29. November 1913
BAUZEITUNG
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der Großindustrie wie beim Grundstücks- und Baumarkt
in Berlin beteiligt sind: „Berlin kann keine Bausperre
brauchen, Berlin macht nicht mit.“ So sieht die Hilfe von
dieser Seite aus. Die Großindustrie geht aber noch weiter.
Sie nimmt, da im Baumarkt Arbeit fehlt, Tausende von
Arbeitern direkt auf zu billigeren Löhnen als den Tariflöhnen
und macht die früher an Unternehmer vergebenen
Bauarbeiten selber.
Nun zum anderen Verbündeten. Die Konservativen,
richtig der Bund der Landwirte, ist mehr und mehr zu
einer Produktions- und Handelsgenossenschaft geworden.
Wo es zweckmäßig war, wurden landwirtschaftliche Baukammern
gegründet und die Landwirte bei Bauten an
diese Baubüros gewiesen. Von dort aus werden nur solche
Handwerker und Gewerbetreibende beschäftigt, welche
sich als skrupellose Schleppenträger für die politischen
Agitationszwecke des Bundes gebrauchen lassen. Aufrechte
Männer mit eigener Meinung werden aus allen Beziehungen
gedrängt.
In den Verwertungsstellen für landwirtschaftliche Erzeugnisse
läßt man die sich andrängenden Erntefrüchte
lieber verderben, als daß man sie zu mäßigeren Preisen
an die Mittelstandsbevölkerung der Städte abzugeben sich
entschließt. Kaum ist dies Verfahren vom Boykott noch
zu unterscheiden. So sieht die Mittelstandsfreundlichkeit
des anderen Verbündeten aus! Neuerdings liest man über
die Mittelstandsfreundlichkeit unserer Großagrarier aus
Niederschlesien, daß diese als Antwort auf die Vereinigung
der dortigen Schmiede zur Erzielung einheitlicher
Preise die Gründung einer großen Genossenschaftsschmiede
mit genossenschaftlichem Eisenlager geplant
haben und später diesem gewerblichen Unternehmen eine
Stellmacherei angliedern wollen. Ist dies vielleicht die
„Gemeinschaftsarbeit“, von welcher in Leipzig die Rede
war?
Dem Mittelstände kann nicht laut genug zugerufen
werden: „Seht Euch vor! An ihren Früchten sollt ihr
sie erkennen!“
Mit nachahmenswerter Entschiedenheit hat zu diesen
Fragen die Generalversammlung des Nord westdeutschen
Arbeitgeberverbandes im Baugewerbe Stellung genommen,
welcher einen großen Teil der Provinz Hannover
umfaßt. Sie faßte nach gründlicher Erörterung aller Gesichtspunkte
einstimmig folgenden Beschluß:
„Die ordentliche Generalversammlung des Nordwestdeutschen
Arbeitgeberverbandes im Baugewerbe, welcher
die Provinz Hannover pp. umfaßt, hat folgenden Beschluß
einstimmig gefaßt:
Die Lage des Baugewerbes in ganz Deutschland ist
heute und seit Jahr und Tag trostloser, als seit Jahrzehnten.
Die schlimmsten Zeiten der schrankenlosen Gewerbefreiheit
reichen nicht heran an den gegenwärtigen Zustand
in diesem größten Gewerbe. Die durch die Verteuerung
aller Lebensmittel in den letzten Jahren ungeheuer
gestiegenen Löhne, wie die durch Syndikate und
Kartelle in die Höhe getriebenen Preise aller Materialien
haben dem Baugewerbe jede Möglichkeit genommen, auch
nur den bescheidensten Nutzen aus seiner verantwortungsvollen
Arbeit zu ziehen, so daß zurzeit in ganz
Deutschland die Bautätigkeit so gut wie lahmgelegt ist,
obwohl in manchen Städten bereits Wohnungsnot
herrscht.
Der Deutsche Arbeitgeberbund im Baugewerbe hat
beim Abschluß des Tarifvertrages im letzten Frühjahr im
Interesse des gewerblichen Friedens und auf Drängen der
obersten Behörden mit Rücksicht auf die damals gefährdete
politische Lage einer Erhöhung sämtlicher Löhne zugestimmt,
trotzdem der Niedergang des Baugewerbes bereits
eine Tatsache war.
Inzwischen sind Tausende von Arbeitern, welche im
Baugewerbe keine Beschäftigung mehr fanden, von der
Großindustrie direkt aufgenommen und arbeiten dort zu
wesentlich billigeren Löhnen als den Tariflöhnen. Gewiß
ein wirtschaftlich unhaltbarer, ungesunder Zustand.
