Full text: Bauzeitung für Württemberg, Baden, Hessen, Elsaß-Lothringen (1914)

23. Mai 1914 
BAUZE1TÜNG 
167 
Vereinsmilteilungen 
Württ. Verein für Baukunde. 
Am 13. Mai führte der Verein einen Besuch des Stadt. 
Elektrizitätswerks Münster, sowie der im Bau begriffenen 
Dücker- und Stollenanlage der Stuttgarter Kanalisation 
aus. Unter Führung des Erbauers, Stadtbaurat Maier, 
sowie des Direktors \Vunder der Städt. Elektrizitätswerke 
wurde zunächst die neue Bekohlungsanlage bei Münster 
besichtigt. Früher geschah die Kohlenzufuhr vom Bahn 
hof Münster aus, wofür neben einem Lastauto ständig 
17 Mann erforderlich waren. Nunmehr ist vom Bahnhot 
Münster aus, entlang der Bahn Kornwestheim-Untertürk 
heim, ein Stichgleis gelegt worden, das am Brückenkopf 
in einer Schiebebühne mit Wägevorrichtung endigt. Der 
Wagen wird, nachdem er an seinen Achsen festgeklemmt 
ist, nach der Kopfseite zu gekippt und in den unten be 
findlichen Bunker, der etwa 15 Waggon aufnehmen kann, 
entleert. Von dort fuhrt eine 1 längebahn nach dem 
großen Bunker mit einem Nutzinhalt von rund 200 
Wagenladungen; mittelst einer weiteren Hängebahn ge 
langt die Konle in den Heizraum des Werkes. Die ganze 
Einrichtung hat rund 300 000 M. gekostet. Nach Be 
sichtigung der bekonlungsanlage, sowie einem (Jang 
durch das Werk selbst mit seinen drei großen Dampi- 
turbinen, zu denen demnächst noch eine vierte kommt, 
öegab man sich nach der auf der anderen Straßenseite 
gelegenen Dückerbaustelle des Stuttgarter Hauptsammel 
kanals. Vor Uebergang des Kanals in den Dücker ist ein 
Kiestang angebracnt, der später ununterbrochen ausge- 
haggert wird; außerdem kann hier das über eine sechs 
fache Verdünnung hinaus anfallende Regenwasser unmit 
telbar abgelassen werden. Der Regenauslaß mündet in 
den Kunlwasserkanal des Elektrizitätswerks ein, der schon 
jetzt einen recht ansehnlichen Bach darstellt und nach 
dem Vollausbau des Werks rund 5000 1-sek., d. h. fast 
den ganzen Neckar benötigen wird. Der Dücker ist jetzt 
bis zur Mitte des Flusses fertig gestellt, während an der 
zweiten Hälfte noch gearbeitet wird. Unternehmerin ist 
die l iefbautirma Gerber & Söhne, die auch den großen 
Stollenbau ausführt. Vom Dücker ab verläuft der rlaupt- 
kanal zunächst unter der neuen Hofener Straße, sodann 
zwischen Neckar und dem Steilabhang der Weinberge bis 
unterhalb der Fähre von Münster, wo der Stollen be 
ginnt. Dieser durchschneidet das Muschelkalkgebirge in 
2 km Länge, um unterhalb Hofen in die Kläranlage aus 
zumünden. Mit dieser Länge stellt der Tunnel den läng 
sten derzeit in Württemberg vorhandenen Gebirgsdurcn- 
bruch dar; doch wird er später noch von dem Stollen 
des Teinacher Kraftwerks, das sich gegenwärtig gleich 
falls im Bau befindet, übertroffen werden. Der Hofener 
Stollen ist von beiden Seiten her bis nahe der Mitte vor 
gedrungen; hier sind etwa noch 100 m zu durchschlagen. 
Am Eingang des Tunnels befindet sich die Maschinen 
anlage zur Ergänzung der nötigen Frischluft sowie der 
Druckluft für die üesteinsbohrer. Die Ausmauerung des 
Stollens wird, je nach dem vorhandenen Gebirgsdruck, 
mit ein-, zwei- oder dreifachen Backsteinschichten her 
gestellt. Nach Begehung der ganzen Kanalanlage wurde 
der I unnel selbst besucnt, wobei man bis vor Ort vor 
drang und dort die Bohrer in Tätigkeit sah. An die 
mehrstündige Besichtigung schloß sich ein wohlverdien 
ter Abendtrunk im Kursaal an, bei dem Oberbaurat Euting 
den liebenswürdigen Führern den besten Dank des Ver 
eins aussprach. W. 
