenen Infektionskrankheiten“ veröffentlichte.
Nach seiner Darstellung unterscheidet man zweckmäßig 1. die
vährend des Baues in die Zwischendecken gelangenden, hauptsächlich
in dem eingebrachten Material enthaltenen Unreinigkeiten, und 2. die
vwährend der Benutzung der Wohnräume in den Zwischendecken
iich ablagernden Verunreinigungen. Als Material zu der Aus—
füllung der Balkenfache wird empfohlen und im Allgemeinen ge—
braucht: Sand, Lehm, Asche, Kohlenschlacke, endlich als besonders
illig und leicht zu erhalten: trockener Bauschutt.
Obgleich der letztere wenig mehr gebraucht wird, so glaubt
der Verfasser doch mit demselben rechnen zu müssen, da er in vielen
Lehrbüchern, so auch in dem deutschen Baubandbuche, empfohblen
vird
Unter Verunreinigung sind nicht die organischen Bestandtheile
in sich, sonderu nur die animalischen Substanzen, welche einerfeits
m Stickstoffgehalt, andererseits im Alkoholextrakt sich zu erkennen
jeben, drittens endlich durch einen Gehalt an Chlornätrium sich
auszeichnen, anzusehen und von dem Füllmaterial auszuschließen.
Nach dieser Richtung hin werden ärztlicherseits dem Bautechmker
gewisse Einschränkungen auferlegt, im Uebrigen wird je nach ört—
lichen Verhältnissen dem einsichtsvollen Techniker für die Wahl
des leicht zu beschaffenden geeigneten Füllmaäterials ein gewisser
Svielraum gelassen.
Die Gefahren einer Verunreinigung der Zwischendecken liegen
chon vor, während das Haus noch gebaut wird, sie verschwinden
ndessen an Bedeutung gegenüber den von Seiten der Bewohner
drohenden Verunreinigungen, sobald erst durch die Austrocknung
ind den Schwund der Böden eine Kommunikation des Zwischen⸗
veckenraumes mit den Wohnräumen hergestellt ist.
In diesen unvermeidlichen Spalten und Ritzen, in denen
Alles, was durch Abnutzung unserer Möbel, Kleider und sonstigen
Atensilien im Zimmer siaubartig sich ansammelt, was von unserer
Nahrung unbegchtet zu Boden fällt, endlich was von unserm Schuh—
werk von Straßenschmutz in die Wohnung getragen wird, sich zusammen⸗
haͤuft und in die Zwischendecken theils durch unsere Tritte mecha⸗
nisch hineingepreßt, theils durch die Erschütterungen des Fußbodens
zelockert und hineingestreut, theils durch das Scheuerwasser hinein⸗
zeschwemmt wird. Daher findet man zumal wo die Dielen der
Füllung nicht fest aufliegen, beim Aufreißen des Fußbodens un—⸗
mittelbar unter den Dielen eine Schmuß, und Siauhbschicht, die

I — für Bauwesen 1873. S. 306 ff.
Reitschrift fjür Biologie 1882 Sä 4
            
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