Zur Besserung der Lage des Baugewerbes müssen wir
verlangen, daß die Industrie die Solidarität mit uns aufrecht
erhält und unseren Tarifvertrag anerkennt. Wir
wenden uns ferner gegen die Tätigkeit der zahlreichen
landwirtschaftlichen Baukammern, welche unsere direkten
Beziehungen zum Lande beeinträchtigen und durch direkten
Materialankauf uns häufig jede Verdienstmöglichkeit
nehmen.
Wir müssen schließlich von allen Kommunal-Verwaltungen
und allen Behörden verlangen, daß sie die Hand
bieten zur Hebung der Notlage des Baugewerbes dadurch,
daß sie ernste Schritte tun zur Beseitigung der Mißstände
im Submissionswesen, durch Ausschaltung unlauterer
Schleuderofferten, durch gründliche Veranschlagung aller
im Anschläge auszuführenden Arbeiten, durch anteilige
Uebernahme der durch den Arbeiterschutz entstehenden
Kosten, wie endlich dadurch, daß den zahlreichen Baugenossenschaften
nicht weiterhin die Mittel öffentlicher
Kassen, wie insbesondere der Versicherungsanstalten, zu
Vorzugsbedingungen zugewendet werden.“
Vereinsmilleilungen
Württ. Baubeamten-Verein. Bestellungen auf das Gewerbeblatt
mit Beilagen pro 1914 durch den Verein können
beim Kassier, Bezirksbaumeister Grotz, Teckstraße
40 in Cannstatt, nur bis längstens 15. Dezember d. J. gemacht
werden, welcher auch die Beträge hiefür mit dem
Jahresbeitrag zum Einzug bringt.
Ges. Liederkranz der Königl. Baugewerkschule. Am
Samstag den 6. Dezember d. J. findet von abends
8 Uhr ab unser Tanzkranz im Festsaal der „Bauhütte“
statt, wozu geziemendst eingeladen wird.
Der Ausschuß.
Württ. Verein für Baukunde. Einer Einladung von
Oberbaurat Eisenlohr folgend nahm der Verein am 23.
November eine Besichtigung der neuen Kunstgewerbeschule
auf dem Weißenhof vor, wozu sich eine große Anzahl
von Mitgliedern nebst deren Damen und verschiedenen
Gästen eingefunden hatten. Die Bauanlage tritt dem
von der neuen Straßenbahnhaltestelle Herkommenden als
mächtig aufragender Hauptbau mit nach Norden hin angehängten
niedrig gehaltenen Flügelbauten entgegen.
Links des Eingangs befindet sich ein Ziergarten zur Aufnahme
der Studienzwecken dienenden Pflanzenarten; in
der Mitte ein mit Springbrunnen versehenes Wasserbekken,
das für die Wasserpflanzen bestimmt ist. Der Eingang
selbst ist auf einer Freitreppe zugänglich und von
zwei mächtigen Säulen flankiert. Im unteren Geschoß befindet
sich links vom Eingang das Pförtnerzimmer und
daran anschließend der Raum für die Bibliothek und das
Lesezimmer. Nach Süden zu schließt sich der große Zeichen-
und Festsaal an, der durch zwei Stockwerke hindurchgeht
und gegen die Straßenseite zu eine Galerie enthält,
auf welcher zahlreiche Glaskästen mit ausgestopften
Vögeln sowie anderen Tierarten Aufnahme gefunden haben.
Es schließen sich in dem rückwärtigen Teil weiter
an ein kleines Laboratorium sowie Unterrichtssäle. Rechts
des Eingangs sind ein Ablegeraum, Zimmer der Verwaltung
sowie die Räume für die Buchdruckerei eingerichtet.
Darunter auf der Nordseite des Hauptbaus befindet sich
die Kantine. Diese Einrichtung hat sich in der kurzen
Zeit schon derart gut bewährt, daß man bereits daran
geht, den anschließenden, ursprünglich für die Schlosserei
bestimmten Raum, welch letztere aber noch nicht eingerichtet
ist, hinzuzuziehen und drei verschiedene Speiseräume
für die Schüler, für die Damen und für die Professoren
anzuordnen. Später wird voraussichtlich, wohl
in Verbindung mit dem geplanten Neubau der Akademie
der bildenden Künste, eine besondere Speiseanstalt erstellt