Württ. Verein für Baukunde, ln der 8. ordentlichen 
Versammlung am 16. Mai hielt Stadtbauinspektor Feuch- 
tinger-Kiel einen Lichtbildervortrag über den kürzlich er 
bauten eisernen Unterwassertunnel der Stadt Kiel unter 
dem Kaiser-Wilhelm-Kanal. Der Tunnel dient zur Unter 
führung der Dückeranlage der Kieler Kanalisation und 
wurde erforderlich, weil von der Behörde die jederzeitige 
Zugänglichkeit der Dückerrohre verlangt war. Das 
sonst übliche Abdecken der Dückerrohre war hier nicht 
anwendbar, weil die Schiffahrt im Kanal in keiner Weise 
behindert werden durfte. Vielmehr konnte von allen 
heutzutage bekannten Bauweisen eines Unterwassertun 
nels nur das Schildverfahren benutzt werden, das bekannt 
lich in England im Verlauf der letzten Jahrzehnte schon 
eine umfangreiche Verwendung gefunden hat. Es war 
die Bedingung gestellt, daß ein Querprofil von 136 m 
Länge und 13 m Tiefe vollständig frei gehalten wurde; 
dementsprechend wurde der Tunnel aus einer 180 m 
langen geraden Strecke hergestellt, die beiderseits je von 
einem Einsteigschacht begrenzt wird und einen Durch 
messer von 3 m hat. Die Bauarbeiten begannen mit der 
Absenkung des Schachtes auf der Südseite; von hier aus 
wurde sodann der Tunnel nach Norden zu vorgetrieben. 
Der Schild ist nach Art eines Büchsendeckels über die 
Tunnelröhre eingestülpt; durch verschließbare Oeffnun- 
gen in der vorderen Wand wurde das dickflüssige Boden- 
material eingelassen, um in der Röhre nach rückwärts be 
fördert und durch den Schacht ausgeschlürft zu werden. 
Der Schild wurde durch Druckluftpressen, die auf die 
ganze Fläche verteilt angeordnet waren, jeweils um / m 
vorgeschoben; nach dem Vortrieb begann hinten sofort 
der Weiterbau an der Tunnelröhre. Die letztere bestand 
aus je 25 cm breiten Ringen, die aus vier einzel einge 
schleusten Stücken ungleichschenkligen 1-Eisens zusam 
mengenietet wurden. Die Fugen wurden mit Blei ausge 
stemmt und die neu eingebrachten Ringe sofort mit flüs 
sigem Zementbeton durch Einpressen hintergossen, wäh 
rend die Zwischenräume zwischen den beiden kurzen 
hinteren Flanschen der Ringstücke schon vor dem Ein 
bringen der einzelnen Teile ausbetoniert worden waren. 
Erst nach vollständiger Fertigstellung der Tunnelröhre 
und nach längerer Beobachtung derselben auf Wasser 
dichtigkeit wurde auch das Innere ausbetoniert, so daß 
schließlich das Eisen mit einem vollständigen Rostschutz 
mantel umgeben war. Besondere Vorsicht erforderte der 
gleichmäßige Vortrieb des Schildes, da die Bodenüber 
lagerung teilweise nur 2 m betrug und man daher bei der 
geringsten Abweichung von der Tunnelachse einen Was 
sereinbruch von oben, beziehungsweise einen Luftaus 
bruch nach dort zu gewärtigen hatte. Unter diesen Um 
ständen mußten auch die weitgehendsten Sicherheitsmaß 
nahmen für Leben und Gesundheit der Arbeiter getroffen 
werden. Tatsächlich gelang es durch die aufgewandte 
Sorgfalt, den Bau ohne größeren Unfall zu Ende zu füh 
ren. Der tägliche Vortrieb in drei achtstündigen Schich 
ten betrug durchschnittlich 1.69 lfdm, die Bauzeit war 
im ganzen 18 Monate, die Ausführung geschah durch die 
Tiefbauunternehmung Habermann & Guckes, A.-G. in 
Kiel, welche den Bau zu einem Pauschalpreis von 460 000 
Mark übernommen hatte. — Nach Schluß des Vortrags 
wurde dem Redner, der seine Ausführungen an zahlrei 
chen Lichtbildern erläuterte, vom Vorsitzenden der ver 
bindlichste Dank ausgesprochen. — W. 
Hess. Techniker-Verband. Bei der letzten Haupt 
versammlung wurde neben der Bauzeitung als „Fachzeit 
schrift“ die Hessische Beamtenzeitung als „Verbands- 
organ“ gewählt und es sind inzwischen schon 2 Nummern 
derselben unsern Mitgliedern zugegangen. Sollten einige 
Mitglieder die Beamtenzeitung noch nicht erhalten haben, 
bitten wir um alsbaldige Mitteilung, damit wir das Erfor 
derliche bei dem Verlag veranlassen können. 
Die Schriftleitung. 
Kleine Mitteilungen 
Vom Berliner Opernhaus. Wie eine Korrespondenz 
berichtet, beabsichtigt das Abgeordnetenhaus, die Bewilli 
gung der ersten Rate für den Neubau des Opernhauses in 
Berlin auf den Herbst zu verschieben. Man will über die
	        

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